Als Lego-Eigentümer Kjeld Kirk Kristiansen im Spätherbst nach einem zehnmonatigen Crasheinsatz an der Konzernspitze wieder ins Aufsichtsgremium zurücktrat, kündigte er für diesen Frühling vorsorglich schon mal ein weiteres Desaster an: Auch fürs Jahr 2004 werde der Spielzeugkonzern wieder hohe Verluste im dreistelligen Millionen-Franken-Bereich auftürmen. In der dänischen Landeswährung klingt es gar noch dramatischer: gegen zwei Milliarden Kronen Miese, verursacht im Wesentlichen durch Kosten für Aufräumarbeiten.

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Vier der letzten sieben Jahresabschlüsse tiefrot, beinahe ein Drittel Umsatzeinbussen seit 2002. Addiert hat Lego seit 1998 deutlich mehr als eine halbe Milliarde Franken verspielt, weltweit Dutzende von Managern gefeuert und einige tausend Arbeitsplätze abgebaut, Hunderte davon auch in der Schweiz. Schafft der Bauklötzchenkonzern jetzt wirklich den – schon mehrfach in Aussicht gestellten – Turnaround? Kjeld Kirk Kristiansen jedenfalls prophezeit optimistisch, bereits im laufenden Jahr «wieder schwarze Zahlen schreiben zu können sowie 2006 wieder zu befriedigenden Ergebnissen zu kommen». Das vermeintlich simple Renovationsrezept: zurück zu den Wurzeln, den legendären Kunststoffbausteinen mit den Noppen. Kostspielige Experimente mit digitalem Spielzeug oder Computerspielen lässt der Spieleführer eindampfen. Kleidung oder auch Uhren für Kinder können Profis aus den jeweiligen Branchen sicherlich besser fertigen und verkaufen – gegen Zahlung von Lizenzgebühren. «Wir müssen uns auf die Produkte konzentrieren, von denen wir wissen, dass die Verbraucher sie haben möchten», fordert der Eigentümer und nennt das wichtigste Kriterium: «Spielzeug, mit dem wir Geld verdienen können.»

Urs Bachmann, Sprecher von Lego Schweiz in Baar, kalkuliert deshalb auch mittelfristig mit einem «viel tieferen Umsatz als früher». Das löst zwangsläufig einen Dominoeffekt aus. Bricht der Absatz ein, braucht es weniger Produktionskapazität. Die Fabrik in Korea, erst 1996 aus dem Boden gestampft, wird per 30. Juni 2005 bereits wieder dichtgemacht. Alle anderen Werke, am Stammsitz im dänischen Billund etwa oder auch die hochmoderne Fabrikation im luzernischen Willisau, «werden bis Mai evaluiert» (Bachmann), ehe im Frühsommer wohl weitere Schliessungen verkündet werden. Die Anlage in der Innerschweiz, wo zum Beispiel die Lego-Duplo-Serie für Vorschulkinder gespritzt und auch die innovative Bionicle-Produktlinien gefertigt werden, gilt mit ihrer hohen Automation ebenso als gesichert wie der Werkzeugbau in Steinhausen ZG. Lego-Schweiz-Chef Hanspeter Jutzi, Vorarbeiter für ungefähr 400 Beschäftigte, darf mit Recht reklamieren, «die Produktivität pro Mitarbeiter in den letzten zehn Jahren verdoppelt» zu haben.

Henrik Poulsen, Mitglied der Konzernleitung und als Europachef Legos ranghöchster Manager in der Eidgenossenschaft, deutet geheimnisvoll auch Kjeld Kirk Kristiansens «spezielle Beziehung zur Schweiz» an und erinnert daran, dass die Nachkommen des Lego-Schöpfers Ole Kirk Christiansen sich «hier schon immer sehr willkommen gefühlt» hätten. Wohl auch deshalb liess der amtierende Gründerenkel Kjeld Kirk Kristiansen im vergangenen Jahr an der Sihlbruggstrasse in Baar ZG die neue Europazentrale für Marketing und Vertrieb von Lego errichten. Immerhin die Hälfte des Gesamtgeschäftes, also gegen eine Milliarde Franken Umsatz, wird aus Baar gesteuert.

Kjeld Kirk Kristiansen selbst war schon als Twen gern und häufig in die Schweiz gependelt, hatte am IMD in Lausanne seinen MBA geholt und beim eidgenössischen Lego-Ableger Managementerfahrung gesammelt. Von Schweizer Hochschulen prasselten später Ehrungen auf den Wahlschweizer mit dänischen Wurzeln ein, beispielsweise der Distinguished Family Business Award vom IMD oder der Freiheitspreis der Max-Schmidheiny-Stiftung an der Hochschule St. Gallen. Am Ägerisee oberhalb von Zug richtete sich der damalige Juniorchef ein privates Domizil ein und meldete sich natürlich auch brav als – sparsamer – Steuerbürger an.

