Der Auftritt des US-Finanzministers Henry Paulson jr. vor dem Pressekorps im Weissen Haus verhiess am Tag nach der Pleite von Lehman wenig Gutes. Bleich, fahrig, übernächtigt – so hatte sich der ehemalige Chef von Goldman Sachs noch nie gezeigt.

Verständlich, denn die letzten Wochen haben an den Nerven gezehrt. Wird man in den Geschichtsbüchern dereinst unter den Stichworten Banken- und Finanzkrise 2008 den «Mann der Stunde» suchen, so ist dies Paulson. Dass sich der Manager seinen Job so vorstellte, als er vor zwei Jahren dem Ruf George W. ­Bushs folgte, steht zu bezweifeln. Geholt hatte ihn der Präsident, um ­seine Wirtschaftspolitik besser zu verkaufen. Doch statt als ­Gute-Laune-Onkel fand sich Paulson in der Rolle des obersten Feuerwehrmanns wieder, der ein globales Inferno verhindern soll.

Dass er den Mut hat, das Arsenal zu nutzen, das ihm sein Amt und die Staatskasse bieten, hat er mit der Rettung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sowie des Versicherungsgiganten AIG bewiesen. Und dass er die Courage besitzt, Nein zu sagen, wenn er eine Nothilfe wie im Lehman-Fall für volkswirtschaftlich nicht zwingend geboten hält. Eines hat Paulson schon angedeutet: Eine zweite Amtszeit wird er kaum anstreben.

Die Vertrauten

Als seinen Stellvertreter brachte Paulson mit Bob Steele einen bewährten Gefährten von Goldman Sachs mit ins Finanz­ministerium, und auch Staatssekretär David McCormick und Stabschef Jim Wilkinson sind alte Wegbegleiter. Überhaupt schätzt Paulson den Rat von Freunden und Familie. Als engste Vertraute gelten seine Frau Wendy Paulson und die beiden erwachsenen Kinder Henry Merritt III und Amanda Clark. Sein bester Freund aus Studienzeiten an der Harvard Business School ist Walter C. Minnick, heute Chef einer Landschaftsgärtnerei in Idaho. Mit George Bush sr. geht er gelegentlich segeln. Einen neuen Freund hat Paulson in Zhou Xiaochuan: Nach der Rettung von Fannie Mae und Freddie Mac war der Gouverneur der chinesischen Zentralbank der erste Gratulant – kein Wunder, sind die Chinesen doch mit mehreren hundert Milliarden Dollar an dem Darlehen beteiligt.

Die Widersacher

Schon bei Goldman hatte sich der frühere Football- und Lacrosse-Spieler Paulson – Spitzname «der Hammer» – nicht nur Freunde gemacht. In der Bank verdrängte er Jon Corzine, den heutigen Gouverneur von New Jersey, von der Spitze und betrieb den Sturz des New Yorker Börsenchefs Richard Grasso, der daraufhin seinen Gegner als «Schlange» bezeichnete. Sein aktuelles Krisenmanagement wurde nicht nur von politischen Gegnern wie Barack Obama oder Nancy Pelosi, Mehrheitsführerin der Demokraten im US-Kongress, scharf kritisiert. Auch wirtschaftspolitische Gralshüter aus der eigenen Partei brandmarkten Paulson als «prinzipienlosen Umfaller».
Besonders kritisch äusserten sich die Senatoren Richard Shelby aus Alabama («eine Dummheit allererster Ordnung«), der Abgeordnete Roy Blunt aus Missouri («völlig planlos») und Senator Jim Bunning aus Kentucky («ein Schlag ins Gesicht der Steuerzahler»). Auch der angesehene Finanzexperte Desmond Lachman vom konservativen American Enterprise Institute war entsetzt: «Paulson spielt mit dem Feuer.»

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Die Goldman-Connection

Von 1999 bis zu seiner Ernennung zum Finanzminister stand Paulson Goldman Sachs vor, der allerersten Adresse von «Big Money» und «Big Finance». Zu seinem Entschluss, den Avancen aus dem Weissen Haus zu folgen, trug Joshua Bolten bei, Stabschef von Präsident George W. Bush, der lange mit Paulson bei Goldman gearbeitet hatte. Im Windschatten der Lehman-Pleite segelte Merrill Lynch fast beiläufig unter die Fittiche der Bank of America. Die Flucht orga­ni­sierte John Thain, früher ebenfalls bei Goldman Sachs. Paulson nickte den Generalaufwasch wohlwollend ab. Auch mit seinem ehemaligen Chef bei Goldman Sachs, Robert Rubin, ehemals Finanzminister unter Bill Clinton, hält Paulson bis heute Kontakt.

Das Privatleben

Der kahlköpfige Manager Paulson beherbergt auf seiner Familienfarm ausserhalb von Chicago Hunderte von Tieren, darunter Alligatoren, Frösche, Schildkröten, Taranteln und Schlangen. Auf Partys sieht man ihn kaum. «Wir sind beide nicht besonders sozial veranlagt», sagt Ehefrau Wendy Paulson, «und einem Country Club ­gehören wir auch nicht an.»

Seit seinen Studententagen in Dartmouth und Harvard ist der konservative Christ zwar überzeugter Republikaner, aber anders als die meisten Parteifreunde setzt sich Paulson vehement für den Umweltschutz ein.

Die Hobbys

In seiner Freizeit fliegt Paulson an exotische Orte in Belize oder Brasilien und geht seinem Lieblingshobby nach, dem Beobachten von Raubvögeln in freier Wildbahn. Bei seinem beherzten Engagement für umweltpolitische Zwecke arbeitet er eng mit Steven J. McCormick, dem Präsidenten der Nature Conservancy zusammen. Für Umweltprojekte auf der ganzen Welt rekrutierte er unter anderem Nobuyuki Idei von Sony, Shoichiro Toyoda von Toyota, Bill Ford von Ford und Jim Morgan von Applied Materials persönlich als finanzkräftige Helfer. In China machte er sich mit dem damaligen Präsidenten Jiang Zemin für den Erhalt der Tigersprungschlucht Hutiaoxia in Yunnan stark.

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