Michael Ambühl räumte sein Büro im Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) Ende August. Fünf Tage später ernannte Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf seinen Nachfolger: Jacques de Watteville. Der Botschafter übernimmt per 1. November. 2012 hatte er sich nach Peking versetzen lassen – die letzte Station vor dem Ruhestand, dachte er. Während Ambühl mit 62 Jahren den diplomatischen Dienst quittiert, tritt der gleich alte de Watteville nun seinen wichtigsten Posten an. Er gilt als Übergangskandidat.

Der Romand kehrt zurück ins Auge des Sturms. Im kleinen SIF mit 80 Mitarbeitenden warten grosse Aufgaben. Vorgänger Ambühl reiste wegen des US-Steuerstreits meist nach Washington und packte dort den diplomatischen Hammer aus. Europakenner de Watteville mag es sanfter. Er wird vornehmlich in Brüssel am Verhandlungstisch sitzen und mit dem Florett hantieren. In Europa tun sich Flanken auf: automatischer Informationsaustausch, Zinsbesteuerung mit der EU, Unternehmenssteuerreform III. Vor zehn Jahren sagte de Watteville: «Wir verteidigen die Schweizer Interessen mit Bestimmtheit und werden keine Konzessionen machen, die das Bankgeheimnis beeinträchtigen könnten.» Nun tritt er an, eben dieses Bankgeheimnis zu beerdigen.

Die Freunde
In 30 Jahren Staatsdienst haben sich enge Beziehungen gebildet. Jacques de Wattevilles Freundeskreis liest sich wie das Who’s who der Schweizer Diplomatie. Dazu zählt auch sein Vorgänger im Staatssekretariat für internationale Finanzfragen, Michael Ambühl. Der diplomatische Dampfhammer des Bundesrates kämpfte in den vergangenen Jahren an allen Steuerfronten. Die beiden verstehen sich sehr gut, obwohl de Watteville einen sanfteren Verhandlungsstil pflegt. Ein Freund de Wattevilles ist Anton Thalmann, bis in diesem Frühjahr Botschafter in London. Gemeinsamer Freund ist Ex-Nationalbank-Chef Jean--Pierre Roth. Einmal jährlich lädt Roth zum Racletteplausch, rund 30 Kollegen folgen jeweils der Einladung. Eng befreundet ist de Watteville mit dem Freiburger FDP-Nationalrat und Generalsekretär des Bauernverbands, Jacques Bourgeois. Die beiden Jacques gehen oft auf Skitouren. Gut kann er es auch mit Anwalt Jean Russotto. Der Schweizer Europakenner lebt in Brüssel und lud früher zur traditionellen Sommerzusammenkunft in Verbier. Mit dem ehemaligen Seco-Chef und heutigen Credit-Suisse-Verwaltungsrat Jean-Daniel Gerber versteht er sich gut. Professionell ist das Verhältnis mit Robert Waldburger, den er bei den Verhandlungen mit der EU um die Zinsbesteuerung kennen lernte, und mit François Nordmann. Dieser war war sein Chef in London.

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Die Gegenspieler
Der Romand de Watteville ist ein smarter Verhandler. Auf persönlicher Ebene versteht er sich mit seinem Gegenüber in der Regel gut. Konfliktpotenzial bietet aber die Situation in seinem neuen Job. Der Bundesrat überging bei der Wahl von de Watteville Ambühls Stellvertreter Alexander Karrer – bereits zum zweiten Mal. Karrer stand schon bei der Berufung von Ambühl bereit. Doch er wurde damals wie heute für zu leicht befunden. In seiner Funktion als Schweizer Botschafter in Brüssel geriet er immer mal wieder mit Michael Reiterer aneinander. Mit dem ehemaligen EU-Botschafter in Bern kann er es persönlich aber ganz gut. Sein künftiges Pendant als Chef des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen ist erneut ein Österreicher: Heinz Zourek ist Chefunterhändler für Steuerfragen bei der EU-Kommission. Zoureks Chef ist EU-Steuerkommissar Algirdas Šemeta. -Mässig begeistert von de Wattevilles Wahl war SVP-Nationalrat Hans Kaufmann. Er sieht ihn wegen seines Alters als Übergangs-lösung. De Watteville sei «leider vielleicht ein verkappter Euroturbo», er verfüge aber über die nötigen Fähigkeiten und Netzwerke.

Die Wirtschafts-Connection
1997 bis 2003 leitete de Watteville die Abteilung für Finanz- und Wirtschaftsfragen im Departement des Äussern. Aus dieser Zeit blieben Beziehungen in die Wirtschaft – vorab in der Romandie. De Watteville versteht sich gut mit Patrick Odier, Präsident der Bankiervereinigung, und mit Michel Dérobert, Geschäftsführer der Vereinigung der Privatbanken. Mit Jan Atteslander arbeitete er in seiner Brüsseler Zeit eng zusammen. Der Economiesuisse-Mann ist Leiter der Aus-senwirtschaftspolitik. Wichtig in seiner neuen Funktion ist Aymo Brunetti. Der Professor wird eine Arbeitsgruppe zur Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie leiten, bei der de Watteville Mitglied sein wird.

Die Karriere
Den eigentlichen Karrierebooster erlebte de Watteville 1997. Damals holte ihn Bundesrat Flavio Cotti aus London zurück und setzte ihn an die Spitze der Abteilung für Wirtschafts- und Finanzfragen im Departement des Äusseren. Dort verhandelte er mit der OECD, den USA und mit der EU über das Zinsbesteuerungsabkommen. Eng waren in dieser Zeit die Beziehungen zu den späteren Departementsvorstehern Joseph Deiss und Micheline Calmy-Rey. In den diplomatischen Dienst trat der Jurist und Ökonom 1982. Zuvor war er für das Rote Kreuz unterwegs, 1978 doktorierte er und erlangte 1981 das Anwaltspatent. Als Sekretär der Schweizer Mission in Brüssel erlebte er 1991 die EWR-Verhandlungen unter Delegationsleiter Franz Blankart hautnah mit. 2003 wechselte er als Botschafter nach Syrien und vier Jahre später nach Brüssel, wo er die Schweizer Interessen bei der EU vertrat. Bundesrat Didier Burkhalter schickte ihn 2012 nach Peking. Dort bleibt er nun nur ein Jahr. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf holt ihn als Staatssekretär für internationale Finanzfragen zurück nach Bern. 

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Die Familie
De Watteville stammt ursprünglich aus der Berner Patrizierfamilie von Wattenwyl. Aufgewachsen ist der Diplomat aber in Lausanne. Dort studierte er Jura und Wirtschaft. Verheiratet ist der Vater von drei Kindern mit Maria. Die gebürtige Syrerin wuchs in Libanon auf, machte ihre Matur in Beirut und liess sich in London zur Direktionssekretärin ausbilden. Später arbeitete sie für verschiedene Unternehmen und Organisationen in Beirut, etwa für das Rote Kreuz, und Lausanne. De Watteville ist begeisterter Alpinist. Ob Skifahren, Skitouren, Wandern oder Bergsteigen: Wann immer möglich zieht es ihn in die Höhe, meistens in die Walliser und Waadtländer Alpen. In Peking hat sein Hobby allerdings gelitten. Der Gebirgsinfanterist hat auch ein Musikgehör für traditionelle Schweizer Klänge. Zu seinem 50. Geburtstag bekam er ein Alphorn geschenkt. Es kommt allerdings nur beschränkt zum Einsatz.

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