Jitka Hanzlová: Swan, Mane/Sand, Yearlings (von links), 2010, Pigmentdruck, je 7500 Franken (Galerie Mai 36).

Tiere begleiten uns seit Menschengedenken als treue Freunde oder gefürchtete Feinde. Sie beflügeln unsere Phantasie und bereichern unsere Vorstellungs­kraft. Sie sind kulturell aufgeladen und mit positiven wie negativen Eigenschaften ­besetzt: Listig die Schlange, schaurig der Drache, potent der Greif, mächtig der Adler, mutig der Löwe. Tiere und Fabelwesen dienen uns als Spiegel für unsere ­Wünsche und Ängste. Eine Geschichte der Tiere ist deshalb immer auch eine Geschichte des Menschen. Erst in der ­Neuzeit haben Tierdarstellungen an Bedeutung verloren und finden sich heute nur noch selten auf der Agenda zeitgenös­sischer Kunstschaffender.

Drachen, Greifen, Kentauren – Fabelwesen gehörten bis zur Aufklärung zur Weltordnung. Die bestechend inszenierte Ausstellung «Animali» im neuen ­Pavillon im Hof des Landesmuseums zeigt den Wandel von Mythen und Legenden im Lauf der Zeit. Eindrückliche gross­formatige Bildteppiche aus königlichen ­Palästen, kostbare Elfenbeinschnitzereien aus Wunderkammern und antike Goldschmiedearbeiten erzählen von Tierwesen, ihren Eigenschaften und ihrer Symbolik. «Echte» Klauen eines schaurigen Greifen, das Horn des legendären Einhorns, eine ausgestopfte Sirene und ein obskures ­Drachenjunges beweisen, wie unsere ­Vorfahren an die Existenz von Fabelwesen glaubten. Faszination, Abneigung, Mit­ge­fühl und Dominanz – die Komplexität der Tier-Mensch-Beziehungen zeigt sich in zwölf reich ausgestalteten Kabinetten, die je einem Tier und seinen verwandten Mischwesen gewidmet sind. Sie machen deutlich, wie tief verankert Tiere und ­Fabelwesen in unserer Vorstellung sind.

Tierdarstellungen aus der Antike findet man nicht nur im Museum. Manchmal gibt es sie bereits für wenige tausend Franken zu kaufen – beispielsweise in den Galerien von Jean-David Cahn in Basel und St.Moritz. Eine reiche Auswahl findet man stets auch an den jährlichen Antikenauk­tionen bei Cahn im November. Die Menschen der Antike waren den Tieren auf wesentlich vielfältigere Weise verbunden als wir heute. Für sie war der Umgang mit den Tieren ihrer Umwelt ein entscheidender Aspekt im Leben. Jederzeit konnten wilde Tiere eine Bedrohung darstellen, Jagdtiere dienten dem Überleben, Haustiere brachten vielfältigen Nutzen. Tiere standen stellvertretend für die Naturmächte, und nicht von ungefähr stellte man sich in der Frühzeit die Götter in Tiergestalt vor. Tiere hatten eine so grosse Bedeutung, dass die Menschen sie häufig abbildeten. Sie sind deshalb eines der bedeutendsten Motive in der Kunst, wenn auch je nach Epoche ganz verschiedene Gründe dafür ausschlaggebend waren.

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Der Faszination von Tierdarstellungen können sich hin und wieder auch zeitgenössische Künstler nicht entziehen. Unter den vier Werkgruppen der Fotokünstlerin Jitka Hanzlová, welche derzeit in der ­Galerie Mai 36 zu sehen sind, befindet sich die neue Serie «Horses». Die Pferdefotografien sind von kraftstrotzender ­Körperlichkeit. Obwohl sie auf den ­Bildern als kultiviert gehaltene Tiere erscheinen, vermitteln sie doch einen Ausdruck von Ungestüm und Dynamik. Hanz­lovás Blick aus unmittelbarer Nähe wirkt furchtlos und direkt. Die Bilder lassen nichts von der Herrschaft des Menschen über die Tiere spüren, sondern zeigen sie als ungezähmte Krea­turen. Die Körperlichkeit in den Detailaufnahmen und die oft dynamisch in Bewegung aufgenommenen Pferde lassen die Lust und Freude der Künstlerin am Erleben der Tiere spüren. Es ist eine schweigende Kom­muni­kation, eine Annäherung an die Tiere, welche der Künstlerin am ­Herzen liegt und die doch immer mehr aus unserem technisierten Leben verschwindet.

Hundekopfgefäss des Baltimore-­Malers, westgriechisch, um 330–320 v. Chr., 18800 Franken (Cahn Basel).