Die Nachricht klang für normale Konsumenten vermutlich ein wenig banal, für Freunde des mechanischen Zeitmessers hingegen war sie ein eigentlicher Knaller: Jaeger-LeCoultre kündigte Anfang Februar dieses Jahres die Lancierung zweier neuer Uhren an, beide mit einem neuen eigenen automatischen Chronographenwerk.

Um die Tragweite der Nachricht zu verstehen, muss man wissen, dass es zwar unendlich viele automatische Chronographen verschiedenster Marken gibt, im Herzen dieser Stoppuhren allerdings meist die gleichen Werke ticken.

Man kann sie ziemlich genau an den Fingern einer Hand abzählen.

Besonders berühmt ist das Werk von Zenith El Primero, dem ersten automatischen Chronographen überhaupt. Nicht mehr produziert wird das praktisch zeitgleich unter anderem von Breitling entwickelte Kaliber 11. Die Grenchner Firma legte eben ein Remake der Uhr mit der Krone auf der linken Seite auf. Rolex baut in seine Daytona ebenfalls einen eignen «Motor» ein. Und zum Klassiker ist das automatische Chronographenwerk der Werkschmiede Valjoux geworden: Es tickt in vielen Uhren. Aber nüchtern besehen, ist die schweizerische Uhrenindustrie punkto automatischer Chronographen eine eigentliche Verpackungsindustrie: Man nimmt Werke ab der Stange und packt ein gutes Gehäuse darum.

Dass sich die vom Franzosen Jérôme Lambert geführte Uhrenmarke Jaeger-LeCoultre nun mit einem eigenen automatischen Chronographen in den Kampf wirft, ist für die Uhrenfreunde ziemlich spannend. Denn die Firma aus Le Sentier im Vallée de Joux ist derzeit ohnehin eine der aufregenderen Marken im Land. Sie kann sich zu Recht Manufaktur nennen, weil sie wie bloss ganz wenige Mitbewerber wirklich beinahe jedes Detail ihrer Uhren selber baut und eine unglaublich grosse Fertigungstiefe aufweist. Sie hat ein interessantes Produkteangebot, und Jaeger-LeCoultre hat eine spannende Geschichte.

Den jüngsten Schritt in die Zukunft präsentierte die Manufaktur am 1. Februar 2005 in Dubai. Neben dem Chronographen Master Compressor zeigte Jérôme Lambert die Master Compressor Extreme World Chronograph, eine Uhr, die für «Furore sorgen wird», wie die «NZZ am Sonntag» bewundernd kommentierte.

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Das Besondere am neuen Produkt ist neben dem exklusiven Werk eine luftgefederte Stossdämpfung, die Schocks bis zu einer Stärke von 900 G absorbieren kann. Normale Vibrationen oder Erschütterungen, die beispielsweise beim Fahren auf einem Mountainbike oder beim Golfspielen auftreten, können dem Werk nichts mehr anhaben, sie werden locker abgefedert. Für die Freunde der mechanischen Uhr seien noch folgende technische Angaben nachgeliefert: Das Werk hat 28 800 Halbschwingungen pro Stunde, stolze 72 Stunden Gangreserve, 279 Teile. Es ist 5,6 Millimeter hoch und zeigt 24 Zeitzonen an. Geliefert werden ein schwarzes Kautschukband und ein Alligatorenlederband. Mit einem einfachen Klick können sie ausgewechselt werden, damit der Zeitmesser wahlweise zum klassischen Konzert passt oder beim Schwimmen getragen werden kann.

Am neuen Werk bemerkenswert ist die kleine Dimension. Jaeger-LeCoultre hat damit die Möglichkeit, in naher Zukunft zusätzliche Komplikationen einzubauen und Uhrensammler oder Technik-Freaks mit allerlei Zusatzfunktionen zu beliefern. Was genau geplant ist, will der Konzernchef indes nicht verraten (siehe Nebenartikel «Jaeger-LeCoultre-Chef Lambert: «Die Uhr kann überall Erfolg haben»»).

Das Antischock-System passt übrigens wunderbar zum historischen Erbe der Marke. Bekanntestes Stück der Uhrenmanufaktur ist nämlich das Modell Reverso. Den Klassiker kann man durchaus als Frühform der Antischock-uhr bezeichnen.

Auf einer Gechäftsreise durch Indien horchte der Westschweizer Geschäftsmann César de Trey auf, als britische Kolonialherren darüber jammerten, dass ihnen beim rauen Polospiel ständig die Uhrengläser zerbrachen. César de Trey reiste ins Vallée de Joux zurück und setzte sich mit Uhrenfabrikanten in Verbindung. 1931 kam für geplagte Polospieler die Lösung auf den Markt: die Reverso mit dem Wendemechanismus. Bei Bedarf dreht man das Werk; der nun aussen liegende Gehäuseboden ist viel robuster als das Glas und bricht garantiert nicht.

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Nach wie vor steht die Reverso für 50 Prozent des Umsatzes, wie Konzernchef Jérôme Lambert bestätigt. Doch der erst 35-jährige Mann hat es mit der Modellreihe Master Compressor geschafft, eine neue Produktelinie auf den Markt zu bringen, die erstens einen hohen Wiedererkennungswert hat und zweitens höchst erfolgreich angelaufen ist. In den Vereinigten Staaten ist die Master Compressor Géographique bereits die meistverkaufte Uhr.

Pikant: Der eigene Chronograph wird sehr direkt auch Zeitmesser aus dem Hause IWC konkurrenzieren – wie Jaeger-LeCoultre gehört allerdings auch das Unternehmen aus Schaffhausen zum Luxusgüterkonzern Richemont. Ein Problem sei das nicht, meint Jérôme Lambert lachend: «Ich glaube», erklärt der Franzose, «in unserem Konzern sind alle sportlich genug, um einen solchen Wettbewerb zu begrüssen.»