In der Schweizer Chemie- und Pharmaindustrie kreisen Karrieren entweder um das Gravitationsfeld von Roche oder jenes von Novartis. Zu den wenigen Führungskräften, die sich auf beiden Seiten des Rheins etablierten, gehört Jürg Witmer. Ohne Aufsehen zu erregen, hat sich der 61-Jährige in den letzten Jahren ein Beziehungsnetz quer durch die Industrie aufgebaut.

Die Referenzen holte er sich beim Aromen- und Riechstoffhersteller Givaudan. Nach einer kurvenreichen Laufbahn durch den Roche-Konzern schlug bei der Abspaltung von Givaudan vor zehn Jahren die Stunde von Jürg Witmer. Roche-Lenker Fritz Gerber hielt seinen Protégé für den geeigneten Mann, um das Unternehmen in die Selbständigkeit und an die Börse zu führen. Zusammen mit VR-Präsident Henri B. ­Meier baute Witmer Givaudan durch Zukäufe zum weltgrössten Anbieter von Duftstoffen und Aromen für die Parfum- und die Nahrungsmittelindustrie aus. Mit diesem Palmarès öffneten sich die Pforten zu anderen Chefetagen. Beim Clariant-Konzern, den Witmer seit 2008 präsidiert, läuft es allerdings weniger rund als bei Givaudan. Der Chemikalienhersteller steckt in der Dauerkrise, Witmer sah sich genötigt, die Sparprogramme zu verschärfen. Stellenabbau und Werkschliessungen werden auch nächstes Jahr weitergehen.

Seine Mitstreiter

Seit Roche die Tochterfirma Givaudan in die Unabhängigkeit entliess, halten die Roche-Besitzerfamilien Oeri und Hoffmann rund zehn Prozent am Genfer Unternehmen. Clansprecher André ­Hoffmann gehört zu den wichtigsten Vertrauten von Jürg Witmer, der Givaudan zunächst operativ führte und seit 2005 präsidiert. Mit dem Franzosen Gilles Andrier, seit 2005 CEO des Unternehmens, bewies Witmer eine gute Hand für die Regelung seiner Nachfolge. Intakt sind die Verbindungen entlang des Genfersees zu Nestlé, wo Witmer zum VR-Präsidenten und Roche-Verwaltungsrat Peter Brabeck einen guten Draht hat. Durch den ­Kontakt mit Paul Polman, dem früheren Nestlé-Finanzchef und heutigen Unilever-CEO, verfügt er über eine direkte Verbindung zu einem der wichtigsten Givaudan-Kunden. Zu Roche-CEO ­Severin Schwan pflegt Witmer immer noch den Kontakt.

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Seine Gegenspieler

Fünf Monate reichten Jürg Witmer als VR-Präsident von Clariant, um im Management durchzugreifen. Er trennte sich abrupt von Konzernchef Jan Secher und ernannte den Deutschen Hariolf Kottmann zum CEO. «Normalerweise ist Witmer easy-going», sagt ein Weggefährte, «aber wenn jemand die Leistung nicht bringt, macht er kurzen Prozess.» Das Führungsduo hat Clariant ein rigoroses Abbauprogramm verordnet, mit dem es lautstarke Proteste von Gewerkschaftern und der Clariant-Betriebskommission auf sich zog. Letztere wird von Jörg Studer präsidiert. Ein zwiespältiges Intermezzo gab Witmer in seiner Rolle als designierter Präsident des Impfstoffherstellers Berna Biotech, der unter seiner Ägide an die niederländische ­Crucell verkauft wurde. Den früheren Roche-Kollegen Kuno Sommer, der Berna Biotech damals führte, kostete dies nach der Integration die Stelle.

Seine Chemie-Connection

Jürg Witmer hat sich zusehends vom Roche-Einflussbereich entfernt und sich auch in der aus Novartis hervorgegangenen Spezialitätenchemie – Syngenta, Clariant – etabliert. Mit dem Novartis-Erben Pierre Landolt sitzt er seit 2006 im VR von Syngenta, dem weltgrössten Hersteller von Pflanzenschutzmitteln. Als er im Frühling 2008 das Präsidium von Clariant übernahm, besetzte er den Verwaltungsrat mit Vertrauensleuten. Er holte den früheren Swisscom-­Manager Dominik ­Koechlin, mit dem er Ende 2005 den Verkauf des Impfstoffherstellers Berna ­Biotech orchestrierte. Mit Rudolf Wehrli hat ein weiterer Gewährsmann das ­Vizepräsidium übernommen. Der frühere Chef der Gurit-Heberlein-Gruppe sitzt mit Witmer auch im Stiftungsrat der Schweizerischen Chemischen Gesellschaft (SCG), dem auch Chemie-Nobelpreisträger Richard Ernst angehört.

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Sein Privatleben

Jürg Witmer, Jahrgang 1948, stammt aus Solothurn, sein Vater war Bauer und Beizer. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. An seinem Wohnort Arlesheim BL ist er nicht häufig anzutreffen. Einen grossen Teil seiner Zeit verbringt er in Genf oder auf Reisen. Gerne hält er sich in Wien auf, wo er einige Jahre für Roche arbeitete. Society-Anlässe meidet er, zu seinen grössten Extravaganzen gehört das Pfeifenrauchen. Ein Freund beschreibt Witmer als einen «geerdeten Geniesser». Ab und zu schwingt er sich aufs Fahrrad, und einer gelegentlichen Partie Golf ist er nicht abgeneigt. ­Witmer hört gerne klassische Musik und kocht mit Vorliebe Währschaftes.

Seine Förderer

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Zürich und dem Politologiestudium in Genf trat Jürg Witmer 1978 in die Rechtsabteilung von Roche ein. Konzernchef Fritz Gerber wurde auf den geselligen und zielstrebigen Mitarbeiter aufmerksam und machte ihn zum persönlichen Assistenten. Sie verstanden sich gut: Beide sind Juristen, stammen aus bäuerlichen Verhältnissen und sprechen mit träfer Sprache. Gerber schickte Witmer auf eine 22-jährige Laufbahn durch den Roche-Konzern, die ihn von Hongkong über Basel bis nach Wien und später nach Genf zu Givaudan führte. Es war auch Gerber, der seinem Schützling einen VR-Sitz bei der Bank Sal. Oppenheim (Schweiz) verschaffte.