Sie steht mitten in der Bürgerstube des «Gasthauses am Brunnen» in Valendas GR und verbindet Boden und Decke. «Für diese Säule musste ich kämpfen», sagt der Architekt Gion A. Caminada. Weiss, rund und stämmig erheischt sie Aufmerksamkeit, obwohl es sie eigentlich, was die Statik anbelangt, nicht mehr braucht. Zweckfrei sei sie nun, zwecklos hingegen nicht, betont Caminada.

Er wollte die Säule behalten, weil sie dem Raum eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. «Sie gibt ihm etwas Irrationales, vermisst die Distanzen anders, trennt und verbindet zugleich.» Dank ihr nähmen die Gäste den Raum anders wahr. «Das Objekt, die Säule, verändert die Befindlichkeit des Subjekts. Das finde ich spannend.»

Den Niedergang des Dorfes stoppen

Die Stiftung Valendas Impuls fragte Gion A. Caminada 2011 an, ob er interessiert sei, das «Engihuus» am Dorfplatz in ein Gasthaus umzubauen. Das Projekt mit dem Gebäude aus dem frühen 16. Jahrhundert sollte dazu beitragen, den Niedergang des Dorfes in der Bündner Surselva zu stoppen.

«Valendas war in Bewegung», so Caminada, «die Stiftung breit abgestützt mit Leuten aus der Region und weit darüber hinaus». Auch der Heimatschutz tat mit. Und man wollte keine isolierte Architektur, kein Einzelobjekt, sondern einen Umbau, in enger Beziehung zur Dorfgeschichte.

Das alles gab den Ausschlag, dass der Architekt den Auftrag annahm. Das Konzeptpapier, das er der Bauherrschaft auf den Tisch legte, trug den Titel «Ein neues Gasthaus für Valendas - die Gemeinschaft zurückerobern». Gemeinschaft weit gefasst: Stadt und Land sollten angezogen, ein Raum für Begegnungen geöffnet werden. In diesem «Knotenpunkt von Beziehungen» war «Neues und Unbekanntes» angelegt und damit auch «Hoffnung und Zuversicht».

Lebendige Wirtshauskultur

Eröffnung war 2014, «und das Haus funktioniert», so Caminada. Entstanden sei eine Wirtshauskultur, ein Ort, wo der Diskurs geführt werde. Auch der Architekt fühlt sich hier offensichtlich wie zu Hause. Er schnappt sich einen Grissino, die passenden Schlüssel, und der Gang durch den Umbau beginnt.

Zum steinernen Hauptgebäude gehörte ein Stall. Ihn in den Umbau zu integrieren, fand Caminada kulturell nicht sinnvoll. Er musste weg. Ein Neubau ersetzt ihn. Während im Hauptgebäude über der Bürgerstube die Gäste schlafen, sind in der Erweiterung verschiedene andere Räumlichkeiten untergebracht: die Küche, die Reception mit einer rege benutzten Bar, ein Esssaal mit Blick in den Garten und oben ein Gemeindesaal mit angrenzender Bühne gegen den Dorfplatz hin.

Ein Herzstück des Umbaus ist die hoch überdachte Freitreppe. Sie verbindet den Gemeindesaal mit dem Dorfplatz und dem riesigen Brunnen. Räumliches und öffentliches Dorfleben, Zusammensein und Alltag fliessen über diese Treppe organisch zusammen.

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Eine beruhigende Atmosphäre für den Gemeindesaal

Im Gemeindesaal, wo gefestet und debattiert wird, kommt Caminada länger ins Erzählen. Was er hier einzubringen versuchte, war eine beruhigende Atmosphäre. Deshalb hat er den hellen porösen Beton ockerfarbig abgetönt.

Und er wehrte sich gegen das von der Bauherrschaft gewünschte Panoramafenster zum Garten hin. Es hätte den Blick ständig nach draussen gezogen. «Es geht aber um das Ereignis im Raum. Man ist nicht hier, um durchs Fenster zu schauen.» Caminada hat deshalb die drei Aussenwände in je fünf mit Pilastern räumlich gestaltete Fenster unterteilt. So dringt die Umgebung «bruchstückhaft und nicht mit voller Wucht in den Saal ein und lädt ihn atmosphärisch auf».

