So schnell läuft Beat Spalinger (54) nicht auf dem Zahnfleisch. Der passionierte Orientierungsläufer ist leidensfähig. Keine schlechten Voraussetzungen für den Job an der Spitze von Straumann, dem weltgrössten Zahnprothesenhersteller. Die Umsätze sinken branchenweit, die Margen sind unter Druck. Das war vor vier Jahren anders. Damals stiess Spalinger, dem der Ruf eines überaus direkten Managers und Finanzcracks ­vorauseilte, als oberster Rechenschieber zum Basler Konzern. Noch wuchs der Dentalmarkt jährlich zweistellig. Dann stürzte die Finanzkrise Straumann und Co. ins Elend und spülte Spalinger 2010 an die Konzernspitze.

Die Orientierung hat er nicht verloren. Er verordnete Straumann einen Paradigmenwechsel. Der Premiumhersteller verkauft jetzt auch günstigere Produkte. Mit dem Kauf der brasilianischen Neodent stossen die europalastigen Basler in einen Wachstumsmarkt vor. Bloss in den USA tragen mehr Menschen Zahnimplantate. Ein guter Zug, zumal Neodent hochprofitabel ist. Bis in acht Jahren peilt Spalinger eine Ebit-Marge von 25 Prozent an (heute 17 Prozent). Spalinger hat die Orientierung offenbar gefunden, im Gegensatz zu Konkurrentin Nobel Biocare. Auch die hat mit Richard Laube zwar einen leidensfähigen Chef. Doch Triathlet Laube ist noch auf der Suche nach seiner Form.

Die Freunde

Spalingers Ruf als Finanzprofi hat er beim Flughafen Zürich erworben. CEO Josef Felder und Spalinger ergänzten sich gut beim kriselnden Flughafen. Zu seinen Freunden zählt auch Daniel Schmucki, sein Nachfolger als Flughafen-Finanzchef. Auch bei Straumann hat er schnell überzeugt. Als ihn 2008 der damalige Konzernchef und ­heutige VR-Präsident Gilbert Achermann als Finanzchef holte, war der spätere Wechsel auf den Chefsessel nicht geplant. Er sei nach Achermanns Wechsel ins Präsidium nachgerutscht, heisst es intern lapidar. Spalinger hat dem Zahnimplantatekonzern endlich eine Langfristperspektive verpasst. Das kommt bei Vizepräsident und Ankeraktionär Thomas Straumann an. Noch dümpelt die Aktie aber vor sich hin. Spalinger muss jetzt liefern.

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Hoch im Kurs steht Spalinger auch bei Ex-Präsident Rudolf Maag, dem immer noch zweitgrössten Straumann-­Aktionär. Spalinger, alles andere als ein Jobhopper – bei KPMG war er 13, beim Flughafen 9 Jahre lang –, hat schon früher Ausrufezeichen gesetzt. 1993 wurde er Partner und Leiter des Corporate Finance Department beim Wirtschaftsprüfer KPMG. Relativ eng war der Kontakt zum damaligen KPMG-Schweiz-Chef Jakob Baer, heute VR bei Swiss Re, Barry Callebaut und Adecco. Die KPMG-Spitze war ob Spalingers Leistungen so angetan, dass sie ihn für ein Managementprogramm nach Harvard schickte, wo er Swissair-Präsident und Kurzzeit-CEO Eric Honegger traf.

