Eines Tages, wenn Mercer Reynolds III. (56) seine Memoiren schreibt, wird er sich daran erinnern, wie sein «first day on the job» als Botschafter der USA in der Schweiz hoffnungsfroh begann – und dann als Albtraum endete. Am Morgen des 11. September noch hatte er sein diplomatisches Beglaubigungsschreiben an Bundespräsident Moritz Leuenberger übergeben. Er feierte gerade im Kreise seiner neuen Mitarbeiter seinen Einstand, als die Nachricht vom Terror aus New York und Washington eintraf. Was folgte, war die hässliche Routine der Angst: Abstimmung mit Verteidigungsminister Samuel Schmid und dem Sicherheitsausschuss der Landesregierung über eine zusätzliche polizeiliche Bewachung von US-Einrichtungen sowie die Verstärkung des eigenen Personenschutzes. Zwei Stunden nach den Attentaten schickte Reynolds das Personal der Botschaft nach Hause. Die überwältigende Anteilnahme des Schweizervolks, sagte er unter Tränen, habe er als Bestätigung der Freundschaft zwischen beiden Nationen verstanden.
Rückblende: Im Januar fragt George W. Bush, neuer Präsident der USA, seinen Geschäftsfreund Mercer Reynolds, ob er Interesse an dem Botschafterposten in der Schweiz habe. Ein Dankeschön für dessen unermüdlichen Einsatz bei der Organisation und Finanzierung des Bush-Wahlkampfs. «Political Plum» nennt man das in Washington, nicht ungewöhnlich, nicht ehrenrührig: Ein Drittel aller Botschafterposten wird so vergeben. Reynolds sagt zu, nicht wegen der 130 000 Dollar Salär pro Jahr (für den schwerreichen Geschäftsmann allenfalls «peanuts»), sondern weil er seinen alten Freund «Dubya» (lautmalerisch für die texanische Aussprache des Mittelinitials des Präsidenten) noch nie im Stich gelassen hat. Im Schnellverfahren paukt sich Reynolds im Rahmen des Trainingsprogramms «Ambassador 101» beim National Foreign Affairs Training Center das Grundwissen eines Botschafters ein, bevor er im September mit Frau Gabriella und seiner Tochter, die auch Gabriella heisst und das jüngste von fünf Kindern ist, nach Zürich fliegt.

Seine Widersacher
Reynolds gilt als zurückhaltender Mensch, der es während seiner Karriere tunlichst vermied, sich Feinde zu machen. Gleichwohl wird sich Reynolds auf die Schlüpfrigkeit des diplomatischen Parketts einzurichten haben. Das angebliche Zitat des neuen Botschafters während eines ersten Treffens mit Berner Parlamentariern, die Schweiz spiele eine Schlüsselrolle als Drehscheibe für den Terrorismus, sorgte in Bern für Irritationen – besonders die SVP-Fraktion unter Walter Frey fühlte sich pikiert. Reynolds zog den Miniskandal eilig glatt, dürfte aber gewarnt sein. Ähnlich reaktionsschnell wird Reynolds sein müssen, wenn der amerikanische Finanzminister Paul O. Neill wieder mal das Bankgeheimnis lautstark in Frage stellt und Reynolds so in die Zwickmühle bringt. Hier kann er sich allerdings auf die Unterstützung von Urs Ph Roth von der Schweizerische Bankiervereinigung verlassen. Daheim in Washington muss sich Reynolds auf die scharfe Beobachtung von Leuten wie dem demokratischen Senator Joseph Biden gefasst machen. Der hatte den Botschafter nach seiner Ernennung aufgefordert, die Schweizer Regierung auf die zügige Aufdeckung weiterer Teile des Nazi-Vermögens zu drängen.

Seine Starthelfer
Der Posten des US-Botschafters in der Schweiz gilt nicht gerade als heikle diplomatische Mission, sind die Beziehungen beider Länder doch glänzend – trotz gelegentlichen Reibereien in Sachen Holocaust-Gelder oder Bankgeheimnis sowohl auf politischer als auch wirtschaftlicher Ebene. Gut für Reynolds, der bislang keine persönlichen Beziehungen zur Schweiz hatte. Profitieren dürfte er gerade in der Anfangsphase von der Unterstützung durch die einflussreiche Swiss-American Chamber of Commerce und ihren Chairman, McKinsey-Chef Thomas Knecht, sowie Chief Executive Walter H. Diggelmann. Hier hat Reynolds direkten Zugang zur Crème de la Crème der Schweizer Wirtschaft: Zu den Mitgliedern der Chamber gehören unter anderem CS-Chef Lukas Mühlemann, Marcel Ospel von der UBS, Urs Hammer von McDonald’s, Roche -CEO Franz Humer, Rolf F. Hüppi von der Zurich Financial Services Group, Novartis-Chef Daniel L. Vasella sowie Holcim- Thomas Schmidheiny. Sehr eng sind die Beziehungen des US-Botschafters zur Rüstungs- und Nato-Lobby: so zu Dominique Brunner, Vizepräsident der rüstungslastigen Farner PR, und zu Philippe Welti, Partnership-for-Peace-Promotor im Verteidigungsministerium.

Seine Business-Connection
1979 gründete Reynolds zusammen mit seinem Freund William DeWitt die Investmentgesellschaft Reynolds DeWitt & Co. mit Sitz in Cincinnati, Ohio. Mit ihrer Firma sind sie Teil eines lose organisierten Investmentverbunds, zu dem der Medienunternehmer Dudley Taft, der Grosshändler Robert Castellini, der Immobilienmogul Tom Williams und Carl Lindner, legendärer Chef der American Financial Group und Eigentümer des Baseballclubs Cincinnati Reds, zählen. Zu Reynolds’ Investments gehören unter anderem die Coca-Cola Bottling Corp. in Cincinnati, der Baseballclub St. Louis Cardinals oder der Radiosender WLW-AM. Bis zu seiner Berufung zum Botschafter in der Schweiz leitete Reynolds darüber hinaus die im Familienbesitz befindliche Reynolds Plantation, ein luxuriöses Golfresort östlich von Atlanta.

Seine Polit-Connection
Kofferträger de Luxe: Im Wahlkampftross des späteren Präsidenten George W. Bush machte sich Reynolds als «baggage and equipment coordinator» nützlich. Viel wichtiger war das finanzielle Engagement: Reynolds und sein Partner DeWitt sammelten über 40 Millionen Dollar an Spenden. Reynolds war Mitvorsitzender im Finanzierungsvorstand der Bush-Cheney-Kampagne in Ohio und Mitglied des nationalen Bush-Cheney-Finanzausschusses, und später übernahm er den Mitvorsitz des Inaugural Committee. Es war der vorläufige Höhepunkt einer langen Freundschaft: Reynolds und DeWitt retteten Bushs schlingernde Arbusto Energy 1984 vor dem Konkurs, indem sie die Ölfirma mit ihrer 1979 gegründeten Spectrum 7 Energy fusionierten. 1989 machten sie Bush zum Teilhaber beim Kauf des Baseballteams Texas Rangers. Diese Geschäftsverbindung verhalf Bush zu einem Vermögen: Für seine Anteile an den Rangers zahlte er 606 000 Dollar, 1998 verkaufte er sie für rund 15 Millionen Dollar. Nicht unwichtig: First Lady Laura Bush und die neue Botschaftergattin Gabriella Reynolds sind ebenfalls freundschaftlich miteinander verbunden.
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