Wichtiger als Ruhm und Ehre für die «spezielle Beziehung zur Schweiz» waren fraglos die gnädigen Steuervögte von Zug: Vater Godtfred Kirk Christiansen hatte schon im Jahr 1963 im Innerschweizer Kanton mit seinem Unternehmen Interlego die lange Zeit verborgene Schatztruhe für seine Nachkommen platziert und zum Beispiel die werthaltigen und selbst in Krisenzeiten Gewinn bringenden Markenrechte dort deponiert. Diskret erweiterte die Familie aus dem Hochsteuerland Dänemark später nach und nach diese steuerparadiesische Spielwiese, errichtete weitere unscheinbarere Gesellschaften, so zum Beispiel Kirk Kristiansen & Co. oder Kirkbi. In mehr als vier Jahrzehnten flossen seither kontinuierlich Patent- und Lizenzeinnahmen aus dem weltweiten Lego-Imperium an den Zugersee.

Der Kristiansen-Clan profitiert in der Innerschweiz allerdings nicht nur von den günstigen Steuerquoten, sondern nutzt auch die amtlich garantierte Diskretion seit Schliessung der ehedem öffentlichen Steuerdatei. Wie viele Millionen Franken zum Beispiel allein aus den weltweiten Markenrechten für das Lego-Warenzeichen bei der Kirkbi eintrudeln, wird schamvoll verschwiegen. Dabei füllen solche Einnahmen die Privatschatulle der Kristiansens auch dann ziemlich üppig, wenn das eigentliche Kerngeschäft harzt. Denn auch rückläufige Verkäufe von Lego-Spielwaren bleiben lizenzpflichtige Geschäfte.

In einer winzigen Fussnote bezifferte Lego vor drei Jahren einmal diese «Aufwendungen für Warenzeichen», bei denen es sich «im Wesentlichen um Zahlungen im Rahmen von Lizenzverträgen» handelt, «die mit Gesellschaften der Kirkbi-Unternehmensgruppe bestehen»: Allein im Jahr 2002 waren es exakt 350 Millionen dänische Kronen, umgerechnet also gegen 75 Millionen Franken und damit kaum weniger als der mit 428 Millionen Kronen öffentlich genannte Reingewinn der gesamten Gruppe.

Was allerdings konkret die von Clanchef Kristiansen gern so titulierte «Lego-Company» umfasst, wissen nur einige wenige Geheimnisträger. Der 57-jährige Vater von drei Kindern mauert kunstvoll, wenn er sich über die Firmentöchter äussern soll. Da nennt er zwar «57 Gesellschaften, die Teil der Lego-Company sind», verwirrt aber mit einem kryptischen Zusatz: «Die Gesellschaften der Lego-Company sind nicht Besitz des gleichen Konzerns und deshalb nicht von den Gesetzesvorschriften über die Erstellung von Konzernabschlüssen umfasst.»

Will heissen: Die Schweizer Geheimkonten bleiben blickdicht. Kleine Einblicke gibt es allenfalls mal, wenn innerhalb der schweizerischen Deponien umgeschichtet wird und beim zuständigen Handelsregisteramt meldepflichtige Sachverhalte deklariert werden müssen. Als die Kristiansen-Familie zum Beispiel vor neun Jahren im zugerischen Baar aus der Buchhaltung der Interlego «die Geschäftsbereiche Finanzen und Wertschriften, Nicht-Lego-Beteiligungen und Warenzeichen» zu einer anderen Familienfirma namens Kirkbi bugsierte, geschah das vertraglich «gemäss Sacheinlagenvertrag zum Preis von 390 554 600 Franken».

Die Spurensuche wird nicht einfacher, wenn sich der amtierende Clanchef auch noch anders schreibt als sein Vorgänger und Vater. Der im Jahr 1995 verstorbene Gründersohn Godtfred hatte noch unter dem Familiennamen Christiansen fiskalisch Schutz in der Schweiz gesucht. Der vermeintliche Namensträger der dritten Generation tauschte dann das «Ch» im Nachnamen gegen ein «K» aus und agiert amtlich seither als Kristiansen.

Verwirrend für externe Beobachter wirkt auch, wenn Tochterunternehmen im verschachtelten Kristiansen-Konzern namensgleich doppelt aufscheinen. Unter der Firmierung Kirkbi zum Beispiel lässt der Clan zwei Gesellschaften geschäften: eine (publizierungspflichtige) vermögende Kirkbi in Dänemark und die zwar öffentlichkeitsscheue, mutmasslich noch reichere Kirkbi in Baar. Klotziges Kapital und werthaltige Beteiligungen lagerten Ende der neunziger Jahre, bei Ausbruch der ersten Krise im Lego-Spielzeugreich, bei der skandinavischen Kirkbi – mehr als eine Milliarde Franken Cash und etliche Anteile, zum Beispiel ein Viertel vom Icopal-Konzern, dem weltgrössten Produzenten von Bitumen-Dachpappe, eine Mehrheit vom Druckerei- sowie Verpackungszulieferer Esko-Graphics oder eine Sperrminorität bei der inzwischen für 200 Millionen Franken verkauften Optikerkette Synoptik.

