Die Aargauer haben es nicht immer leicht. Hartnäckig hält sich das Klischee vom «Bünzlikanton». Wie auch immer: Die Aargauer nehmen es gelassen, denn es gibt Bereiche, in denen sie mit überzeugenden Taten zeigen können, dass sie mehr draufhaben, als ihnen gemeinhin zugetraut wird.

Im Weinbau zum Beispiel. Nicht nur kann der Aargauer Weinbau auf eine zweitausendjährige Tradition zurückblicken. Aargauer Wurzeln haben auch unzählige Rebstöcke verschiedenster Sorten, die heute in den Schweizer Rebbergen stehen.

Weinanbau seit 1921

Und das kam so: 1921 gründete Albert Meier im aargauischen Würenlingen eine Rebschule. Der Bedarf an veredelten Jungreben war damals gross, da die Reblausinvasion in den Jahrzehnten zuvor europaweit einen Grossteil der bestehenden Rebanlagen zerstört hatte. Das Geschäft mit den veredelten Pfropfreben und der gewissenhaften Selektion und Züchtung der besten Klone florierte und trug wesentlich dazu bei, das Qualitätspotenzial im helvetischen Rebbau zu verbessern. Dies gilt besonders für die wichtigste Rotweinsorte der Schweiz, den Blauburgunder, der heute auch in der Deutschschweiz ­immer häufiger seinen französischen Originalnamen tragen darf: Pinot noir. Damit bringen die Qualitätswinzer zum Ausdruck, dass sie sich mit ihren Pinot-noir-Gewächsen in Stil und Qualität an burgundischen Vorbildern orientieren und auch messen wollen und können.

Ein Aargauer Pinot noir von burgundischem Format ist der «Kloster Sion Réserve» des Weinguts Zum Sternen in Würenlingen, das Andreas Meier, der Enkel von Albert Meier, seit nunmehr zwei Jahrzehnten zusammen mit der Rebschule führt. Der Cru wird aus Trauben gekeltert, die von den Kernreblagen Halde und Liebefels (nicht jedes Jahr sind es die gleichen Partien) oberhalb des ehemaligen Klosters Sion in Klingnau stammen. Seit rund tausend Jahren, mit Sicherheit aber seit der Gründung des Wilhelmiten-Klosters im Jahre 1269, werden an der einzigartigen Lage Reben kultiviert.

Anzeige

Zerstörerische Reblaus

Ende des 19. Jahrhunderts, also noch vor der Reblauskrise, waren die Rebberge im Unteren Aaretal noch mehrheitlich mit den ertragsreichen weissen Sorten Elbling, Heunisch und Chasselas bestockt. Das zerstörerische Werk der Reblaus führte nicht nur zu einer abrupten Reduktion der Rebflächen im ganzen Gebiet, sondern auch zur Neubestockung mit veredelten Reben und gleichzeitig zu einer Änderung des Sortenspiegels. Andreas Meiers Vorfahren erkannten die Eignung des Terroirs für die Sorte Pinot noir und bestockten die Parzellen, die 1894 erworben werden konnten, sukzessive mit verschiedenen selektionierten Klonen der eigenen Rebschule. Heute ist der Cru «Kloster Sion Réserve» eine Assemblage aus über 30 Klonen, darunter dem «Meier-Klon» 10 respektive dessen heutigem, in der ganzen Schweiz verbreiteten Subklon 10/5-5 sowie etlichen kleinbeerigen Burgunderklonen.

Der in burgundischer Manier vinifizierte Wein ist ein Terroirgewächs, geprägt durch die Süd-/Südwest-Lage, das milde, biesengeschützte Mikroklima sowie durch den schweren, tiefgründigen Boden aus Opalinus-Ton und stark verwittertem Muschelkalksediment. Er präsentiert sich als vollmundiger, kräftig strukturierter Wein, dem man unbedingt einige Jahre Reifezeit zugestehen sollte, damit er seine harmonische Balance finden und die aromatische Tiefe und den in ihm steckenden Finessenreichtum vollumfänglich zum Ausdruck bringen kann. In Frankreich gilt die Regel, dass grosse, noble Weine sich während mindestens zehn Jahren in positiver Richtung weiterentwickeln sollten.

Zentrales Weinlager

Dass der «Kloster Sion Réserve» diese Hürde mit Bravour schafft, haben Vergleichsdegustationen älterer Jahrgänge im Rahmen des ­Mémoire des Vins Suisses (MDVS) gezeigt. Andreas Meier ist mit dem «Kloster Sion Réserve» von Beginn an Mitglied der 2002 gegründeten Vereinigung, in der heute über 50 Schweizer Elitewinzer mit einem ihrer aussagekräftigsten Weine versammelt sind. Jedes Jahr geben sie 60 Flaschen des neusten Jahrgangs in ein zentrales Weinlager.

Diese Schatzkammer wird periodisch geöffnet und ältere Jahrgänge werden an internen Kontrollverkostungen oder an ­öffentlichen Präsentationen ausgeschenkt. Und dabei ist ihm immer mal wieder eine burgundische Stilistik attestiert worden. Ein Vergleich, der in der Pinot-noir-Welt einer Nobilitierung gleichkommt.

Die Weine können in Würenlingen direkt ab Gut gekauft oder im familien­eigenen Restaurant Zum Sternen genossen werden.