Geschichte ist für Audiophile kein lineares Ereignis, sie ist ein Kreis. Und die Welt ist eine Scheibe – am liebsten in Schwarz. Zumindest wenn man bei Pallas Records im norddeutschen Diepholz nachfragt: «Jeden Morgen laufe ich eine Stunde lang durch den Betrieb und kann es immer noch kaum fassen», sagt Holger Neumann begeistert. Nachdem seine Schallplattenpressen eine gefühlte Ewigkeit nur Staub angesetzt haben, laufen sie heute wieder auf Hochtouren. Was für Neumann tägliche Realität ist, spiegelt sich weltweit: ­Innerhalb von sechs Jahren seit 2006 sind die Schallplattenverkäufe von 36 Millionen auf 171 Millionen emporgeschnellt.

«Für uns ist das wie eine zweite Geburt», sagt der Chef von Europas ältestem Plattenhersteller (es gibt nur noch fünf) und erklärt, woher die Liebe zu seinen alten Babys kommt: «Da steckt viel mehr Handarbeit drin als in der CD. Bei der Schallplatte muss man schon bei der Herstellung ein Herz fürs Produkt haben.»

Emotion pur

Ein Herz für die Platte, das hat auch Cyril Hammer, CEO des High-End-Hi-Fi-Herstellers Soulution in Dulliken SO: «Allein das haptische Erlebnis beim Auspacken einer LP ist etwas Besonderes», sagt er, als er eine Platte aus der Hülle zieht und sie vor seinen Augen hin und her bewegt, wie um zu prüfen, ob die Rille noch da ist, wo sie hingehört.

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«Die CD», sagt er und nickt in Richtung zweier CD-Racks in der Ecke des mausgrau eingerichteten Vorführraums, «hat bei weitem nicht diese Ausstrahlung.» Sie punktet vor allem in Bequemlichkeit: keine Reinigung, keine Abnutzung und Titelwahl per Knopfdruck. Aber was ist das schon gegen handgewickelte Tonabnehmer an aufs Milligramm austarierten Tonarmen auf exakt gefrästen Plattentellern? «Darin steckt Emotionalität, das kann man anfassen und nachvollziehen», sagt Hammer. Die Compact Disc, bei der Schwingungen in Bits und Bytes vorliegen, sei dagegen die computerisierte Blackbox, deren Technik nur noch Fachleuten zugänglich sei.

Man sieht gleich: Hier geht es um mehr als ums Musikhören; hier geht es um die Zelebrierung Vinyl gewordener Klangwelten, um spiralförmige Mandalas für Audiophile. Und es scheint, als ob die Fans in den Neunzigern und Anfang des neuen Jahrtausends nur darauf gewartet hätten, um wieder auf Vinyl umzusteigen.

Der Begriff Revival klingt vertraut und erinnert an Branchen wie die Uhren­industrie, wo sich die Welt an Quarzziffern sattgesehen zu haben scheint. An Firmenbosse, die in ihren Dachböden oder Lagern nach alten Maschinen suchen und ihre weitsichtigen – oder faulen – Vorgänger preisen, die das Equipment nicht verschrottet haben.

Vinyl zum Scratchen

Dass es in der Musikindustrie genauso läuft, zeigt Pallas Records. Neumann kann die Platten-Renaissance auf einen Namen zurückführen: Matthias Roeingh, alias Dr. Motte, Techno-DJ und Begründer der Love Parade. Seine Disc Jockeys benötigten Vinyl zum Scratchen, wenn sie auf Lastern, bestückt mit riesigen Lautsprechern, zwischen tanzenden Massen die Strasse entlangrollten. «Dr. Motte hatte bei uns angefragt, ob wir für ihn Schallplatten herstellen könnten. Und weil wir unsere Anlagen nicht verschrottet hatten, war das für uns kein Problem», erzählt Neumann. Und heute? Liefer­zeiten von sechs Wochen, Anfragen aus ­Israel und Indien, Bestellungen von Independent Labels und grossen Produzenten wie Sony und Warner Music. «Mittlerweile explodieren wir beinahe vor Aufträgen.»

