Er macht etwas richtig. Die Politik kritisiert, die Banken kritisieren, die Versicherer kritisieren. Beifall kriegt er kaum. Er, das ist Patrick Raaflaub (47), Chef der Finanzmarktaufsicht (Finma). Raaflaub ist oberster Aufseher über den Schweizer Finanzplatz. Er gilt als überlegt und zurückhaltend, aber auch als unerbittlich und selbstbewusst. Sein höchtes Gut: die Unabhängigkeit. Wer nicht unabhängig sei, werde nicht ernst genommen, sagt er. Die scharfe Kritik an der Finma begründet er mit der veränderten Behördenkultur. Die Finma pflege heute im Gegensatz zur früheren Konsultations- eine Dialogkultur. «Da muss man akzeptieren, dass man nicht immer der gleichen Meinung ist», sagte er gegenüber der «NZZ». In der Branche heisst das übersetzt: kleinkariert und übereifrig. Raaflaub schiesse bisweilen über das Ziel hinaus.

2012 stellte die Finma reihenweise Finanzinstitute in den Senkel. Gegen Jahresende lief sie zur Hochform auf. Nach dem Milliardendesaster des UBS-Händlers Kweku Adoboli stellte Raaflaub die Investmentbank unter Vormundschaft. Derselben Bank brockte er wegen manipulierter Liborzinssätze eine 59-Millionen-Franken Busse ein. Und schliesslich klopfte er die hiesige Finanzbranche mit der Forderung aus dem Busch, einbehaltene Provisionen den Kunden zurückzubezahlen.

Die Freunde

Mit Manfred Fasel kann es Patrick Raaflaub besonders gut. Der ­Geschäftsführer der Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich (BVZ) hat den passionierten Windsurfer Raaflaub vor gut 16 Jahren im Urlaub auf der Isla Margarita vor Venezuela kennen gelernt. Man traf sich, fand sich sympathisch, ass und surfte zusammen. Fasel holte Raaflaub in den BVZ-Stiftungsrat, wo er fürs Finanzielle zuständig war. Letztes Jahr ist er ausgetreten. Im Stiftungsrat traf er etwa die Zürcher CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, Fifa-Personalfrau Christina Collenberg und Martin Waser, Sozialdirektor der Stadt Zürich. Raaflaub liess keine Sitzung aus, heisst es, obwohl er in Bern wohnt und mit seinem Finma-Amt ausgelastet sein dürfte. Sein Freundeskreis ist überschaubar, die Freizeit verbringt er meist mit der Familie. Gut versteht er sich mit dem ehemaligen Finma-Präsidenten Eugen ­Haltiner. Hinter sich hat Raaflaub dessen Nachfolgerin, Anne ­Héritier Lachat. Sie schätzt Raaflaub als guten Gesprächspartner. Seine pragmatische und sachliche Art kam auch bei Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gut an. Später distanzierte sie sich ­allerdings, irritiert von Raaflaubs zunehmendem Machtanspruch. ­Innerhalb der Finma versteht er sich gut mit David Wyss, Leiter der Strafverfolgungsabteilung, sowie mit Bankenchef Mark Branson. An ihm hält er fest, trotz dessen UBS-Vergangenheit im Liborskandal (siehe Artikel auf Seite 18).

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Die Gegenspieler

Patrick Raaflaub hat nur schon kraft seines Amtes eine Menge Gegenspieler. Doch der grösste ist Nationalbankpräsident Thomas ­Jordan. Die beiden mögen sich überhaupt nicht und stehen in einem stetigen Machtgerangel um die behördliche Hoheit über den Finanzplatz. Besonders oft musste sich zuletzt UBS-Chef Sergio Ermotti Belehrungen aus Bern anhören. Der manipulierte Liborsatz und die Zockereien in der Londoner Investmentbank riefen die Finma auf den Plan. Gar nicht gut zu sprechen auf Raaflaub ist die Bankiervereinigung um Präsident Patrick Odier und Geschäftsführer Claude-Alain Margelisch. «Unverhältnismässig» und «ohne vorherige Rücksprache» habe die Finma gehandelt. Hintergrund: Die Finma fordert die Rückzahlung von Retrozessionen an die Kunden. Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ärgert sich darüber, dass die Finma bei den Eigenmittelanforderungen sämtliche Banken über einen Leisten schlägt. Wenig begeistert über den Aufsichtseifer ist ZKB-Chef Martin Scholl. Die Finma möchte künftig die Kandidaten für den Bankrat der Kantonalbank prüfen. Mannigfaltige Kritik an der Finma übt die Politik. Sie reicht von FDP-Präsident Philipp Müller über SVP-Ständerat Hannes Germann bis zu CVP-Ständerat Konrad Graber.

