Schliessen oder offen lassen? Mark Jacob, Direktor des «Dolder Grand» in Zürich, hat die Restaurants geschlossen und das Hotel offen gelassen. Durchschnittlich 20 Zimmer sind während des Lockdowns belegt – von 175. Die paar we­nigen Gäste essen im Zimmer, in der Lobby oder in der Bibliothek. Rentabel ist das nicht.

Doch Jacob würde wieder so entscheiden: Erstens sei er Hotelier aus Leidenschaft, ganz gleich wie viele Gäste er zu beherbergen habe. Zweitens habe auch Kosten, wer schliesst. Drittens sei Offenlassen «ein Zeichen der Zuversicht». Mit einem Take-away – online bestellen, dann an einem offenen Fenster neben dem Hoteleingang abholen – lastet er die maximal ­reduzierte Küchencrew zusätzlich aus. «Dieser Umsatz hat sich zur sechsstelligen Zahl entwickelt», sagt ­Jacob, «das ist zwar nur ein Bruchteil des normalen Umsatzes, aber mehr, als wir erwartet haben.»

Unter dem Strich, sagt Jacob, sei es finanziell nicht schlechter herausgekommen, als wenn er das Hotel ganz geschlossen hätte. Das tiefrote Ergebnis geht ­zulasten des Inhabers Urs Schwarzenbach. Dazu ­Jacob: «Die Krise tut finanziell sehr weh, aber der Mehrheitsaktionär steht hinter den Entscheiden.»

Mehr Gäste aus der Schweiz

Viel wird sich in nächster Zeit nicht ändern. «So schnell, wie das kam, wird es nicht überwunden», sagt Jacob. Er erwartet mehr Gäste aus der Schweiz, weniger aus dem Ausland.

Das entspricht dem, was allgemein vorausgesagt wird. Die Ökonomen der Credit Suisse rechnen in ­ihrer aktuellen Studie damit, dass ab dem 8. Juni, nach den nächsten Lockerungen, der Tourismus wieder ins Rollen kommt, und zwar dank Schweizern.

Baur au Lac: Generaldirektor Wilhelm Luxem

«Baur au Lac», Zürich: Direktor Wilhelm Luxem stellte auf Minimumbetrieb um und liess das Hotel offen – nicht zuletzt deshalb, weil es in den 176 Jahren des Bestehens, mit Ausnahme der Ära als Sommerhotel, nie zu war.

Quelle: PD
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Davon geht auch Wilhelm Luxem aus, der das «Baur au Lac» in Zürich führt. Das Fünf­sternehaus gehört in sechster Generation der Familie Kracht und blieb im Lockdown mit dem Plazet und dem Geld des Inhabers ebenfalls offen. Erstens «für einige Dauergäste, die wir nicht wegschicken wollten», zweitens hat ein offenes Haus am See Tradition: Das «Baur au Lac» war in den 176 Jahren des Be­stehens mit Ausnahme der Ära, als es ein reines Sommerhotel war, immer offen.

Geht Luxem dieser Tage durchs Haus, wird er aber schon «leicht melancholisch». Da regt sich derzeit nicht viel, denn zahlreiche Abteilungen sind auf das Minimum reduziert, das Gros der Mitarbeiter in Kurz­arbeit und Gäste rar. Die Belegungsrate? «Im tiefen einstelligen Bereich», sagt Luxem. Der Umsatz ist um 95 Prozent eingebrochen, die Fixkosten dagegen nur um knapp 30 Prozent.

Luxem: «Wir müssen wieder mehr Gäste haben.» Für schwarze Zahlen bräuchte er das Haus mit 119 Zimmern mindestens halb voll. 35 Prozent sind das, was Luxem zu prognostizieren wagt.

«Worauf es ankommt, ist Sicherheit»

Das «Baur au Lac» gehört wie das «Dolder Grand» zum noblen Club der rund 400 «Leading Hotels of the World». Von denen ist die grosse Mehrheit seit Wochen im Dornröschenschlaf.