Vorstellung von Differenz

Atmosphäre entsteht, wenn sich ein Ort selbstbewusst von der Umgebung unterscheidet. Immer wieder betont Caminada, dass die Differenz - und das heisst auch: der Dialog zwischen Eigenem und Fremdem - nicht nur zu erhalten, sondern mit Blick auf das Spezifische zu verstärken ist.

Dieses Haus mit seinen Eigenheiten, seinen wechselnden Raumgrössen, Grundrissen, Proportionen und Ausstattungen, den verschlungenen Wegen und der Vielfalt an Materialien («unterschiedliche Hölzer, die unterschiedlich duften»), entspricht dieser Vorstellung von Differenz.

Caminada hat vieles belassen, wie es war, hat aber auch Einflüssen von aussen die Tür geöffnet. Welten treffen auf Gegenwelten: So verleihen noble in Sarnen produzierte Keramikkacheln den alten Bauernstuben «einen etwas anderen Duft, etwas, das in eine andere Richtung weist».

In Vrin aufgewachsen

Obwohl sich Gion A. Caminada längst international einen Namen gemacht hat, gilt er für viele immer noch als der Vriner Architekt schlechthin. In diesem Dorf ganz hinten im Lugnez, im Val Lumnezia, ist er aufgewachsen, dort lebt und arbeitet er noch heute.

Er lernte Schreiner. Entweder Bauer werden oder im Baugewerbe arbeiten: Andere Möglichkeiten hatte er in diesem abgelegenen Ort nicht. Dann lockte ihn die Kunstgewerbeschule in Zürich und die Politik. «Die Greina-Geschichte kam in Bewegung, der Kampf zur Verhinderung des Kraftwerks.»

Caminada wurde Gemeinderat in Vrin und absolvierte an der ETH Zürich ein Nachdiplomstudium Architektur. 1999 übernahm er hier eine Assistenzprofessur für Architektur und Entwurf. Seit 2008 ist er ausserordentlicher Professor.

«Vrin ist Vrin, nur das»

Was er den Studierenden vermitteln will, ist, kurz gesagt: dass kein Ort die Welt ist. «Vrin ist Vrin, nur das.» Kopierbar sei das Dorf nicht. «Er ist kein Paradebeispiel für die Entwicklung im Alpenraum.»

Hinter diesen Erklärungen steckt Caminadas Denkweise und Methodik. Insbesondere eben seine Vorliebe für Differenz, die es zu stärken gelte. «Ich verstehe mich als Kosmopolit, richte den Fokus auf das Spezifische, das lokal Verankerte, dies aber mit Weitblick.» Denn Differenz entstehe nur im Dialog mit Orten ausserhalb.

Caminada steht mit beiden Beinen auf dem Boden, den Gedanken aber lässt er freien Lauf. «Ich versuche, mit meinen Projekten Phantasie und Realität zu verbinden», sagt er. Gut gefällt ihm Ernst Blochs «konkrete Utopie». Wäre eine Idee nur realistisch, würde sich nicht viel verändern. «Es braucht das imaginierte Ereignis, einen Traum auch.« Arbeitete er aber nur utopisch, wäre er arbeitslos, würde gar nicht wahrgenommen. Die Grenzen, wo das Utopische beginnen darf und enden muss, gelte es immer wieder neu auszuloten.

«Orte schaffen»  im Lugnez

Mit diesem Anspruch konfrontiert Gion A. Caminada auch seine Studierenden. Seit 14 Semestern widmet er sich dem Thema «Orte schaffen», wobei er jeweils auf wechselnde Regionen und Fragestellungen fokussiert.