Die Regulierungs-Connection

Der orchestrierte internationale Schlag gegen die UBS im Liborskandal war in dieser Form neu. Mittendrin: Patrick Raaflaub. Den grössten Hammer packte Gary Gensler, Chef der US-Wertpapier­behörde CFTC, aus. Er brummte der UBS eine 700-Millionen-Dollar-Busse auf. Raaflaubs britisches Pendant, ­Martin Wheatley, zog mit 160 Millionen Pfund nach, und US-Justizminister Eric Holder legte nochmals 500 Millionen Dollar drauf. Engen Kontakt hat Finma-Chef Raaflaub auch mit Elke König, Präsidentin der deutschen Aufsichtsbehörde BaFin. Wichtige ­Ansprechpartner Finma-intern sind Versicherungschef René Schnieper sowie Chefjurist Urs Zulauf.

Die Karriere

Raaflaub studierte Politikwissenschaften und Betriebs- und Volkswirtschaft in St. Gallen. Die ersten Karriereschritte machte er bei der Credit Suisse. Im Team von Hans-Joachim Hess arbeitete er als Berater in der Abteilung Euro Services. Später war er am European Development Institute Rechts- und Unternehmensberater. 1994 promovierte er mit der Doktorarbeit «Subventionsregeln der EU und des Gatt: Theorie und Politik für die Hochtechnologie». Die Gutachter seiner Dissertation waren die Professoren Heinz Hauser und Ernst-Ulrich Petersmann, ein langjähriger Gatt/WTO-Mann. Im gleichen Jahr heuerte Raaflaub bei Swiss Re an. Er war unter anderem Finanzchef in Italien. 2005 stieg er zum CFO über Kontinentaleuropa und Asien auf. Zwischen 2003 und 2007 war seine Vorgesetzte Finanzchefin Ann Godbehere. Sie ist heute UBS-Verwaltungsrätin. Nur kurz gekreuzt hat sich sein Weg mit dem aktuellen Swiss-Re-CFO George Quinn. Raaflaub erlebte auch das Intermezzo mit Ex-CEO Jacques Aigrain. Dieser musste wegen Milliardenverlusten kurz nach Raaflaubs Antritt bei der Finma abdanken. In Bern löste Raaflaub Daniel Zuberbühler ab. Vermittelt hatte ihn Headhunter Egon Zehnder.

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Die Familie

Patrick Raaflaub reguliert sein Privatleben in ähnlicher Art und Weise wie seinen Job. Er achtet penibel darauf, dass nichts an die Öffentlichkeit dringt. Das gelingt ihm ganz gut. Selbst für langjährige ­Mitarbeiter ist Raaflaub eine Blackbox. Von ihm selbst stamme das Bonmot, der einzige Mensch in seinem Machtnetz sei sein alter Surfkollege. Der Finma-Chef ist ein Bewegungsmensch. Sein liebstes Hobby ist Windsurfen, ob am Comersee oder in der Karibik. Er ist in Riehen BS aufgewachsen. Sein Vater war Arzt, seine Mutter stammte aus Norditalien. Er hat eine Zwillingsschwester. Heute wohnt er mit seiner Frau, einer HSG-Absolventin, und den beiden Söhnen in Gümligen BE. Raaflaub, Chef von mehr als 300 Mitarbeitern, im Dauerfokus von Politik und Wirtschaft, habe immer Zeit für einen. Man könne ihn jederzeit anrufen, erzählen Freunde.

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