Auch unzählige Schweizer Fünfsterne­hotels sind zu – viele werden es vorderhand auch bleiben: «Die Verantwortlichen werden es sich gut überlegen, ob sie wieder aufmachen wollen», resümiert Thomas Allemann von Hotellerie­suisse eine Besprechung, die er am 20. Mai mit Chefs von Luxushotels ­abgehalten hat.

Weiterhin bleischwer bleibe es etwa für Häuser mit ­Fokus auf reicher Kundschaft aus den USA, dem Nahen Osten und aus Asien, «diese Gäste kommen so bald nicht wieder». Allemann warnt die Hoteliers vor Dumpingpreisen: «Worauf es ankommt, ist Sicherheit, Gäste wollen sich mindestens so gut aufgehoben fühlen wie zu Hause und sind bereit, den Preis zu bezahlen.»

Die besten Hotels der Schweiz und weltweit

Ein Hotel ist heute dann am besten, wenn die Energie und Passion dahinter spürbar wird – so das Verdikt im 23. Hotel-Ranking der BILANZ. Mehr dazu lesen Sie hier.

Hoffen auf Schweizer

Daniel Koester, Inhaber des «Grand Bellevue» in Gstaad, will im Wettbewerb um einheimische Gäste genau damit punkten. Er hat die Zwischensaison dazu genutzt, die Anforderungen des Bundesrates nicht nur zu er­füllen, sondern sogar zu übertreffen.

So erhält das Personal in den Bereichen Food & Beverage und Housekeeping massgeschneiderte Masken, Doormen und Chasseure sogar welche mit zusätzlichen Filtern. Zudem hat er in UV-Virenabtötungsmechanismen investiert, die in den Gästezimmern vor der Ankunft und nach der Abreise angebracht werden. Es gibt Gepäck- und Auto­desinfektionsservice, und mit dem ­Slogan «Erlauben Sie uns, uns um Ihr Social Distancing zu kümmern» hat er Speise-, Fitness und Aufenthaltsräume neu ein­gerichtet.

Auch Koester erwartet «insgesamt weniger Gäste, da die internationalen Gäste sowie Veranstaltungsgäste ausbleiben werden», und hofft, «dass das einheimische Publikum auf unsere vielfältigen Massnahmen reagiert und uns unterstützen wird».

The Chedi Andermatt: General-Manager Jean-Yves Blatt

«The Chedi», Andermatt: Als Entschädigung dafür, dass vorderhand nicht alles genau so sein kann wie normalerweise, offeriert General Manager Jean-Yves Blatt einen Rabatt von 20 Prozent.

Quelle: PD

Mit 58 Prozent Schweizer Gästen in der Kartei blickt Jean-Yves Blatt, Direktor des «Chedi» in Andermatt, ­geradezu optimistisch in den Sommer. Sein Rücken wird von der Finanzkraft des ägyptischen Milliardärs und «Chedi»-Erbauers Samih Sawiris gestärkt. Das Nobel­hotel ist eines von nur wenigen in den Bergen mit Dauer­betrieb.

«Ich strebe nach Ausgleich»

Das Interview mit Andermatt-Investor Samih Sawiris über seinen Aufstieg, seinen Rückzug und sein letztes grosses Ziel lesen Sie hier.

Am 22. März musste Blatt auf Geheiss der Urner Regierung aber schliessen. Überrascht war er nicht, unvorbereitet auch nicht: «Wir haben schon im Februar eine Corona-Taskforce kreiert.» Mit dem neu­artigen Coronavirus schwappte eine Stornowelle nach Andermatt, «die Belegung sackte in Kürze von 90 auf 19 Prozent ab», sagt Blatt. Er schickte die Hotelcrew in Kurzarbeit, liess neben dem üblichen Unterhalt zusätzlich den Innenpool neu abdichten. Seit dem 8. Mai ist «The Chedi» wieder offen.

Die Zeit dazwischen bezeichnet Blatt als «sehr hart». Da war die Ungewissheit, ob es weitergeht und wann. Die Taskforce zimmerte verschiedene Szenarien und für jedes eine Strategie; Wiedereröffnung am 8. Mai war nach dem 1. Mai der zweitbeste Case.

