Noch residiert der langjährige Chefjurist in seinem Eckbüro im zweiten Stock des UBS-Hauptsitzes an der Zürcher Bahnhofstrasse. Doch in rund sechs Monaten, wenn Marcel Ospel das Präsidentenbüro einen Stock höher endgültig räumen dürfte, wird Peter Kurer (58) voraussichtlich in dessen Büro ziehen – damit wäre der Machtwechsel bei der grössten Schweizer Bank auch symbolisch vollzogen.

Seit der Generalversammlung vom 23.  April ist Kurer Verwaltungsratspräsident der UBS. Viereinhalb Wochen zuvor, am Ostersamstag, hatte ihn Sergio Marchionne, seit seiner Ernennung zum Vizepräsidenten der Bank im Februar der ranghöchste unabhängige Verwaltungsrat, angerufen und ihm den Job angeboten. Vier Stunden lang beriet sich Kurer mit seiner Familie, dann sagte er zu. Das Tempo des Entscheids entsprach der Dringlichkeit des Traktandums. Denn nach dem Bekanntwerden eines erneuten Milliardenabschreibers und dem steigenden Druck auf eine Ablösung Ospels seitens der Eidgenössischen Bankenkommission, musste eine schnelle Lösung her. Der Entscheid für Peter Kurer wurde von aussen eher kritisch beurteilt: Obwohl als General Counsel seit 2001 bei der Bank und auch in der Konzernleitung – und im obersten Risikoausschuss –, ist er kein Banker. Kritische Aktionäre um den ehemaligen UBS-Konzernchef Luqman Arnold versuchten erfolglos, seine Wahl an der Generalversammlung zu verhindern.

Dass der Verwaltungsrat Kurer vorschlug, kommt nicht von ungefähr. Schon vor über einem Jahr hatte der Chefjurist in informellen Gesprächen mit seinem Präsidenten und engen Vertrauten Marcel Ospel signalisiert, dass er sich, nach mehreren Jahren in der Exekutive der Bank, einen Job im Verwaltungsrat vorstellen könne. Damals handelte es sich aber um den Job des Vizepräsidenten. In der Stunde der Not wurde Kurer just aufs oberste Podest gehoben. Der Entscheid im UBS-Verwaltungsrat soll breit abgestützt gewesen sein. Zu mehreren Mitgliedern des Gremiums pflegt Kurer zum Teil schon seit Jahren allerbeste Beziehungen. Mit Rolf Meyer etwa, dem langjährigen Chef der Ciba Spezialitätenchemie, hat Kurer 1996 – damals noch in Diensten des Anwaltsbüros Homburger – die Abspaltung des Chemieunternehmens im Rahmen der Fusion von Sandoz und Ciba zu Novartis vorbereitet. Auch UBS-Verwaltungsrat Larry Weinbach hat die Dienste Kurers schon beansprucht, und zwar als Verwaltungsrat der Schweizer Tochtergesellschaft des Computerunternehmens Unisys, dem Weinbach bis 2006 vorstand. Mit Verwaltungsrätin Gabrielle Kaufmann-Kohler verbinden Peter Kurer mehrere gemeinsame Berufsjahre bei der Anwaltsfirma Baker & McKenzie, wo er von 1980 bis 1990 tätig war.

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Noch erarbeiten muss er sich das Vertrauen der starken Männer im UBS-Verwaltungsrat, mit denen er rein professionell verbunden ist. Nebst Marchionne ist dies vor allem Shell-Finanzchef Peter Voser. Kurer hat bereits an­gekündigt, dass er personelle Wechsel im Verwaltungsrat einleiten werde. Wer davon betroffen sein wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Schweizer Wirtschaftsnetz

Vor seinem Wechsel zur UBS war Peter Kurer zehn Jahre lang als Wirtschaftsanwalt bei Homburger in Zürich tätig. Kurer war eine der Galionsfiguren der Firma als allseits an­erkannter Spezialist für Firmenfusionen und Akquisitionen. So hat er etwa den Pharmakonzern Roche bei der Übernahme der deutschen Boehringer Mannheim 1997 beraten und dabei den damaligen Roche-Präsidenten Fritz Gerber beeindruckt. Ein Vertrauter ist auch der heutige Roche-Finanzchef Erich Hunziker. Mit Zementbaron Thomas Schmidheiny ist Kurer befreundet – man trifft sich gerne mal für ein Nachtessen im privaten Kreis. Bis 2002 amtierte Kurer im Verwaltungsrat von Schmidheinys Holcim, wie ein weiterer Freund, den er schon seit vierzig Jahren kennt: Ex-Unaxis-Chef Willy Kissling, mit dem er gemeinsam im Militär war.

Gut sind auch seine Beziehungen zu den Regulatoren und zur Schweizer Nationalbank (SNB). So war er bei ­der UBS als Chefjurist wichtiger Ansprechpartner für Philipp Hildebrand, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank. Nicht gut sind indes seine Beziehungen zur ehemaligen Swissair. Dass Kurer, bis 2001 in Diensten der Airline, plötzlich auf die Seite der UBS wechselte, nahm ihm das Swissair-Management um Mario Corti übel. Zu unangenehmer Prominenz kam Peter Kurer denn auch als Vorbild für die Rolle des unsympathischen UBS-Firmenanwalts Rico Prader im Film «Grounding».

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Die Anwaltskreise

Noch immer unterhält Kurer ausgezeichnete Kontakte zu seinem ehemaligen Arbeitgeber Homburger. Dort ist Partner Daniel Däniker, den Kurer einst persönlich in die Fi­nessen des Geschäfts eingeführt hat, sein wichtigster Ansprechpartner. So hat Kurer seinen Exschüler jüngst mit dem umfangreichen Auftrag beglückt, die UBS bei der Kapitalerhöhung zu beraten. Zu Exkollege Peter Widmer, langjähriger Partner der Firma, ist das Verhältnis indes belastet, standen doch die beiden im Swissair-Debakel an gegensätzlichen Fronten, wobei Widmer als Anwalt der Airline den Kürzeren zog. Heute soll sich ihr Umgang professionell-freundlich gestalten. Man trifft sich hie und da zum Mittagessen. Guten Kontakt pflegt Kurer zu ande­ren Staranwälten der Schweizer Wirtschaft, etwa zu Urs Schenker (Baker & McKenzie), Rolf Watter (Bär & Karrer) oder Peter Nobel (Nobel & Hug).

Seine Ausland-Connections

International ist das Netz von Peter Kurer noch nicht so eng wie jenes des gewieften Networkers Ospel. Dennoch hat er bereits wichtige Kontakte, etwa zu Christine Lagarde, Finanzministerin Frankreichs, die er aus gemeinsamer Zeit bei der Anwaltsfirma Baker & McKenzie kennt. Bereits in Kontakt ist Kurer mit internationalen Investoren, allen voran dem Singapurer Staatsfonds GIC und dessen Chefinvestor Ng Kok Song.