Die Weinbar «Chai Monique» befindet sich an der Hauptstrasse in Le Bugue, einem beschaulichen, rund 2800 Einwohner zählenden Kaff irgendwo im südlichen Périgord. Martin Walker hat einen versteckten Ecktisch gewählt, doch das hilft ihm nichts. Kaum hat er seine Foie gras und ein Glas weissen Bergerac erhalten, steht die erste Touristin neben ihm.

Ob er ihr wohl ein Autogramm geben könne? Sie sei ein Fan, kenne alle seine Bücher. Walker kramt bereitwillig einen Stift aus der Tasche und erkundigt sich nach dem Namen. «Franziska? Sind Sie aus Deutschland?», fragt er. «Nein, aus Graz in Österreich», antwortet sie. «Das kenne ich», sagt Walker, «ich hatte dort eine Lesung. Hübsche Stadt.» Er steht auf, lässt sich fotografieren, wünscht schöne Ferien und hat auch noch einen Tipp parat: Die Croissants der Patisserie Cauet gleich hinter dem Rathaus seien die besten im Ort.

Martin Walker ist Brite

Martin Walker ist Brite, aber er lebt seit 15 Jahren in einem renovierten Bauernhaus am Dorfrand von Le Bugue. Jedenfalls teilweise. Nach einem Geschichtsstudium in Oxford und einem Wirtschaftsstudium in Harvard war er 25 Jahre lang Redaktor bei der britischen Tageszeitung «The Guardian» und leitete dann einen privaten Think Tank für Topmanager in Washington. Früher verfasste er Sachbücher über den Kalten Krieg, Michail Gorbatschow und Bill Clinton, jetzt schreibt er vorwiegend Krimis.

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Seine mittlerweile sieben «Bruno»-­Romane wurden in 15 Sprachen übersetzt und sind – trotz den vielen Leichen – die beste Werbung für das Périgord. Walker, der durch Freunde erstmals in die Gegend kam und sich in den ländlichen Lebensstil, die Gelassenheit der ­Bewohner und die grossartige Küche verliebte, geht nicht nur auf Sehenswürdigkeiten, landschaftliche Schönheit und dörflichen Charme ein.

Mit Bruno Courrèges erfand er einen äusserst sympathischen Chef de Police, der seine Freunde mit hausgemachter Entenleberpastete, einer perfekt zubereiteten Trüffelomelette oder seinem Lieblingskäse Tomme d’Audrix bewirtet. Ende September erschien «Brunos Kochbuch» (Diogenes) mit Rezepten aus dem Périgord. Es entstand, so der Autor, weil immer wieder Leser danach fragten. Es reicht offenbar nicht, auf Brunos Spuren die prähistorische Grotte du Sorcier, den Trüffelmarkt von Sainte-Alvère oder das steil in den Hang gebaute Dorf Limeuil zu besuchen.

Polizistenmenu

Echte Fans möchten auch das Enchaud de Porc essen, von dem in fast jedem Buch die Rede ist. Man darf davon ausgehen, dass jetzt noch mehr Krimileser ins Périgord fahren, um sich auf den Märkten von Le Bugue, Audrix oder Trémolat die Zutaten für ein echtes Polizistenmenu zu besorgen.

Dass Kriminalromane nicht abschreckend wirken, sondern ganz im Gegenteil Touristen an die Orte der Verbrechen ­locken, ist nichts Neues. Schon Agatha Christies 1937 veröffentlichtes Buch «Tod auf dem Nil», in dem eine Gruppe versnobter Urlauber auf einem Raddampfer den Nil hinauftuckert und sich nach und nach gegenseitig umbringt, dürfte der Reisebranche kaum geschadet haben. Noch heute werden «Nilkreuzfahrten auf den Spuren von Agatha Christie» angeboten. Kultstatus erlangte das Hotel Old Cataract in Assuan, in dem die «Queen of Crime» logierte und in das sie ihren Meisterdetektiv Hercule Poirot zum Dinner schickte. Nach einer Total­renovierung gehört das Haus heute zur Sofitel-Gruppe, die auch nicht vergass, eine Agatha-Christie-Suite einzurichten.

Wie viele Leser von Manuel Vázquez Montalbán sind dem Privatdetektiv Pepe Carvalho auf seinen Streifzügen durch Barcelonas Boqueria-Markt und die Tapasbars im Barri Gòtic gefolgt? Wie viele sind bis ins bretonische Concarneau gereist, um sich wie Jean-Luc Bannalecs Komissar Dupin im Restaurant L’Amiral mit Entrecôte und Rotwein zu stärken? Es soll Touristen geben, die Venedig mit einem aufgeschlagenen Buch von Donna Leon in der Hand erkunden.

Das mag zwar spannend sein, aber nicht ganz einfach, denn die seit über 30 Jahren in Venedig lebende Amerikanerin lässt Commissario Brunetti vorzugsweise durch enge Hintergässchen und düstere Hausdurchgänge laufen, in unscheinbaren Bars einkehren und in Pizzerien, die in keinem Reiseführer aufgeführt sind. Die Leserschaft lernt, dass Brunetti Schinken und Käse in der Casa del Parmigiano am Rialto-Markt kauft, seinen Espresso in der Bar Rosa Salva am Campo San Luca trinkt und seine Frau ins feine Fischlokal Al Covo zum Essen ausführt.