Für den bevorstehenden Sommer setzt Blatt auf Schweizer Kunden. Maximal 320 Gäste finden in der Andermatter Luxusherberge Platz. Wegen der Schutzmassnahmen werden es vorderhand maximal 220 sein. Ihnen offeriert Blatt auf den Zimmerpreis einen Rabatt von 20 Prozent, «nicht um sie anzulocken, sondern als Kompensation»: Statt des legendären Frühstücks­buffets gibt es Zmorge à la carte, die Anzahl Gäste, die im Pool planschen dürfen, ist streng begrenzt, die Therapeuten und Kosmetikerinnen tragen Mundschutz. Gemäss Blatt ist das Geschäft gut angelaufen. «Nach zwei Monaten Lockdown haben viele das Bedürfnis nach ­einem ­Tapetenwechsel.»

Grand Resort Bad Ragaz: CEO Patrick Vogler

«Grand Resort Bad Ragaz», Bad Ragaz: CEO Patrick Vogler hat Anfang Mai den Hotelbetrieb wieder aufgenommen und mehr Gäste empfangen als erwartet.

Quelle: PD

Null Einnahmen bei horrenden Kosten

Dieses Bedürfnis erfüllt auch das Resort Quellenhof in Bad Ragaz, das seit dem 1. Mai wieder offen ist, nachdem es wochenlang geschlossen war. «Offen zu bleiben, wäre für uns nicht gegangen», sagt CEO Patrick Vogler. Nicht nur die Stornierungen von Gästen hätten zum Entscheid geführt, sondern auch, dass von Sitzungen über Hochzeiten bis zu geplanten Golfturnieren ­alles abgesagt worden war, inklusive des Aufenthalts der Schweizer Nationalmannschaft, die sich in Bad ­Ragaz auf die EM vorbereiten wollte.

Fortan hiess seine Gleichung: null Einnahmen bei horrenden Kosten. ­Allein der Unterhalt des Golfplatzes und der Garten­anlage verschlingt Unsummen, teuer ist auch die Umsetzung des Schutzkonzepts. Der Aufwand macht sich nun immerhin bezahlt. Seit dem 11. Mai ist der Golfplatz wieder offen, «in Topqualität».

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Guarda Val in Lenzerheide: Ralph Treuthardt

«Guarda Val», Lenzerheide: Was Ralph Treuthardt zum Schutz von Mitarbeitern und Gästen opfern musste, hat er ideenreich ersetzt.

Quelle: PD

Top-Schutz Plus bietet Ralph Treuthardt, Chef im ­Maiensässhotel Guarda Val auf der Lenzerheide. Das Plus: ein «Paarcours», den er mit einer Psychotherapeutin errichtete. Er heisst «Weg zum Glück», hat acht Posten, die Lockdown-lädierten Paaren helfen sollen, «die Bindung zueinander wieder zu stärken und an­gestaute Spannungen abzubauen». Bis Ende Juni ist der Durchlauf im Zimmerpreis inbegriffen, danach kostet er 35 Franken pro Person.

Andere Vergünstigungen gibt es im «Guarda Val» keine, «dafür ist es jetzt nicht Zeit», sagt Treuthardt, «viel wichtiger ist, getreu Maslow, dass die Gäste sich hier sicher fühlen». «Guarda Val»-Standards, die er dem Coronavirus opfern muss, ersetzt er konsequent: QR-Codes statt Zeitungen, Frühstücks­service statt -buffet, Parcours statt Spa.

Virusfreie Einsamkeit

Ein grosses Plus ist natürlich die Abgeschiedenheit. Davon profitiert auch Meike Bambach, Direktorin des «Paradies» in Ftan. Sie hat ihr gediegenes Haus am 20. Mai geöffnet und ist guter Dinge: «Die Einsamkeit ist eine virusfreie Zone», sagt Bambach.

Das «Paradies» ist mit 23 Zimmern winzig in der Fünfsternewelt und als Memberclub, bei dem nicht nur Speis und Trank, ­sondern vom Bergführer über Wäsche- und Abhol­service alles ­inkludiert ist, einzigartig.

Vor allem: Platz gibt es genug; «Abstandsmarkierungen brauchen wir keine», so Bambach. Ihr Motto: The Privilege of Splendid Isolation.

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