Es ist nicht lange her, da war der Zeichenblock eine Art Trainingscamp. Das Zeichnen diente dem grösseren Wurf, sein eigener Platz war im Hintergrund. Der Kunstbetrieb umwarb raumfüllende Mehrkanalvideoprojektionen, zum Grossformat aufgeblasene Fotografien oder materialintensive Installationen. Die Zeichnung jedoch war die arme Schwester der Malerei.

Dass dies nicht mehr gilt, bestätigt der Gang durch Galerien und Museen sowie in die Kojen der Kunstmessen wie der Art Basel oder der Armory in New York. «Die junge Generation von Künstlern, die das Medium der Zeichnung wählen, haben einen vollkommen neuen Ansatz», sagt Mirjam Varadinis, Kuratorin am Kunsthaus Zürich. Sie hat soeben eine Ausstellung mit Zeichnungen kuratiert. Ob dokumentarische Zeichnung oder von Comics, Film oder Mode inspiriert, ob Text-Bild-Kombination, intime Erkundungen mit dem Bleistift oder ausufernde Wandzeichnung: Künstler, welche die Zeichnung zu ihrem zentralen Medium erkoren haben, überraschen mit Neuinterpretationen eines uralten Mediums.

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Es gibt verschiedene Thesen, weshalb die Zeichnung wieder en vogue ist. Nach der Entmaterialisierung der Kunst (Stichwort: Konzeptkunst Minimal Art, siebziger Jahre) sei bei Künstlern die Lust gewachsen, klassische Medien wie Skulptur, Malerei – und eben auch die Zeichnung – neu zu erproben, so die erste These Varadinis’. Die zweite: Das Figurative und das Narrative erleben ein Revival und mit ihnen eben auch die Zeichnung. Drittens: In einer Welt der flüchtigen Datenströme wächst die Liebe zum sinnlich Erfahrbaren, zu Material und Handwerk, sowohl bei Künstlern wie bei Sammlern.

Nach Jahren der Schnappschuss-Ästhetik in Video und Fotografie haben sich die Teilnehmer des Kunstbetriebs darauf geeinigt, dass es eben doch nichts Unmittelbareres als Zeichenstift und Papier gibt. «Die Zeichnung ist direkt, und sie braucht wenig Material. Das sagt mir zu», sagt etwa Ingo Giezendanner. Der 30-jährige Zürcher, der sich mit an Comic und Film orientierten Zeichnungen einen Namen gemacht hat, bereist mit Filzstift und
Papier die halbe Welt und hält – ob in Karachi, New Orleans oder in Zürich – in dokumentarischer Manier das urbane Treiben fest. Seine detailgenauen Kosmen sind Meere aus Linien und scharfen Konturen, die dokumentarisch und zugleich abstrakt wirken. Signiert mit dem mysteriösen, der Welt der Comics entlehnten Kürzel «Grrrr», ziehen sich die Zeichnungen filmartig über die Galeriewände und sind längst selber Markenzeichen im Kunstbetrieb.

Hat die Zeichnung in der Renaissance der Skizze oder intimeren Bekenntnissen gedient, lehnt sie sich heute an die Ästhetik von Comics, Folk Art und politischen Manifesten an, oder sie erweitert ihr Vokabular durch Stickerei wie bei der jungen Bündnerin Loredana Sperini, durch Collage, Gouache oder Video zum animierten Bild (Zilla Leutenegger). Auch tagebuchartige Skizzen sind en vogue, wie bei der Amerikanerin Danica Phelps. Ob beim Duschen, in der Gym, bei finanziellen Transaktionen oder beim Sex: Phelps zeichnet in grossen Blättern ihren Alltag auf.

Manchmal wählen Künstler den dilettantischen Stil von Kinderzeichnungen. «Die junge Künstlergeneration erlaubt sich damit einen bewusst gebrochenen Zugang zum Zeichnen», sagt Mirjam Varadinis. Vor einiger Zeit sind etwa die Playmobil-artigen Figuren des Schweizer Künstlerpaars Monica Germann und Daniel Lorenzi im Kunstbetrieb aufgetaucht: Sie stilisieren populäre Figuren aus der Welt der Popkultur, der Politik und des Kunstbetriebs. Kunstmarkt-Player wie der Auktionator Simon de Pury und Bice Curiger, die Kuratorin und Herausgeberin der Kunstbibel «Parkett», wurden in stilisierter Manier und mit aus Magazinen geborgten Zitaten verewigt – sie fügen sich mit George Clooney, Paris Hilton und Tony Blair zu einem zeitgenössischen Sittengemälde.

Die Stärken der Zeichnung sind zweifelsohne ihre Direktheit und ihre Schnelligkeit. «Ich suche nicht das endgültige Meisterwerk», sagt Ingo Giezendanner. «Ich will eine Welt schaffen, die mit jeder Zeichnung ein Stückchen weiter wächst. Ich will Fülle und Schnelligkeit.» Paradoxerweise kann dies Künstler gerade zur Langsamkeit zwingen. «Die Zeichnung kann unter die Haut gehen», schreibt Emma Dexter, Kuratorin an der Tate Modern in London, im Übersichtsband «Vitamin D – New Perspectives in Drawing» (Phaidon Verlag). «Sie ist Teil unserer DNA.»

Am Anfang des Revivals steht möglicherweise der Westcoast-Amerikaner Ray- mond Pettibon, der seit den neunziger Jahren Comic-inspirierte Blätter zeichnet, die sich aus Kunstgeschichte, Politik, Film und Religion speisen. Dann machten Karen Kilimnik und Elizabeth Peyton mit ihren feingezeichneten Figuren aus der Welt des Glamour, der Mode und der Popkultur auf sich aufmerksam. Peyton fand 2002 Eingang in die wegweisende Ausstellung «Drawing Now» im Museum of Modern Art in New York. Es war die erste grössere Schau, die sich ausschliesslich der Zeichnung widmete.

Präsentiert wurden da auch die zwischen Verfall und totaler Dekadenz oszillierenden fiktiven Städtebilder des Briten Paul Noble, die später in einer Solo-Show im Migros Museum in Zürich gezeigt wurden. Die Kunst dieser Zeichner, die durch internationale Top-Galerien wie Hauser & Wirth und Maureen Paley vertreten werden, steht heute gleichberechtigt neben Malerei oder Video.

Die Zeichnung benötigt keinen hohen Produktionsaufwand, dafür ist man hautnah dabei, man erlebt den Zeichen-Prozess in fast meditativer Manier. Manchmal hat der Griff zum Bleistift aber auch ganz pragmatische Gründe. Paul Noble begann mit dem Zeichnen, weil er sich im sündhaft teuren London kein anderes Material leisten konnte. In seinem Studio im äussersten East End Londons entstanden über die Jahre atemberaubende Blätter. Manchmal gebiert die Not den Erfolg: Zu Nobles Sammlern gehört das Museum of Modern Art in New York.

Brigitte Ulmer,
Inhaberin von Art & Text,
b.ulmer@swissonline.ch

ArtTalk
«Sublim» heisst: erhaben, unermesslich. Der Kunst ist dieser Begriff Lieblingskategorie, weil sie sich nicht bestimmen lässt. Wie Künstler sich dem Immateriellen nähern, zeigt diese Ausstellung mit Werken u.a. von James Turrell, James Lee Byars und Anish Kapoor.

«The Sublime is Now», Museum Franz Gertsch, Burgdorf, bis 30. Juli. www.museum-franzgertsch.ch