Verbrechenskapitale

Der dortige Patron Cesare Benelli kennt Donna Leon. Er weiss, dass manche Gäste wegen ihrer Bücher kommen. Aber gelesen hat er sie nicht. Wie auch? Auf spezifischen Wunsch der Autorin werden sie nicht ins Italienische übersetzt. Donna Leon möchte sich ungestört in Venedig bewegen können, ihre Nachbarn sollen nicht wissen, dass sie die Stadt zur literarischen Verbechenskapitale gemacht hat.

Walker sind derlei Bedenken fremd. Es stört ihn nicht, erkannt zu werden. Auf dem Markt von Le Bugue grüsst ihn Stéphane Bounichou, der dort jeden Dienstag seinen Stand aufbaut und dessen Tomme d’Audrix dank Brunos Werbung zu einem Käsebestseller avanciert ist. «Es ist unglaublich, wie viele Touristen kommen, um ein Stück zu kaufen oder wenigstens zu probieren», sagt er.

Die mittlerweile über 1,2 Millionen auf Deutsch gedruckten «Bruno»-Bücher bleiben eben nicht folgenlos. Karine Beyney, Besitzerin des charmanten Zwei-Sterne-Hotels Auberge Médiévale in Audrix, erzählt, dass ihre sechs Zimmer den ganzen Sommer über vorwiegend von deutschsprachigen Gästen belegt gewesen seien und dass fast jeder einen Walker-Krimi im Gepäck gehabt habe. Offizielle Zahlen der Hotellerie bestätigen den Trend: Zwischen 2010 und 2013 nahm die Anzahl von deutschen Gästen in der Region um 29,43 Prozent zu, bei den Schweizern steigerte sie sich sogar um 35,53 Prozent. Während im ersten Halbjahr dieses Jahres vier Prozent weniger Franzosen ins Périgord reisten, kamen 21 Prozent mehr Ausländer als im Vorjahr. «Hätten wir Martin Walker nicht, dann wäre unsere Hotellerie nicht so gut dran», glaubt Micheline Morissonneau vom Fremdenverkehrsamt der Dordogne.

Isoliertes Gebiet

Das Périgord ist eine zutiefst ländlich geprägte Provinz im Südwesten Frankreichs und entspricht heute mehr oder weniger den Umrissen des Département Dordogne. Die Menschen leben von Landwirtschaft und vom Tourismus, denn die Abwesenheit von Industrie, schnellen Verkehrswegen und grossen Bahntrassen hat zu einer Isolierung geführt, welche die Region besonders reizvoll macht: Hier sieht man keine McDonald’s, keine gigantischen Einkaufszentren. Stattdessen: stille Dörfer mit Wohnhäusern aus hellgelbem Sarlat-Stein, einen Reigen an Schlössern aus dem 12. und 13. Jahrhundert und auffällig viele Restaurants. Trotzdem stand das Périgord stets im Schatten der eleganten Badeorte am Atlantik und des berühmten Weinanbaugebiets in deren Hinterland.

Da kann etwas Werbung nicht schaden. «Mein Freund Martin hat mir viele Besucher beschert», sagt François-Xavier de Saint-Exupéry, Herrscher über ein beeindruckendes 50-Zimmer-Schloss und über 35 Hektar Weinberge im Norden von Bergerac. «Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine E-Mail von einem Walker-Fan bei uns eintrifft. Die Leser möchten wissen, ob und wo sie Brunos Lieblingswein, den Grand Millésime Château de Tiregand, kaufen können.»

Der elegante, feinwürzige Pécharmant ist auch Walkers Favorit und im Ausland nicht zu haben. Also kommen willige Käufer zum Schloss, zum Teil busweise. «Sie wollen nichts verkosten, sie kaufen einfach ein paar Flaschen», amüsiert sich Saint-Ex, wie der adlige Schlossherr allgemein genannt wird. «Martin Walker ist zu uns gekommen wie der Weihnachtsmann», sagt Marie-Pierre Tamagnon, die für die Vereinigung der Bergerac-Weine tätig ist. «Seit er über unsere Winzer schreibt, interessieren sich auch Ausländer für die Weine der Gegend.»

Das Vorbild

Wohl niemand erlebt den Walker-Effekt so unmittelbar wie Pierre Simonet, Polizeichef in Le Bugue. Leser wissen, dass Le Bugue das Vorbild für den fiktiven Romanort Saint-Denis ist und dass Pierre Simonet für Bruno Courrèges Modell stand. Zwar ist Pierre Simonet ordentlich verheiratet und kein ­Frauenheld wie Bruno – doch davon abgesehen stimmt fast alles: Er ist der einzige Polizist im Ort, Hobbykoch, Rugbytrainer und zutiefst davon überzeugt, dass der gesunde Menschenverstand besser für den dörflichen Frieden sorgt als die buchstabengenaue Beachtung des Gesetzes. Dank Bruno ist Pierre berühmt geworden: Er wird angesprochen, fotografiert und gibt fast ebenso viele Autogramme wie der Mann, der ihn erfunden hat.

Autor und Polizist sind seit vielen Jahren befreundet. «Eines Tages sagte Martin zu mir: ‹Pierrot, ich schreibe einen Krimi, und du bist die Haupt­figur›», erzählt Simonet. «Ich dachte, er scherzt, aber dann hat er mir das Manuskript gezeigt.» Viele der Geschichten sind am Küchentisch entstanden – dort sitzen die beiden am liebsten. «Wir kochen, essen, trinken, diskutieren», sagt Martin Walker, «ausnahmsweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit.»