An der Zürcher Falkenstrasse wird im Verlust der Autorität «G.S.», Gerhard Schwarz, fast schon die Götterdämmerung gesehen. Dass der Abgang des Wirtschaftschefs mit seiner Unzufriedenheit über Modernismus und neuen Managementstil im Hause zu tun hat, ist kein Geheimnis. Lange ­gezögert haben soll der 58-Jährige nicht, ab Ende 2010 steht er an der Spitze des Think Tank Avenir Suisse. Fast drei Jahrzehnte schrieb Schwarz für die «NZZ», 16 Jahre wirkte er als Chef des Wirtschafts­ressorts, seit 2008 auch als stellvertretender Chefredaktor. An seinen konsequenten Positionen schieden sich die ­Geister, doch sie brachten ihm auch hohe Weihen. Im November wurde Schwarz der Preis der Stiftung für Abendländische Kultur und Ethik verliehen, als «schockresistent liberal» lobte ihn der im Dezember ­verschiedene deutsche FDP-Patriarch Otto Graf Lambsdorff in einer Würdigung.

Die zweite Karriere ist Chance wie Herausforderung. Nach der Ära des umtriebigen Thomas Held soll der Think Tank weniger auf die Person ausgerichtet, strukturierter geführt und breiter abgestützt werden. Gleichzeitig muss sich der Intellektuelle Schwarz auch als Motivator, Öffentlichkeitsarbeiter und kreativer Impulsgeber beweisen.

Die Gegenspieler

Der Unmut über den Kurs des «NZZ»-Managements unter CEO ­Albert «Polo» Stäheli und dem Präsidenten Conrad Meyer war zu gross, um unter dem Deckel gehalten zu werden. Schwarz kritisierte eine Deklassierung der Redaktion, Mangel an Strategie und ­einen ungenügenden Einsatz für Qualitätsjournalismus. Seine Dankesrede für den Preis der Stiftung für Abendländische Kultur und Ethik trug den Titel «Journalisten ­ohne Werte sind wertlos».
Keine Freunde machte sich Schwarz 1995 als Mitverfasser des «Weissbuchs». Der Reformvorstoss «Mut zum Aufbruch», verfasst von 19 Wirtschaftsführern und Ökonomen, löste eine erbitterte ­Sozialdebatte aus und wurde öffentlich zerpflückt – nicht nur von linker Seite. Im Trommelfeuer der Kritik gingen Co-Herausgeber wie CS-Chef Lukas Mühlemann auf Tauchstation. Schwarz fand sich fast alleine an der Front.
Zu Wirtschaftsführern, die sich nach seinen Prinzipien zu viel erlaubten, geht der konservative «NZZ»-Wirtschaftschef auf Distanz. Marcel Ospel etwa forderte er nach dem UBS-Debakel zum Rücktritt auf. Grösster Konkurrent im Rennen um den Job bei Avenir ­Suisse war während der sechsmonatigen Suche offenbar der Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar. ­Erklärter Gegner ist Ringier-Chefkolumnist Frank A. Meyer, der seine Hassliebe zelebriert: Aus Schwarz’ Artikeln holt sich ­Meyer seit Jahren Inspiration und Stoff für Gegenpamphlete.

Die Mitstreiter

Massgebliche Kraft für Schwarz’ Ernennung bei Avenir Suisse war der Präsident des Think Tank, Rolf Soiron. Auch Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz hat den «NZZ»-Wirtschaftschef portiert. Ebenso der Ex-McKinsey-Chef Thomas Knecht, der dem Nominationsausschuss bei Avenir Suisse vorsteht. Mit seinem Vorgänger Thomas Held pflegte der «NZZ»-Wirtschaftschef stets einen intensiven und kollegialen Austausch. Auch das Einvernehmen mit Thomas Schmidheiny ist sehr gut. Mit «NZZ»-VR Konrad Hummler tauscht sich Schwarz unter anderem im Stiftungsrat der Progress Foundation aus. Ambivalent war das Verhältnis zu «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann, fachlich und persönlich schätzt man sich, bei der Weiterentwicklung des Blattes gab es aber des Öfteren Differenzen zwischen dem Chefredaktor und Modernisten Spillmann und dem Stellvertreter und Traditionalisten Schwarz.

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Die Vertrauten

Ex-SNB-Präsident Jean-Pierre Roth, soeben in den Stiftungsrat von Avenir ­Suisse berufen, ist ein Duzfreund von Schwarz. Der Präsident des Stiftungsrates der Progress Foundation, Marcel Studer, zählt zum Freundeskreis.
Wertschätzung verbindet Schwarz mit dem Ex-Nestlé-Finanzchef und gescheiterten Swissair-Sanierer Mario Corti und dem früheren UBS- und Ciba-Präsidenten Alex Krauer. Zu den Uni-Kollegen, mit denen er verbunden blieb, gehört neben Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auch Peter Wuffli. Schwarz und Wuffli haben am Lateinamerika-Institut mit Arbeiten über Entwicklungsarbeit promoviert. Die Beziehung litt nicht unter dem kritischen Diskurs, etwa zu Wufflis CEO-Zeit bei der UBS, als Schwarz gegen die Salärpolitik wetterte, Titel wie «Wellenreiter im Selbstbedienungsladen» setzte und Wuffli öffentlich konterte.

Ökonomie-Connection

Ideologische Heimat des Liberalen Schwarz ist die österreichische Schule der Nationalökonomie, allen voran Friedrich von Hayek, Begründer der Mont Pelerin Society, bei der Schwarz Mitglied ist. Prägend in der HSG-Zeit wirkte der Mentor und Doktorvater, Walter Adolf Jöhr. Grösster Förderer von Schwarz bei der «NZZ» war sein Vor-Vorgänger als Wirtschaftschef, der ordoliberale Willy Linder. Guten Kontakt hält Schwarz zum Empiriker Bruno Frey wie auch zu Ökonomieprofessor Ernst Fehr. Gedankengut teilt er mit dem Stiftungsratspräsidenten des Liberalen Instituts, Robert Nef, mit dem zusammen er das Buch «Neidökonomie» verfasst hat.

Das Privatleben

Seine Frau Doris, eine Schaffhauserin, hat Schwarz während eines Studienaufenthalts in Kolumbien kennen gelernt, sie unterrichtete als Lehrerin an der Schweizer Schule in Bogotá. Das Paar hat drei Töchter, allesamt flügge. Ob zum Skifahren oder Wandern, in seiner Freizeit zieht es den Vorarlberger Schwarz in die Berge. Zu seinen Freunden gehört denn auch der Bergsteiger, Arzt sowie BILANZ-Kolumnist Oswald Oelz. Kochen und Jassen sind weitere Hobbys. Seiner Heimat bleibt er verbunden, im Bregenzerwald besitzt die Familie ein Ferienhaus. Gleichzeitig ist er konservativen Zürcher Traditionen verbunden und etwa Mitglied der «Gilde der Bombenwerfer» der Stadtzürcher Schützen.