Mit dem Auftreten von Pascale Bruderer mussten Schweizer Politkarrieren neu definiert werden. 1997 war sie die jüngste gewählte Lokalpolitikerin, 2002 die jüngste Bundesparlamentarierin, und nun ist sie die jüngste Nationalratspräsidentin. Ende November wurde die 32-Jährige mit einem Glanzresultat zur höchsten Schweizerin gewählt. Für die Leitung ihrer ersten Session erhielt sie Komplimente von links bis rechts. Endlich konnte die SP-Politikerin, die bürgerlich auftritt und politisiert, auch in den eigenen Reihen punkten.

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Geht es um Repräsentation und Kommunikation, ist Pascale Bruderer im Element. Sie versteht sich als Brückenbauerin. Wer sie kennt, beschreibt sie als «zugänglich» und «unvoreingenommen». Sie mischt sich unters Volk, beherrscht die Gebärdensprache, betreibt ein Bürgerbüro, ein Facebookprofil und eine Internetseite.

So viele Sympathien sie als Mensch geniesst – politisch ist die Politologin im Parlament alles andere als ein Schwergewicht. Ihr grösster Leistungsausweis besteht in ihrem Einsatz für die Gleichstellung behinderter Menschen. Dieses Engagement rührt daher, dass in der Verwandtschaft ihrer Mutter einige Menschen schwerhörig oder gehörlos sind. Dies hat sie politisiert.

Die Mitstreiter

Als Pascale Bruderer ins Bundesparlament gewählt wurde, gründete sie mit SVP-Nationalrat Toni Brunner und SP-Kollegin Ursula Wyss den U-35-Club von jungen Nationalräten aller Couleur, die ab und zu das Berner Nachtleben unsicher machen. Bald stiess FDP-Nationalrätin Christa Markwalder Bär hinzu, die eine der engsten Vertrauten Bruderers in Bern geworden ist. Innerhalb der SP ist sie in der liberalen Ecke – mit Claude Janiak, Simonetta Sommaruga, Anita Fetz – am besten vernetzt. Eine ihrer Mentorinnen ist Ursula Mauch, erste Aargauer Nationalrätin und Mutter der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch. CVP-Ständerat Carlo Schmid, Cheflobbyist der Werbebranche, machte sie zur Präsidentin der Lauterkeitskommission. Wichtige Aargauer Wahlhelfer waren Claudio Marti, Jurist der Kanzlei Homburger, sowie Stefan Läubli von der Behindertenorganisation Procom. Mit ihm erkämpfte sie die Einführung eines Gebärdensprache-Dolmetschers bei der «Tagesschau», was sie als ihren grössten politischen Erfolg bezeichnet. Im Bundesrat hat sie einen guten Draht zu Eveline Widmer-Schlumpf.

Die Gegenspieler

Von allen Parteien ist Bruderers Unterstützung in der eigenen Partei, der SP, am geringsten. Vielen Genossinnen und Genossen ist sie zu jung, zu bürgerlich und wohl auch zu hübsch. Dass Bruderer in internen Ausmarchungen feministische und gewerkschaftliche Vorkämpferinnen wie Maria Roth-Bernasconi überholt hat, sorgte da und dort für Unmut. In Sachfragen wie zu den Ladenöffnungszeiten weicht sie oft von der vorgespurten Meinung von SP-Exponenten wie Christian Levrat oder Paul Rechsteiner ab. Eine ihrer grössten Niederlagen erlebte die erfolgsverwöhnte Frau 2007 im Kampf um den Aargauer Ständeratssitz, den sie gegen FDP-Frau Christine Egerszegi klar verlor. Kurz darauf versuchten die grünen Nationalrätinnen Therese Frösch und Maya Graf die Wahl Bruderers ins Vizepräsidium des Nationalrats zu verhindern. Bruderers Engagement für die Abwahl von Christoph Blocher aus dem Bundesrat hat ihr nicht nachhaltig geschadet. Für die SVP-Fraktion ist sie wählbar, weil die SVP sie politisch nicht ernst nimmt. «Sie tut uns nicht weh», sagt ein SVP-Nationalrat.

Das Wirtschaftsnetz

Als Präsidentin der Lauterkeitskommission, des Selbstkontrollorgans der Werber, ist Bruderer mit der Kreativprominenz von Frank Bodin bis Pius Walker bestens vernetzt. Wirtschaftsluft schnuppert sie im Beirat Nachhaltigkeit der Bank Coop, wo sie neben Bankmanagerin Sandra Lienhart auf die Luzerner Chefbeamtin Barbara Ludwig trifft. Über das Vizepräsidium des Vereins «Freunde des Zentrums für Demokratie» hält sie Kontakt zu Avenir-Suisse-Frontfrau Katja Gentinetta. Mit der FDP-Politikerin Regina Ammann Schoch reicht ihre Aargauer Connection bis in die Chefetage von Economiesuisse. Einen persönlichen Draht hat sie zu ABB-Schweiz-Chefin Jasmin Staiblin. Seit Anfang 2009 gehört Bruderer zur Vereinigung Young Global Leaders des WEF, in die gleichzeitig auch der deutsche Minister Karl-Theodor zu Guttenberg aufgenommen wurde.

Berufliche Karriere

Pascale Bruderer studierte in Zürich und im schwedischen Växjö Politologie, Staatsrecht sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Ihr Studium verdiente sie sich bei der UBS, danach arbeitete sie in Teilzeit bei Microsoft als Program Manager, wo sie auch Stefan Meierhans kennen lernte, den heutigen Preisüberwacher. Mit ihrer Firma Machs! GmbH, die sie mit Schwester Sabine Di Donato führt, ist Bruderer heute als Unternehmensberaterin tätig. Auf Mandatsbasis führt sie die Geschäfte der Krebsliga Aargau und steht dort im Austausch mit Martin Wernli, Chefarzt Onkologie des Kantonsspitals Aarau. In Medienfragen konsultiert sie den Berner Medienprofessor Roger Blum.

Das Privatleben

Pascale Bruderer wurde 1977 in einem soliden bürgerlichen Elternhaus als jüngste von drei Schwestern in Baden geboren. Vater Paul arbeitete bei ABB, Mutter Annemarie ist Gehörlosendolmetscherin. Zusammen mit ihrem Mann Urs Wyss, dem früheren Geschäftsführer des Fussballclubs GC und heute Marketingchef von Ticketcorner, wohnt sie in Obersiggenthal AG. Wegen einer Knieverletzung musste Bruderer den Handballsport aufgeben und verlegte sich aufs Joggen. Sie spielt auch Golf. Gerne unternimmt sie ausgedehnte Spaziergänge mit Labradorhündin Kala. Die rassige Kurzhaarfrisur schnippelt ihre Freundin Mirjam Knecht, Inhaberin des Coiffeursalons Kopfsprung in Baden.