Die meisten Autos startet man völlig profan. Aber bei manchen gleicht die Zündung einer Zeremonie, mit der man aus dem Alltagsleben in eine Art Parallelwelt hinter dem Steuer übertritt.

Zuerst den Schlüssel ins Zündschloss stecken, natürlich links vom Lenkrad. Dann zuckt der rechte Zeigefinger zur Taste für die Auspuffklappe, zögert kurz: Was sollen denn die Nachbarn denken? Aber drückt dann doch. Jetzt mit Links starten – und schon bricht das Inferno los. Bassig bollernd beim V8-Cayenne, heiser kreischend im Boxer 911 und schnatternd im kleinen Cayman mit Vierzylinder: Ganz gleich, welches Modell: Der Sound hochgezüchteter Benziner macht einen Porsche unverwechselbar und nicht wenige Besitzerinnen und Besitzer süchtig.

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Der neue Macan markiert eine Zäsur

Doch nach über 75 Jahren Unternehmenshistorie versucht der Sportwagenbauer aus Zuffenhausen längst, von der Droge Verbrennungsmotor loszukommen. Homöopathisch, natürlich: Synthetischer Sprit, aus Kohlendioxid der Umgebungsluft und aus Naturstrom gebraut, soll der Markenikone 911 und all den alten Porsche-Modellen auf unseren Strassen ihren charakteristischen Kreissägen-Sound CO2-neutral erhalten. Aber sonst wird elektrifiziert, Schritt für Schritt.

Jetzt ist der Macan als kleineres der beiden SUVs im Modellprogramm an der Reihe. Natürlich ist er nicht der erste Elektriker der Marke. Schon 2019 surrte die Sportlimousine Taycan in die Schauräume, neugierig und nicht selten skeptisch beäugt von Porsches Stammkundschaft. Doch erst der neue Macan markiert die wirkliche elektrische Zäsur. Der Taycan startete ohne die Bürde der Tradition direkt in die Elektrozukunft und brachte Menschen in Porsche-Zentren, die nie zuvor eins betreten hatten.

Der Macan aber schreibt bis heute eine Erfolgsgeschichte und drängelte sich in den zehn Jahren seit seiner Lancierung immer wieder vor den grossen Cayenne auf die Poleposition der Porsche-Verkäufe. Solch einen Bestseller revolutioniert man nicht, man evolutioniert höchstens – so lautet ein ungeschriebenes Gesetz der Autoindustrie. Porsche wagt es mit dem neuen elektrischen Macan trotzdem.

Steckbrief

Porsche Macan Turbo Electric

  • Antrieb: 2 Elektromotoren, 584 PS (430 kW), Allradantrieb, Batterie 95 kWh (netto)
  • Fahrleistungen: 0–100 km/h in 3,3 s, Spitze 260 km/h
  • Masse: L/B/H 4,78/1,93/1,62 m, Leergewicht 2480 kg, Kofferraum 480 bis 1288 l + 84 l Frunk
  • Umwelt: Verbrauch WLTP 18,8 bis 20,7 kWh/100 km, Reichweite 518 bis 591 km
  • Preis: ab 131’200 Franken

Manchem Altkunden könnte das als Zumutung gelten, vergleichbar mit der Abschaffung der Luftkühlung, der Lancierung des ersten SUVs namens Cayenne oder dem Stimmbruch des 911, als per serienmässigem Turbolader dessen Klang in eine neue Richtung moduliert wurde. Damals war die Markenliebe immer stärker – und das dürfte auch im Fall des Elektro-Macan so sein.

Der E-Nachfolger ist den Verbrennern überlegen

Denn objektiv bleibt die Diskussion zwecklos: Jede der beiden Versionen mit 387 PS (285 kW) oder 584 PS (430 kW) kann das Allermeiste besser als ihre Verbrennervorgänger. Weil man einen elektrischen Allrad viel präziser regeln kann und so die maximal 1130 Newtonmeter Drehmoment der Turbolader-freien Topversion namens Turbo Electric auch in Vortrieb umgesetzt werden.

Zum ersten Mal lässt sich im Macan optional eine Hinterachslenkung ordern sowie Dämpfer mit sogenannter Zweiventiltechnik. Sie bringen eine grössere Bandbreite in die Fahrmodi zwischen Stadtgebummel und Rennstreckenschärfe. Bescheiden muss man sich nur bei den Höchstgeschwindigkeiten von 220 und 260 Stundenkilometern. Kein wirklicher Nachteil hierzulande. Und auch nicht auf den langen Autobahnen unseres nördlichen Nachbarn, weil jeder zusätzliche Stundenkilometer in diesen Temporegionen exponentiell Reichweite kostet.

Die liegt je nach Version bei über 600 Kilometern, auch dank des Fokus auf der Aerodynamik im Designprozess. Je windschlüpfiger, desto weiter: Mit technischen Kniffen wie verstellbaren Aero-Elementen kommt der Macan auf einen Luftwiderstandskoeffizienten von 0,25 – kaum ein SUV auf dem Markt ist windschnittiger.

Gemeinsame Plattform mit Audi

Hat sich die 95 Kilowattstunden fassende Batterie im Unterboden dann doch einmal geleert, lässt sich mit Porsches 800-Volt-Technologie zügig nachladen. Der Akku ist zentraler Bestandteil der neuen Premium Platform Electric (PPE), die gemeinsam mit Audi entwickelt wurde. Porsches Macan ist das erste Auto aus dem Volkswagen-Konzern, das auf dieser Plattform basiert – parallel zum ebenfalls bald startenden Audi Q6 E-Tron. Bei seiner maximal möglichen Ladeleistung von 270 Kilowatt füllt sich der Akku von 10 auf 80 Prozent in knapp 21 Minuten.

Die Zeit vertreiben kann man sich mit zahlreichen digitalen Spielereien. Das Head-up-Display mit Augmented-Reality-Technologie projiziert virtuelle Navigationspfeile direkt ins Sichtfeld der Fahrerin auf die Strasse. Optional wird auch ein 10,9 Zoll grosser Touchscreen rechts angeboten, auf dem der Beifahrer Videos streamen, den DJ spielen oder sich Fahrdaten wie Längs- und Querbeschleunigung anzeigen lassen kann.

Wer doch noch nicht auf Klanggewalt beim Drehen des Zündschlüssels verzichten mag, sollte sich beeilen. Noch im Frühjahr soll der Verkauf der aktuellen Generation gestoppt werden. Weil ihre betagte Plattform noch dem allerersten Audi Q5 entstammt, lässt sie sich nicht mehr auf die neuen Standards für die Datensicherheit im Auto upgraden. Spätestens im Juli, wenn die entsprechende Regelung der Europäischen Union in Kraft tritt, ist Schluss für den Verbrenner-Macan und startet gleichzeitig die neue Elektrogeneration.

Und was wird dann aus der Startzeremonie? Eine Andacht in Stille.