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Und was wird aus der CD – taugt die nur noch als Krähenschreck im Garten? Weit gefehlt: Unter den physischen Medien macht die CD heute immer noch das Gros aus. Laut Weltverband der Phono­industrie, der IFPI, sind die CD-Verkäufe in der Schweiz in den letzten fünfzehn Jahren allerdings regelrecht abgestürzt: 4 Millionen CDs im Jahr 2013, gegenüber 19,5 Millionen Scheiben 1999.

Demgegenüber nehmen sich die Verkaufszahlen von Schallplatten in der Schweiz zwar aus wie ein Grundrauschen – von 0,2 auf 0,5 Millionen stiegen sie im gleichen Zeitraum –, die meisten LPs aber werden über den Versandhandel eingeführt und nicht von der IFPI erfasst.

Die Keimzelle der Mobilmachung

Der Grund, dass die CD von ihrem Höhenflug in den neunziger Jahren abstürzt, liegt in den Labors der Universität im ostdeutschen Ilmenau. Dort ist die Keimzelle der Mobilmachung der Musik. Ihr Name: MP3. Genauer MPEG 1 Audio Layer 3. Das ist ein Verfahren, um die Daten einer CD-Aufnahme (rund zehn Megabyte pro Musik-Minute) durch mathematische Formeln auf rund ein Zehntel der Grösse zu reduzieren. Man wollte damit Stimmen, Klänge und Musik über Telefonleitungen transportierbar machen.

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Hat die Digital-Revolution mittlerweile ihr eigenes Kind gefressen? Tatsächlich machen die sinkenden Preise für Speichermedien die Compact Disc nach und nach obsolet. Weil gleichzeitig Internetverbindungen immer schneller werden, holt das Streaming von Musik rasant auf (im letzten Jahr haben sich die Streams von Anbietern wie Spotify in der Schweiz verfünffacht), wohingegen die Downloads zum ersten Mal zurückgehen. Da aber eine Datenkompression à la MP3 oder ein Stream mit kleinen Bit-Raten mit Klangverlusten behaftet ist, wenden sich Audiofans auf der Suche nach dem «echten Sound» wieder der Langspielplatte zu. Nach einem Test der Zeitschrift «Audio» klingen MP3 oder Stream bestenfalls auf einem Niveau, das ungeschulte Hörer als CD-Qualität bezeichnen würden.

Hörgenuss oder Hörfrust?

Damit sind wir mitten in einem Streit, den sich Audiophile mit viel Verve liefern, nämlich um die Frage, was besser klingt: die Vinyl-LP oder die Polycarbonat-CD? Oder tun es auch digitale Soundfiles wie MP3?

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Auch wenn Musikfans über MP3 die Nase rümpfen – Karlheinz Brandenburg, Mitentwickler des Verfahrens, kann Behauptungen nicht nachvollziehen, dass sein Kompressionsverfahren Schwächen zeigte wie etwa Verzerrungen bei hoher Lautstärke. «Die Dynamik gibt nur Probleme bei schlechter Implementierung und Aussteuerung», sagt er. Die Schwierigkeit liege woanders: «Das Problem von MP3 ist, dass es bei trockenen, perkussiven Instrumenten zu Pre-Echos kommt.» Das bedeutet: Bei Kastagnetten oder Glockenspielen hört man mitunter ein leichtes Zischen auf die Anschläge.

Bohrt man jetzt weiter, wird die Frage nach Hörgenuss zur Physikstunde. Die Theorie besagt, dass Schallplatten einen höheren Klangumfang haben als CDs. Compact Discs zeichnen Frequenzen zwischen 20 und 22 050 Hertz auf. Die meisten CD-Spieler reagieren auf Töne zwischen genau 20 und 20 000 Hertz. Beim Plattenspieler dagegen verdeckt das minimale Rumpeln der Mechanik zwar die tiefsten Töne, aber am oberen Ende der Skala sind rund 30 000 Hertz möglich. Findige Fans setzen deshalb auf die SACD, die Super-Audio-CD, mit einem Klangumfang hinauf bis zu 50 000 Hertz. Im Physikunterricht sind sie damit ganz vorn. Aber beim Hören?

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Junge Menschen können im Allgemeinen Töne vom tiefen Brummen mit 16 Hertz bis zum hohen Pfeifen von 20 000 Hertz wahrnehmen. Dieses Frequenzspektrum aber wird mit zunehmendem Alter kleiner.

