Der Ausruf wurde legendär: «Mon dieu, Rümmenisch!», rief Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand voller Schrecken, als Karl-Heinz Rummenigge in der Verlängerung des WM-Halbfinals 1982 eingewechselt wurde – und die zurückliegenden Deutschen prompt noch zum Sieg gegen Frankreich schoss. Auch heute haben Gegner wie Freunde höchsten Respekt vor dem ehemaligen Weltklassestürmer. Nun aber wegen seiner Leistung als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, der am 19. Mai im Endspiel der Champions League steht. Als «grössten Triumph der Vereinsgeschichte» hat Rummenigge einen Sieg im eigenen Stadion bezeichnet, und das will etwas heissen bei dieser Vereinsgeschichte. Finanziell hat er schon gewonnen: Rund 50 Millionen Euro wird sein Verein durch die Finalteilnahme verdienen. Der Mann, der für die Profikarriere einst seine Banklehre abbrach, führt den FC Bayern streng kaufmännisch: Kredite gibt es keine, Transfers nur via Festgeldkonto. Kein Wunder, ist das Unternehmen (Umsatz: 323 Millionen Euro) als einer von nur wenigen Grossclubs kerngesund. Als Präsident der European Club Association (ECA), welche die Interessen von 201 europäischen Fussballclubs vertritt, sorgt Rummenigge dafür, dass auch bei den anderen Vereinen die zügellose Geldverschwendung langsam zu Ende geht.

Die Verbündeten

«Das wird nie einer», sagte Franz Beckenbauer über Rummenigge, als dieser mit 19 Jahren zu den Bayern stiess. Er wurde einer, erst als Weltklassestürmer, dann als Vizepräsident und CEO der Bayern. ­Zusammen mit «Kaiser» Beckenbauer (inzwischen Ehrenpräsident) und dem langjährigen Manager und heutigen Präsidenten Uli ­Hoeness bildete Rummenigge eine Mannschaft hinter der Mannschaft und etablierte die Bayern in der europäischen Spitze. Der eloquente Rummenigge amtet dabei vorwiegend als Aussenminister, die Drecksarbeit und das Poltern überlässt er Hoeness. Für das «Mia san mia»-Selbstbewusstsein sorgen weitere Ex-Teamkollegen: Paul Breitner, einst kongenialer Passgeber im Mittelfeld (man sprach vom Duo «Breitnigge»), arbeitet heute für die Bayern als Talentspäher, Ex-Stürmerstar Gerd Müller ist Co-Trainer für die zweite Mannschaft. Sportdirektor ist Christian Nerlinger, ein ehemaliger Bayern-Spieler auch er. Mit dem Präsidenten des FC Basel, Bernhard ­Heusler, ist Rummenigge privat befreundet; diesem luchste er Flügelstürmer Xherdan Shaqiri ab. Wirtschaftlich die wichtigsten Verbündeten sind Audi-Chef Rupert Stadler sowie Herbert Hainer, CEO von Adidas: Ihnen verkaufte Rummenigge 9 bzw. 10 Prozent an der Bayern München AG. Beide sitzen auch im Aufsichtsrat, zusammen mit ­Helmut Markwort, Herausgeber des Nachrichtenmagazins «Focus» («Fakten, Fakten, Fakten!»), VW-Chef Martin Winterkorn und dem ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Die Gegner