Die Kirkbi in Baar tritt allenfalls bei Justitia in Erscheinung, wenn nämlich irgendwo auf der Welt Lego-Patent- oder Markenrechte verletzt werden. In einem Urteil des kanadischen Bundesgerichts werden beispielsweise Kjeld Kirk Kristiansen und dessen Schwester Gunhild Kirk Johansen als alleinige Aktionäre der Kirkbi genannt. Warum sich die Geschwister die Firma Kirkbi teilen, die Interlego-Aktien laut dem Federal Court of Canada aber allein Bruder Kjeld Kirk gehören? Grosses Schweigen in der privaten Steuerzentrale zu Baar. Kirkbi-Prokurist Ulrich Meyes bestätigt einzig, dass nichts öffentlich dargeboten wird. Einen Geschäftsbericht gibt es nur in nummerierter Miniauflage: jeweils ein Exemplar für die Inhaber, die testierenden Wirtschaftsprüfer und für die Steuervögte. Doch wie prall gefüllt der Tresor sein dürfte, dokumentieren schon die wohl nur versehentlich ausgedruckten gegen 75 Millionen Franken an Einnahmen aus Lizenzgebühren allein im Jahr 2002.

Dank diesen über Jahrzehnte diskret gehäuften Rücklagen wurzelt die gerade kriselnde Lego-Gruppe mit ihren immer noch rund 7400 Arbeitsplätzen unverändert in solidem Fundament. Exakt 66 Jahre lang hatte die ursprünglich dänische Familienfirma nämlich bloss eine Richtung gekannt: Umsatzsteigerung und permanente Gewinne. Wenn in Gazetten landauf, landab nun gehöhnt wird, Lego müsse nun wegen der horrenden Fehlbeträge in der Konzernkasse die seit 1968 nach und nach errichteten eigenen vier Freizeitparks verkaufen, dürfte das neben der Realität liegen. Konzernarchitekt Kjeld Kirk Kristiansen wird das Quartett der Legoland-Parks im dänischen Billund, im englischen Windsor, im südkalifornischen Carlsbad und im bayrischen Günzburg verständlicherweise nicht zum Kerngeschäft zählen. Genau wie Uhrmacher besser Lego-Uhren herstellen und Schneider Lego-Kleider nähen können, gibt es Betreiber von Freizeitparks wie den Unterhaltungsgiganten Disney, die auch die vier Legoland-Anlagen besser managen könnten.

Jedenfalls kündigte Firmenchef Kristiansen an, die Legoland-Parks «in eine
eigene Gesellschaft auszugliedern, die ganz oder teilweise in neue Hände kommt». Der Konstruktionsbaukasten dafür existiert längst – in der Eidgenossenschaft: die Legoland Estates in Baar mit 52,6 Millionen Franken Aktienkapital. Rund 60 Millionen Besucher zählten die Parks seit der Premiere im Jahr 1968 in der dänischen Heimatstadt Billund. Und diese traten auch gleich besonders als Abnehmer von hauseigenen Bauklötzchen hervor: Mehr als 150 Millionen Lego-Steine verarbeiteten die Gestalter des Parks für eine einzigartige, weil heile Miniaturwelt mit Kopien berühmter Bauwerke.

Die neueste Attraktion bilden in Billund nachgestellte Szenen aus dem Märchenbuch des dänischen Erzählers Hans Christian Andersen. Seit dem 2. April, dem 200. Geburtstag des Dichters, zelebriert ganz Dänemark ein spektakuläres Andersen-Jahr. In aller Welt waren zuvor Andersen-Botschafter gekürt worden, zum Beispiel Kurt Aeschbacher für die Schweiz. Dänen-Prinzessin Benedikte persönlich berief kurz vor Ostern Kjeld Kirk Kristiansen zum Andersen-Ambassador. Neben der «Schneekönigin» und der «Prinzessin auf der Erbse» zählt das «Märchen vom hässlichen Entlein» zu den populärsten Andersen-Werken.

Eher hässlich sieht es derzeit auf den Baustellen im Lego-Imperium aus. So wie sich das Entlein zum stolzen Schwan mauserte, hofft Kristiansen unverdrossen auf Erfüllung seines zur Jahrtausendwende verkündeten Traums: Lego möge sich bei Familien zur bekanntesten Marke der Welt aufplustern. Im neuesten Ranking der Agentur Young & Rubicam rangiert Lego auf Rang sechs.