Kognitive Wahrnehmung

Zudem können zwischen den physikalischen Möglichkeiten und dem inneren Wunsch nach besserem Klang viele Hertz liegen. Soll heissen: Beim Hören geht es nicht nur um die Ohren. Kognitive Wahrnehmung heisst dieser Forschungszweig, und Brandenburg nennt das Experiment des Entwicklungspsychologen Harry McGurk als Klassiker, um zu zeigen, wie das Gehirn unser Ohr ­beeinflusst: Jemand spricht in einem Video die Silben «ba, ba, ba», aber der Mund formuliert «ga, ga, ga». Bild und Ton passen nicht zusammen. Der Zuschauer glaubt, er höre «da, da, da». Erst wenn man die Augen schliesst, hört man die wirklichen Silben.

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«Der McGurk-Test ist heikel für die Audiowelt», sagt Brandenburg, denn vieles, was man glaubt, könne man gar nicht hören. Und mit einem fröhlichen Unterton fügt er hinzu: «Deshalb würde ich niemals jemandem widersprechen, der behauptet, den Unterschied zwischen einem dünnen, billigen Lautsprecherkabel und einem teuren, viel dickeren hören zu können.» Dieser kognitive Effekt ist nicht nur für Psychologen und Marketingexperten wichtig. Er ist auch für unser wohliges Retro-Gefühl verantwortlich, erklärt Karlheinz Brandenburg: «Unsere Erwartung beeinflusst, was wir hören.»

Geliebte Nebengeräusche

Bei der Entwicklung von MP3 aber ging es nicht darum, ob ein Klang gut oder schlecht «rüberkommt». Vielmehr wollten die Forscher um Brandenburg die möglichst ­exakte Kopie dessen erreichen, was eine Compact Disc speichert – mit weniger Daten. «Die Abtastung einer Schallplatte erzeugt Nebengeräusche. Und Vinylfans lieben so etwas wohl», sagt Brandenburg vorsichtig. Bei Röhrenverstärkern sei das ähnlich: «Die machen Fehler, die man hören kann, die aber als eher angenehm wahrgenommen werden.» Womit wir der Lösung des Problems nach dem besten Klang nahe sind: Schönheit liegt im Ohr des Betrachters.

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Zurück in Dulliken im Soulution-Vorführraum. Die Anlage von Cyril Hammer hat daumendicke Kabel, kaum Knöpfe und kostet so viel wie ein Bentley: rund 300 000 Franken. Wenn man die Unterschiede der einzelnen Medien irgendwo hören kann, dann hier. Hammer holt eine LP aus der Hülle: «Rhapsodie España» von Emmanuel Chabrier aus einem Hörtest-Paket der Zeitschrift «Stereo».

Langsam senkt sich der Tonarm auf die Rille in den 180 Gramm Polyvinyl, und in null Komma nichts sitzen wir ­direkt vor dem Orchestergraben: Geigensaiten zupfen, Streicher wedeln, Blechbläser segeln auf der Kuppe, Flöten­me­lodien blähen sich auf, Klangwelten kumulieren, und mit einer gros­sen Welle spült die Musik über uns hinweg, bevor die Kaskade langsam abflaut. Nun ist es, als ob alle dem Harfenspieler lauschen wollten, bevor auch er in einem Crescendo weggefegt wird – da Cyril Hammer den Tonarm hebt. Die Stille lastet schwer im Raum.

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Mit einem Handgriff legt er die Super-Audio-CD ein. Im Gegensatz zur normalen Disc verfügt sie nicht nur über ein weiteres Frequenzspektrum, sondern auch über sechs Tonkanäle, was nicht nur Stereo, sondern Surround Sound ­ermöglicht.

In Sekundenschnelle galoppieren die Violinisten wieder voraus, und was vorher in Wellen quoll, schwillt nun zum Tsunami an. Tief werden wir in die Musik gespült, und als die Harfe einsetzt, glaubt man, direkt vor dem Spieler zu sitzen: Ist das nicht ein leises Klackern? Man glaubt zu hören, wie die Fingernägel die Saiten berühren. Hammer betätigt die Pausetaste. Stille.