Keine Freude an Rummenigges Financial-Fair-Play-Regeln haben Mäzene wie Scheich Mansour bin Zayed al Nahyan, Eigentümer von Manchester City, oder Roman Abramowitsch von Champions-League-Finalgegner Chelsea London, den er «Totengräber des Fussballs» nannte. Gegen Fifa-Präsident Sepp Blatter, den er in einem BILANZ-Interview mit dem gestürzten ägyptischen Diktator Hosni Mubarak verglich, und dessen «Korruptionsstadel» wettert Rummenigge regelmässig. Dass Blatter den FC Basel aus der Champions League aussperren wollte, fand Rummenigge ­«unterste Schublade», er versuchte zu vermitteln im Streit zwischen Sion-Boss Christian Constantin und der Uefa – vergeblich. Nicht mehr gut zu sprechen ist er auf die Ex-Trainer Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann, beide vom Hof gejagt. Kritische Worte fand er einst auch für den heutigen Trainer der Schweizer Nati, Ottmar Hitzfeld («Fussball ist keine Mathematik»). Inzwischen ist das Verhältnis aber wieder gut. Unrettbar kaputt ist das Verhältnis mit Willi Lemke, Sonderberater des Uno-Generalsekretärs Ban Ki-moon für Sport: Lemke hatte als Manager von Werder Bremen zwei Jahrzehnte lang gegen die Bayern-Führung polemisiert.

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Die Italo- und Schweiz-Connection

Nach elf Jahren beim FC Bayern wechselte Rummenigge 1984 zu Inter Mailand, es war der zweitteuerste Transfer der Fussballgeschichte bis dahin. Drei Jahre später schob ihn Trainer Giovanni Trapattoni ab, der 1994 – Ironie des Schicksals – unter Vizepräsident Rummenigge Bayern-Trainer werden sollte («Spieler schwach wie Flasche leer!»). Rummenigge liess seine Karriere bei Servette Genf ausklingen, wo er 1989 noch einmal Torschützenkönig wurde. Trainer war damals Thierry de Choudens, Präsident der ­Immobilienhai Carlo Lavizzari, der kürzlich wegen des Debakels der Genfer Kantonalbank vor Gericht stand. An Rummenigges Seite in Genf spielte Lucien Favre, heute erfolgreicher Trainer bei Borussia Mönchengladbach.

Der Funktionär

Neben Uefa-Präsident Michel Platini ist Rummenigge der als Funktionär erfolgreichste Ex-Spitzenfussballer. Platini war auch sein wichtigster Verbündeter bei der Einführung der Financial-Fair-Play-Regeln, wonach ein Club nur so viel ausgeben darf, wie er einnimmt (die Regeln werden ab kommender Saison schrittweise eingeführt). Wenn Platini der nächste Fifa-Präsident wird, wovon auszugehen ist, wäre Rummenigge ein Kandidat für den Uefa-Thron – wenn er denn will. Bereits heute ist «Killer-Kalle», wie ihn der «Spiegel» wegen seiner unnachsichtigen Art einst ­bezeichnete, als Präsident der ECA bestens vernetzt. Im Vorstand arbeitet er dort mit Branchengrössen zusammen wie Joan Estruch, langjähriger Präsident des FC Barcelona, oder Peter Kenyon, ehemals CEO bei Manchester United und ­Chelsea. Zudem sitzt Rummenigge im Verwaltungsrat der ­Uefa Events SA in Nyon. Dort trifft er unter anderem auf ­Florentino Pérez, Bauunternehmer und legendärer Präsident von Real Madrid, der einst «Los Galácticos» um ­David Beckham und Zinédine Zidane zusammenkaufte und nun eine ­ähnliche Supertruppe um Cristiano Ronaldo unter Trainer José Mourinho finanziert.

Die Familie

Rummenigge wurde in Westfalen geboren, der Vater, gelernter Werkzeugmacher, spielte bei Borussia Lippstadt und gab das Fussball-Gen den Kindern weiter: Auch Bruder Michael spielte für die Bayern (davon drei Jahre an der Seite von Karl-Heinz) und die Nationalelf, Bruder Wolfgang in der zweiten ­Liga. Karl-Heinz ist verheiratet mit Martina, zusammen haben sie fünf Kinder: André (1980), Roman (1982), Ricarda (1983), Henry (1988) und Charlotte (1991). Das Paar wohnt in einer Villa im Münchner Nobelvorort Grünwald. Rummenigge sammelt mechanische Uhren, er ist speziell Fan von Patek Philippe.