Karrierebeamtin, kein Auto, keine Putzfrau, parteilos, Mieterin: Spätestens Anfang September übernimmt die 50-jährige ­Monika Rühl das Direktorium des schlingernden Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Rühls Profil ist nicht eben auf diesen Posten zugeschnitten. Die Wahl ist unkonventionell. «Man kann mich keinem Lager zuordnen», sagte Rühl nach ihrer Wahl. Die Zürcherin ist Diplomatin durch und durch, diskret und ehrgeizig, eine stille Schafferin. Die einen sehen das als Vorteil, andere sprechen ihr Charisma und Kommunikationsfähigkeiten ab. Die Rollenverteilung im Verband dürfte aber klar sein. Präsident Heinz Karrer mimt den Aussenminister, Rühl wirkt im Hintergrund. Sie sieht das anders: Präsident und Direktorin seien gemeinsam der neue Kopf von Economie­suisse, sagte sie der «Aargauer Zeitung».

Im Vorfeld erwies ihr Karrer allerdings einen Bärendienst. Nachdem Jean-Marc Hensch das Amt aus gesundheitlichen Problemen nicht angetreten hatte, sagte Karrer, man werde halt schauen, «ob die Nummern zwei und drei der letzten Auswahlrunde zum Zug kommen», wie die Sonntagspresse berichtete. Er korrigierte sich rasch: «Sie war die klare Nummer eins unter den Kandidaten.» Klar ist auch: Mit der Wahl Rühls setzt Economiesuisse auf einen engeren Draht nach Bundesbern.

Die Weggefährten

Für die einen ist sie ein Rätsel, für andere hat sie keine Ecken und Kanten, für die Dritten ist sie apolitisch. Doch in einem sind sich alle einig: Monika Rühl ist eine exzellente Netzwerkerin mit besten Verbindungen zu den höchsten Stellen in der Vewaltung. Auch Bundesräte schätzen die als stille und ­diskrete Schafferin charakterisierte Rühl. Mit Bundesrätin Doris Leuthard arbeitete Rühl zusammen, als Leuthard noch Wirtschaftsministerin war. Gleiches gilt für den heutigen Amtsträger Johann Schneider-Ammann, der sie als General­sekretärin ins Boot holte. Mit ihrem Vorgänger Walter Thurnherr, der mit Leuthard weiter ins Uvek zog, ­verstand sie sich gut. Enge Banden bestehen zum Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), wo sie zwischen 2006 und 2011 ­engagiert war. Dort entwickelte sie beim ehemaligen Chefökonomen des Bundes und heutigen Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern, ­Aymo Brunetti, und seinem Nachfolger im Seco, Eric Scheidegger, ihr volkswirtschaftliches Know-how weiter. Geschätzt war die dossierfeste Rühl auch bei Ex-Seco-Chef Jean-Daniel Gerber, heute VR bei der Credit Suisse, und der aktuellen Seco-Vorsteherin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch. Weniger eng ist der Draht zur Wirtschaft. Freundschaftlich verbunden ist Rühl mit der heutigen ­Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin, die sie aus deren Zeit als ABB-Schweiz-­Chefin kennt.

Die Gegenspieler

Monika Rühl komme ihm manchmal vor wie eine Privatbankerin, sagt einer, der mit ihr zusammengearbeitet hat: äusserst diskret und etwas unnahbar. Auf den Tisch haue sie selten. Die Schar ihrer Gegenspieler beschränkt sich denn auch auf einen kleinen Kreis. Wenig begeistert ist Rühl von der Dossierführung und der Art und Weise der Kommunikation von Yves Rossier, nach der Annahme der Zuwanderungsinitiative wichtigster Schweizer Verhandler in Brüssel. Rossier bezeichnet etwa die Ecopop-Initianten schon mal als «Öko-­Faschisten». Dieser Stil kommt bei der zurückhaltenden Rühl nicht an. Nicht überzeugend fand sie die Leitung des ehemaligen Direktors des Bundesamtes für Migration, Alard du Bois-Reymond, den Justizministerin Simonetta Sommaruga 2012 entliess. Bruno Oberle wiederum, Direktor des Bundesamts für Umwelt, empfinde sie als zu weit weg von der Wirtschaft. Gar nicht klar kommt sie mit politischen Extrempolen, ob rechts oder links. Dazu zählen Cédric Wermuth (SP), Ulrich Schlüer (SVP) oder Christoph Mörgeli (SVP). Ständiger Kritiker des Departements von Johann Schneider-Ammann und damit auch von Monika Rühl ist der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm.

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Die Economiesuisse-Connection

Spätestens ab September wird Monika Rühl den angeschlagenen Wirtschaftsverband anführen. Während Rolf Soiron die Findungskommission für die Wahl von Präsident Heinz Karrer führte, war bei der Suche von Rühl Swissmem-Präsident und Economiesuisse-Vizepräsident Hans Hess im Lead. Rühl dürfte neben dem extrovertierten Karrer die Rolle der Innenministerin übernehmen. Sparringpartner ist Rudolf Minsch. Der Chefökonom des Verbands hat aktuell die interimistische Leitung inne. Wichtig ist auch der Kontakt zu Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. Gut versteht sie sich mit ihrem geschassten Vorgänger Pascal Gentinetta.

Die Karriere

Rühl bewegt sich in der Welt der Wirtschaftspolitik. Studiert hat sie aber nicht etwa Wirtschaft, sondern ­Romanistik an der Universität Zürich. Ihr Lizenziat schrieb sie über deutschsprachige Auswanderer in Norditalien. Prägende Professoren waren Gaetano Berruto und Georges Güntert, ­deren strukturiertes Denken und deren Begeisterungsfähigkeit sie beeindruckten. 1992 startete sie ihre Beamtenkarriere im Departement für ­auswärtige Angelegenheiten (EDA). Von 1998 bis 2002 war sie Botschaftsrätin bei der Uno in New York. Danach zündete sie den Karrierebooster. Der damalige Wirtschaftsminister Joseph Deiss machte sie 2002 zur seiner persönlichen Mitarbeiterin, erst im EDA, dann im Volkswirtschaftsdepartement. Rühl, der heutige UVEK-Generalsekretär Walter Thurnherr und der aktuelle Schweizer Botschafter in Washington, Manuel Sager, traten ­damals gemeinsam ihren Dienst im EDA an. Danach stieg Rühl im Seco bis in die Geschäftsleitung auf, bevor Johann Schneider-Ammann sie 2011 zu seiner Generalsekretärin machte. Den Wechsel zu Economiesuisse orchestrierte Headhunterin Doris Aebi.

Die Familie

Ballett und Reisen: Das sind Monika Rühls grosse Passionen. Beinahe 15 Jahre tanzte sie Ballett. Als es darum ging, Profitänzerin zu werden, misslang ihr allerdings die wichtigste Prüfung, und der Ballerinatraum zerplatzte. Das Reisen ist ihre zweite Leidenschaft ­geworden. Besonders Italien mag sie, wo sie Sprache und Gastfreundschaft faszinieren. Ihr Fernweh war dann mit ein Grund, eine ­diplomatische Karriere einzuschlagen. Geboren ist Rühl im Berner Oberland. Bereits als sie fünfjährig war, zog die dreiköpfige Familie nach Uster ZH. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater, ein deutscher Saisonnier, war Koch, ihre Mutter Kindererzieherin. Das erste Geld verdiente Rühl in einem Migros-Selbstbedienungsrestaurant, wo sie die Abwaschmaschine bediente. ­Monika Rühl ist geschieden und wohnt im Zürcher Seefeld-Quartier.