Ruedi Noser ist fürs Erste ganz zufrieden. Er vermochte sich neben Kronfavorit Johann Schneider-Ammann immerhin als Mann mit Aussenseiterchancen zu etablieren. Der gebürtige Glarner, der bei den Bundesratswahlen als Vertreter des Kantons Zürich antritt, ist zweifellos die jüngere und unerfahrenere Variante von Unternehmer Schneider-Ammann.

Hartnäckigkeit und Geschick sind dem 49 Jahre alten Herausforderer nicht abzusprechen. Immerhin baute er in der wettbewerbs- und innovationsintensiven IT-Branche eine kleine Firmengruppe auf, die heute 500 Mitarbeitende zählt. Auch bei der Sanierung des Handysoftware-Herstellers Esmertec (heute Myriad Group) holte er sich als VR-Präsident Meriten. Und dass er sich seit Jahren für den Ausbildungs- und Denkplatz Schweiz und für den Technikernachwuchs einsetzt, gereicht dem viel beschäftigten Elektroingenieur zu Ehren.

Nosers Handicap bei den Wahlen werden seine Herkunft (Kanton Zürich) und sein nicht immer knitterfreies Verhältnis zum FDP-Establishment sein, das sich wiederholt schwertut mit seiner Dynamik. Wird Noser im September nicht zum Nachfolger von Hans-Rudolf Merz gewählt, bleibt ihm ein anderes Highlight: Anfang September 2011 darf er als Präsident den Weltingenieur-Kongress in Genf eröffnen.

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Die Freunde

Ulrich Bremi ist Nosers Vorbild. Das langjährige Alphatier der FDP galt als Brückenbauer über die Parteigräben hinweg; in dieser Tradition sieht sich auch Noser. Im Kanton Zürich brachte er mit Christoph Blocher eine Listenverbindung mit der SVP zustande. Mit SP-Mann Mario Fehr und dem Grünliberalen Martin Bäumle ist er befreundet. Bei der Initative «ePower für die Schweiz» – sie soll die Informations- und Kommunikationstechnologie fördern – agiert er mit CVP-Nationalrat Bruno Frick. Im Kernteam sitzen Pascale Bruderer (SP), Adrian Amstutz (SVP) und Natalie Rickli (SVP). Eng verbunden ist er in der FDP mit Bundesrat Didier Burk­halter, den er aus langjähriger Parteiarbeit kennt, mit Unternehmer Otto Ineichen, Euro-Turbo Christa Markwalder und Asyl-Experte Philipp Müller. Als Kämpfer für den Wirtschaftsstandort Schweiz verkehrt er in der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, wo er mit CEO Martin Naville zu tun hat. UBS-Chef Oswald Grübel lernte er kennen, als dieser noch bei der CS das Sagen hatte: Noser ist seit 27 Jahren CS-Kunde.

Die Gegner

Im Kampf um die Abzocker-Initiative ist Noser für die Argumente der Gegner ­besorgt. Auch den Plänen von Thomas Minder zur Verschärfung des Aktienrechts kann er nicht viel abgewinnen. Ambivalent ist das Verhältnis zu Partei und Fraktion. Noser war jahrelang FDP-Vize und federführend beim Reform-Projekt «Avenir radical». Doch der ungeduldige und mitunter unberechenbare Politiker war nicht immer einig mit Parteipräsident Fulvio Pelli. Ärger gab es, als Noser die Aufhebung von Steuerprivilegien für Ausländer verlangte. Pelli, Frak­tionschefin Gabi Huber sowie FDP-Regierungsrat Christian Wanner, Präsident der kantonalen Finanzdirektoren, waren ausser sich. Noser machte einen Rückzieher. Auch soll Noser – zum Ärger von Pelli – eine Weile mit dem FDP-Präsidium ­geliebäugelt ­haben. 2009 trat er als Vize zurück.

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Die IT-Connection

In der IT-Branche kennt der Nationalrat jeden. Er ist seit September 2009 Präsident von ICT Switzerland, dem Dachverband der IT-Branche. Im Präsidium trifft er sich mit Andreas Wetter, Ex-Chef Orange (Schweiz), Hauke Stars, Chefin Hewlett-­Packard (Schweiz), Peter Waser, Chef Microsoft Schweiz, und Isabelle ­Welton, Chefin IBM Schweiz. Im ICT-Beirat sitzen Marc Furrer, Präsident der ComCom, und ­Marius Redli, Direktor Bundesamt für Informatik und Telekommunikation. ­Noser ist es zu verdanken, dass die CS mit Millionen ins Projekt ICT-Berufsausbildung einstieg. Brückenbauer war Karl Landert, CIO der CS und ICT-Vorstand.

Das Privatleben

Der 49-jährige Politiker stammt aus bescheidenen Verhältnissen aus Niederurnen GL. Er absolvierte eine Maschinenmechaniker-Lehre bei Rieter in Winterthur. Das Technikum in Rapperswil schloss er als Elektroingenieur HTL ab. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Kürzlich verbrachte die Familie ein Jahr in Genf, um den Landesteil und die Sprache besser kennen zu ­lernen. Mit seinem Bruder baute er eine ­Firma auf, schliesslich trennten sich ihre Wege. Die Noser Group erreicht 2010 ­einen Umsatz von 84 Millionen Franken und schreibt schwarze Zahlen.

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Die Kunst-Schiene

Noser kennt sich aus in der bildenden Kunst und besucht regelmässig Ausstellungen. Mit Galerist Iwan Wirth (Hauser & Wirth) ist er befreundet, wiewohl ihm dessen Exponate viel zu teuer sind. Thomas Hirschhorn, der rund um Bundesrat Christoph Blocher eine Kontroverse entfachte, besuchte er in dessen Pariser Atelier. Beim nachfolgenden Streit um die Kürzung der Bundesgelder für Pro Helvetia schlug er sich auf die Seite von Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel und verteidig­te die Freiheit der Kunst. Der FDP-Politiker war jahrelang Mitglied des Clubs zum Rennweg. Vor drei Jahren wechselte er zum noch diskreteren Club Baur au Lac, wo Thomas Borer und Egon Zehnder verkehren – angeblich weil im «Baur au Lac» die Küche besser sei.