Musiksnack für unterwegs

Danach lässt er das Musikstück als MP3 von seinem Server auf die Anlage spielen. Aber wo bleiben da die tosende Brandung, die zusammenschlagenden Wellen? Der Ton fliesst zäh wie Schweröl aus einem umgekippten Barrel, nicht fulminant wie ein Wasserstrahl aus einem geborstenen Tank. Hatte man bei der LP noch das Gefühl, in der ersten Reihe vor dem Orchester zu sitzen und kam man sich bei der SACD vor wie mittendrin im Geschehen, so ist MP3 eher die Musik für Zuspätkommer: Man steht noch im Foyer, während man hört, wie es im Saal losgeht. Die Kompression unterdrückt den Dampf des Stücks, seine Raumfülle, selbst auf einer spektakulären Anlage wie bei Soulution.

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Ob man vor dem Orchester sitzt oder mittendrin, welche Nuancen man überhaupt hört, das bestimmt die Feinheit des eigenen Gehörs. Ob der Klang der LP allerdings wärmer ist als der der CD? Auch nach mehrmaliger Wiederholung ist der Unterschied schwer festzustellen. Der Clou einer guten Anlage sei ja, dass sie alle Musikstücke möglichst ohne Verfremdung transportiert, sagt Hammer. «Ich will, dass man nur das hört, was während der Aufnahme passiert ist. Keine Klangverfälschung.» Also auch keine «Erwärmung» wie etwa beim Röhrenverstärker. «Und wenn eine Aufnahme schlecht ist, dann soll man auch das hören.»

Für den Audio-Gourmet nur eine Zwischenlösung

MP3 dagegen kann für den Audio-Gourmet nur eine Zwischenlösung sein, sozusagen der Musiksnack für unterwegs. Das dachte sich auch Musiker Neil Young. Weil ihn die Blässe des MP3-Formats nervt, liess er Anfang des Jahres über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter sein Start-up PonoMusic finanzieren, ein eigenes Format von hochauflösenden Streamings inklusive eines entsprechenden Abspielgeräts, eines Players, der aussieht wie eine silberne Toblerone-Packung. Audiofans hat er aus der Seele gesprochen: Innerhalb weniger Wochen spendeten sie über sechs Millionen Dollar. Young will noch diesen Oktober starten.

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«Hören Sie ein wirklich gutes Hi-Fi-File, dann sprengt das alle Formate, auch LP und CD», sagt Hammer: «Heute können Sie nämlich die Originaldaten einer Aufnahme hören. Zu Zeiten analoger LP-Produktionen konnte man solche Masterbänder natürlich nicht kaufen.» Die Schallplatte aber, die bleibt das Nonplusultra für die Analog-Ära. Und wer mittendrin stehen will statt nur nebenan, der kann bei Marken wie Soulution, CH Precision, der deutschen Burmester oder Constellation in Kalifornien beliebig viel Geld investieren.

Forscher Brandenburg gibt aber zu ­bedenken, dass selbst die schönste Anlage ihre Technik nicht ausspielen kann, wenn die Raumakustik schlecht ist. «Grosse Fensterfronten und glatte Wände machen sich da schlecht. Bücherwände und Teppiche sind besser», sagt er, «dafür würde ich zehnmal so viel ausgeben wie für alles andere.»

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Ortsunabhängiger Genuss

Raumakustik ist, woran er selbst gerade mit dem Wellenfeld forscht, an einer Art Dolby Surround Sound der nächsten Generation. Muss man bei Dolby noch an einem bestimmten Ort im Saal sitzen, um die volle 3-D-Qualität des Klangs geniessen zu können, sind beim Wellenfeld die Orte der Instrumente im Raum stabil. Man kann die Klangquellen also von jedem Punkt im Raum orten. Die Vermarktung sei zäh, gibt er zu, aber seine Firma hat solche Räume schon in der Zürcher Uni eingerichtet, im Erlebniskino der Bavaria Filmstadt und im Planetarium in Hamburg.

Wie genau unsere Ohren auf Veränderungen im Raum reagieren, kann man leicht selbst testen, so der Forscher. Wenn man mit geschlossenen Augen Musik höre und jemanden unhörbar die Zimmertür auf- oder zumachen lasse, bemerke man den Unterschied sofort. Was bedeutet das für den Audio-Gourmet? Dass man seinen Sinnen vertrauen soll. «Unbewusst sind wir viel mehr Fledermäuse, als wir denken», sagt Brandenburg. Der Hörsinn lässt sich eben doch nicht übers Ohr hauen.

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