Der Topagent auf dem Dach von Whitehall: 007 ist jeder Lage auf der Höhe.

Hier sitzt er, aufrecht und ­ungerührt, in Anzug mit Krawatte, auf einer der schmalen Besucherbänke der National Gallery. Im Rücken ein opulent goldgerahmtes Historienbild, gemalt von einem Künstler mit dem formidablen Namen Joseph Wright of Derby. Hier wird Daniel Craig alias Agent 007 diskret eine Waffe ent­gegennehmen – in einer der ersten Szenen des neuen Bond-Films «Skyfall».

Unser Weg führt von der National Gallery im Zickzackkurs sowohl zu den Drehorten von «Skyfall» als auch zu den «settings» der berühmten Vorgängerfilme. London ist schliesslich Bond-Land. Wir befinden uns inzwischen im Regierungsviertel zwischen Downing Street, Whitehall und den wuchtigen Houses of Parliament – hier ­haben die «Cambridge Five» jahrelang Grossbritannien im sowjetrussischen Auftrag ausspioniert. «Fünf Gentleman-Schufte», sagt der Tourenführer Akin mit dem bereits britischen Sinn für stilsichere Präzision.

«Hochintelligente Absolventen der Oberschicht-Colleges und Gutverdiener, die sich aus mannigfaltigen Gründen – manche vielleicht sogar aus perverser Lust am Spiel – mit dem KGB eingelassen hatten», seien das gewesen, erklärt Akin. Und er fährt fort: «Als schliesslich 1951 die ersten beiden aufflogen und sich nach Moskau absetzten, war das für den Auslandgeheimdienst MI6 arbeitenden Mr. Fleming die Initialzündung für den Roman ‹Casino Royale›, in dem ein gewisser James Bond der Protagonist war. Darauf folgten weitere Bücher, aber der grosse Hype kam erst mit den Verfilmungen, die 1962 mit ‹Dr. No› begannen.»

Mittlerweile ist das wuchtige MI6-Building direkt vor uns am anderen Themse-Ufer. In der Realität im September 2000 von einer irischen IRA-Fraktion beschossen, hatte das Gebäude mit den dicken Mauern und unzähligen unter­irdischen Stockwerken selbstverständlich standgehalten. Als ein Jahr zuvor im Bond-Film «Die Welt ist nicht genug» Ähnliches durchgespielt werden sollte, hatte man sich anfangs noch gegen eine Drehgenehmigung gesträubt. Bis das MI6 schliesslich doch grünes Licht gab, sich zumindest virtuell von einem Schnellboot aus beschiessen zu lassen.

Und wie immer gilt – man sieht nur, was man weiss. Nun im Minibus über die Westminster Bridge, während auf dem Bord-Monitor gerade jene Szene läuft, in der Pierce Brosnan am gegenüber­­­li­e­genden Ufer ein Türchen unterhalb der Brücke öffnet, das auch in Wirklichkeit existiert.

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Ein unscheinbares Parkhaus in der Nähe des Smith­field Market 

«Eine kleine Anspielung auf den geheimen Zugang zu Churchills Weltkriegsbunker, aber wahrscheinlich nur für das britische Publikum verständlich», erklärt Akin lapidar, während wir ihn daran erinnern, dass inzwischen das filmische Interesse an den Machenschaften des Ostens abgenommen hat – sei doch just am 1. November 2006 mitten in London der russische Überläufer und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko durch radioaktives Polonium 210 ermordet worden.

Was den von Gert Fröbe unvergesslich gespielten und von Shirley Bassey besungenen «Goldfinger» betrifft: Mit diesem Bond-Abenteuer hatte sich Ian Fleming an einem ihm unsympathischen Londoner Architekten namens Ernö Goldfinger gerächt, der gegen die Namensdopplung sogar ­gerichtlich vorging, später aber die Sache mit Humor nahm. Gut zu wissen – ebenso dass das MI6-Gebäude in «Skyfall» tatsächlich ein unscheinbares Parkhaus in der Nähe des Smith­field Market ist.

Der Nachmittag ist nun bereits fortgeschritten und geht in den lichterfunkelnden Londoner Abend über – sodass wir uns von Akin verabschieden und lächelnd seinen leicht spöttisch vorgebrachten Vorschlag ablehnen. Denn so ausgehfreudig wir auch sind – ein inzwischen touristisch verpanschter Martini («geschüttelt, nicht ­gerührt») in Ian Flemings einstiger Lieblingsbar im «Dukes» am St.James Place muss es nicht sein.

«Skyfall» ist derzeit in den Schweizer Kinos zu sehen. Mehr Infos zur James-Bond-Tour

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