Wissen ist Macht», erklärte der britische Philosoph Francis Bacon (1561–1626) wohl nicht als Erster, dafür aber mit grossem Nachdruck. Zurzeit wird ähnlich argumentiert, wenn mit Recht behauptet wird, dass wissenschaftliche Forschung wirtschaftliche Macht und damit Wohlstand bringe. Sind Wissenschaftler deswegen mächtig? Mitnichten. Kein Wissenschaftler und keine Wissenschaftlerin in der Schweiz kann kurzfristig so viel Macht ausüben wie der Präsident einer Arbeitgeber- oder die Präsidentin einer Konsumentenschutzorganisation. Nur wenige können unmittelbar über so viele andere Menschen bestimmen wie etwa die Forschungschefs in der Industrie. Und selbst in den dortigen Teppichetagen bleiben Wissenschaftler in der Minderheit; die Spitzenlöhne sahnen meist Juristen und Ökonomen ab, die zum langfristigen Gedeihen der Firma weniger beitragen.

Gewinn wird eben in Quartalen gemessen. Forschung hingegen will Weile – sprich Jahrzehnte – haben. Wie dieses Rating zeigt, hält man das offenbar für eine Aufgabe des Staates. Abgesehen von einem einzigen Wissenschaftler, Jonathan Knowles, der die Roche-Forschung leitet, stehen alle «mächtigen» Wissenschaftler, die eine Wissenschaftlerin und der eine Wissenschaftsfunktionär im Sold des Steuerzahlers. Dieses Ergebnis ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass nur etwa jeder vierte Forschungsfranken in der Schweiz vom Staat finanziert wird. Die staatsfreundliche Kür könnte ein Hinweis darauf sein, dass in diesen Zeiten der Verteufelung steigender Fiskal- und Staatsquoten und der Lobpreisung von Schuldenbremsen der Sparschnitt vielleicht doch nicht am Ast erfolgen wird, auf dem wir alle sitzen.

Name Vorname (Alter)
Funktion Institution/Firma

1 - Zehnder Alexander (58)
Präsident ETH-Rat
Führungserfahrung gewann er als Direktor der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) in Dübendorf, wo er ein Budget von rund 50 Millionen Franken verwaltete und Chef von 400 Mitarbeitern war. Als Präsident der ETH leitet er ein Gremium, das über ein Budget von zwei Milliarden Franken gebietet. Überdies stellt es die strategischen Weichen für die ETHs in Zürich und Lausanne, mit Folgen für 18 000 Studenten und vier Forschungsanstalten des ETH-Bereichs, darunter auch das Paul Scherrer Institut in Villigen. Note 7,84

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2 - Patrick Aebischer (49)
Präsident ETH Lausanne
Der zweite Rang für Patrick Aebischer ist bemerkenswert. Denn eigentlich ist die ETH Zürich wichtiger als Lausanne. Aber der Macher und geschickte Taktierer hat es geschafft, seiner Hochschule viel Medienpräsenz zu verschaffen. Er gehört zur neuen Generation der Forschungs- und Wissenschaftsmanager und wertete Lausanne vorab dadurch auf, das er die Life-Sciences zu etablieren begann und mit neuen Forschungsstätten wie dem «Brain & Mind»-Institut neue Wege der Erkenntnisse beschreibt. Note 7,63

3 - Kübler Olaf (61)
Präsident ETH Zürich
Olaf Kübler ist Chef der einzigen Hochschule in der Schweiz, die zu den top 50 der Welt gehört (Cest-Rating). Der Ehemann der bekannten Literaturkritikerin Gunhild Kübler holte sich nicht nur Sympathien, als er die ETH einen Schritt nach Basel tun liess. Dort baut die ETH Zürich ein Institut für Systembiologie auf. Systembiologie gilt als zukunftsträchtige Sparte der Biologie, die auch für die Pharmaindustrie von grösstem Interesse ist. Auch für Zürich hat Olaf Kübler ehrgeizige Ziele: Ihm schwebt eine «Science City» vor, für die nur noch Hochschulzentren wie Oxford, Boston oder Cambridge als ernsthafte Konkurrenz gelten. Note 7,28

Plätze 6–10
6 Wüthrich Kurt (65)
Note 6,84
Biophysiker, Nobelpreisräger


6 Ernst Richard (60)
Note 6,84
Nobelpreisträger


6 Diggelmann Heidi (68)
Note 6,84
Präsidentin Schweizerischer Forschungsrat


9 Knowles Jonathan (56)
Note 6,80
Forschungsleiter Roche


10 Aguzzi Adriano (43)
Note 6,68
Prionenforscher Universität Zürich

4 - Aymar Robert (67)
Direktor Cern
Sein Renommee hat einen guten Grund: Der Franzose Robert Aymar hat lange das Projekt Iter geleitet, das Kürzel steht für den Internationalen thermonuklearen Fusionsreaktor – etwas burschikos gesagt, das Wahnsinnsprojekt, um die Wasserstoffbombe zu zähmen oder die Sonne in einen Reaktor zu packen. Am Cern mit seinem 27 Kilometer langen Tunnel für Teilchenbeschleuniger wurde, scheinbar wesensfremd, das World Wide Web erfunden. Bald wird die in diesem Jahr 50 Jahre alte Grundlagenforschungsstätte über den mächtigsten Teilchenbeschleuniger der Welt verfügen. Note 7,05

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5 - Kleiber Charles (61)
Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung
Charles Kleiber war zur Unterzeichnung des bilateralen Forschungsabkommens zwischen der EU und der Schweiz geladen; das illustriert seine Position. Kleiber, der nur über wenig Geld verfügen kann, waltet an entscheidenden Scharnierstellen: zwischen Bund und Kantonen zum Beispiel sowie zwischen Politik und Wissenschaft. Funktionale Macht hat er wenig, aber beeinflussen kann er die Geldströme im Wissenschaftsbetrieb sehr wohl. Note 6,96