«Val Lumnezia - Widerstand und Idee» heisst die neueste. «Die Zukunft muss Veränderungen bringen», steht im Semesterbeschrieb. «Mit dieser Zielvorstellung gilt es, sich einfühlsam auf die konkreten Realitäten einzulassen. Anderseits muss deren dialektischer Gegensatz im Blick bleiben, der Traum der kulturellen, sozialen und architektonischen Utopie, die über das Gegebene hinausweist.»

Zu den Einführungstagen trifft man sich in Vella, dem Hauptort des Lugnez. Die 17 Studierenden mussten ausgelost werden, denn das Interesse, sagt eine Studentin, war wesentlich grösser.

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Man ist per Du

Caminada erscheint. Händeschütteln, man ist per Du und begibt sich ins Schulhaus, wo der Professor ins Semester einführt. «An vier Standorten - drei in Vella, einer in Vattiz - wollen wir neuen Raum schaffen.» Von den vier Arbeitsgruppen sind die folgenden Fragen zu bearbeiten: Was tun mit Ställen, die in ihrer ursprünglichen Art nicht mehr gebraucht werden? Wie könnte ein neues Wohnquartier am Dorfrand aussehen? Wie ein neues Haus im Dorfkern? Und wie ein Gebäude für Handwerk?

Konkrete Utopien sind gefragt, eingebettet in den Kontext der regionalen Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Um den Studierenden das Lugnez näher zu bringen, hat Caminada den quirligen Historiker Adolf Collenberg zu einem Vortrag eingeladen. Die Zeit fliegt - und sie drängt, denn die Besichtigung der Orte steht an, die von den Studierenden innerhalb von drei Monaten zu «schaffen», das heisst zu entwerfen, beschreiben, skizzieren sind.

Auf diesem Gang durch Vella und Vattiz hält sich Caminada mit Erklärungen zurück. Eine bestimmte Art von Architektur will er nicht vermitteln. Autonomie aber fordert er: eine kritische, selbstbewusste, auch solidarische Grundhaltung. Was die Studierenden entwickeln, soll einen unmittelbaren Bezug zu den Bewohnern haben. Darüber ist in verschiedenen Arbeitsetappen der Diskurs zu führen, an dieser Vorgabe werden die Entwürfe zu messen sein.

Ein Ort, der kein anderer sein kann

Fahrt nach Vrin. Kaffeepause, und dann, beim Eindunkeln, lernen die Studierenden den Ort kennen, der kein anderer sein kann. Den Ort, wo Caminada «gelernt hat, mit knappen Ressourcen etwas Sinnvolles zu machen». Sein Ansporn war, «hier Arbeit zu schaffen». So sind nach seinen Plänen etwa ein Schlachthof und eine Metzgerei entstanden, eine Mehrzweckhalle und - als Folge des kulturellen Wandels - ein öffentliches Totenhaus, wo das Ritual der Totenwache, das sich im Privaten überlebt hat, weiter gepflegt wird.

Zurück in Valendas. Gion A. Caminada geht nun durch das Dorf mit seinen stattlichen Häusern - «viele sind nicht bewohnt und am Verlottern». Er zeigt überraschende Durchgänge in Hinterhöfe, mit Mauern eingefriedete Gärten, leer stehende Ställe - «es gibt keine Tiere mehr im Dorf».

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Neues Wohnquartier

Hier, in diesen Welten und Gegenwelten, könnte sich «viel Neues entwickeln», sagt der Architekt. Mit zwei freien Parzellen beschäftigt er sich bereits. Eine dieser Flächen liegt an der Strasse nach Ilanz. «Hier könnte man das Lebensgefühl des bestehenden Dorfes in ein neues Quartier zum Wohnen und zum Arbeiten mit Atelier oder einer Werkstatt überführen.»

Und Caminada zückt ein schwarzes Büchlein. Es enthält Fotos, seine Pläne, Zeichnungen und Texte, die, prozesshaft entstanden, diese Idee skizzieren. Die Utopie, den unwirtlichen Ort lebendig zu machen, nimmt in diesen Reflexionen bereits konkrete Gestalt an.

(sda/ccr)