Die Gegner

Aus der Haut fährt Spalinger nicht. «Er ist sehr ausgeglichen», sagt ein enger Vertrauter, aber manchmal geht ihm das Feingefühl ab. Spalinger ist ein gründlicher Verhandler, hart und direkt im Auftritt. Zum Leidwesen von ­Thomas Morf vom «Verein Flugschneise Süd – Nein». Spalinger drückte durch, dass der Flughafen nur für Lärmforderungen aus der Zeit nach der ­Privatisierung von 2001 geradestehen muss. Ein veritabler Coup, der sowohl Kurt Klose, Ex-Präsident der Fluglärmsolidarität, als auch Peter Staub, den damaligen Präsidenten des Schutzverbands der Bevölkerung am Flughafen, zerknirscht zurückliess. Keine gute Figur machte der damalige Zürcher Volkswirtschaftsdirektor Ruedi Jeker, der vor laufenden Kameras Vertreter aus Süddeutschland abkanzelte. Hart feilschte Spalinger mit dem Ex-Swiss-Chef (und heutigen Lufthansa-Boss) Christoph Franz. Der klammen ­Airline und ihrem Ex-Finanzchef Ulrik Svensson (heute VR beim Flughafen) gewährte Spalinger kulante Zahlungsmodalitäten.

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Die Dentalkonkurrenz

Dem Zürcher in Basler Diensten erwächst die härteste Konkurrenz aus Zürich. Dort residiert der ehemalige Branchenprimus Nobel Biocare, der sich nach schwierigen Jahren wieder hochrappelt. Straumann hält einen Marktanteil von 19, Nobel Biocare 18 Prozent. Neuen Schwung soll Richard Laube bringen, der 2011 das Zepter von Domenico Scala übernahm. Auch ein Verkauf ist für Präsident Rolf Watter eine Option. Bedrängt werden die beiden von Dentsply, dem drittgrössten Anbieter mit CEO Christopher Clark. Sie halten einen Marktanteil von 14 Prozent.

Die Flughafen-Connection

Viele Freunde machte sich Spalinger beim Flughafen Zürich. Während fast zehn Jahren trimmte er ihn fit. Nach dem Swissair-Grounding drohte der Homebase ein Finanzdebakel. Das Trio aus Finanzer Beat Spalinger, CEO Josef Felder und VR-Präsident Andreas Schmid brachte den Flughafen wieder auf Kurs und an die Börse. Während Felder mit Schmid über den Aussenauftritt stritt, zog Spalinger im Hintergrund die Fäden. Er sei fachlich brillant, sachlich, lasse sich nicht von Emotionen leiten und sei nicht bloss ein «Number Cruncher», sondern denke unternehmerisch nachhaltig. Spalinger handelte mit der ZKB und deren heutigem CEO Martin Scholl sowie mit den CS-Leuten Hans-­Ulrich Doerig (damals oberster Risikochef) und Lukas Gähwiler (Ex-CS-Firmenkundenchef, heute UBS) Kreditlimiten aus. Auch Oswald Grübel, damals CS-Chef, hatte für die Anliegen des Flughafens ein offenes Ohr. Eng war auch die Zusammenarbeit mit Flughafen-VR Martin Candrian, der das Audit & Finance Committee leitete. Der Verwaltungsrat verdankte ihm seine Dienste mit einer IWC Portugieser. Spalinger schwärmte jahrelang vom Chronographen, schaffte sich aber nie selbst einen an.

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Die Familie

Beat Spalinger hasst den öffentlichen Auftritt. Seine Person sei für die Funktion bei Straumann ohnehin irrelevant, er ziehe es vor, nicht im Rampenlicht zu stehen, sagt er. So ist über den bescheidenen Manager, der im Zürcher Säuliamt wohnt, wenig ­bekannt. Spalinger sucht sein soziales Netzwerk nicht im Beruf, wichtig ist dem gebürtigen Stadtzürcher seine Familie. ­Spalinger wie auch seine Frau Lotti und die beiden Kinder sind Orientierungsläufer für die OL-Gruppe Säuliamt. Die Klassierungen werden seit seiner Berufung zum Straumann-CEO aber seltener. Im August 2010 lief er im jurassischen Les Breuleux in ­einer Zeit von 1:09:15 Stunden über 7,5 Kilometer auf Rang 34. Ausserdem ist er ­begeisterter Wintersportler. Er fährt Snowboard und macht Langlauf.