Einen Meter vor dem Abgrund kam das Auto endlich zum Stillstand – kurz vor der Katastrophe. Am Lenkrad sass Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele, damals noch Vizepräsident. Auf dem Beifahrersitz wirkte als Navigatorin seine Verlobte Christine. Der Wagen war ein majestätischer Bentley 4,5 Litre von 1929. Er war frisch restauriert, wie sich Scheufele gut erinnert – «dummerweise nicht sehr fachgerecht, aber das wusste ich damals noch nicht».

Die Episode ist eine der vielen Geschichten, aus denen der Stoff für den Mythos Mille Miglia gewoben ist. Die «Mutter aller ­Autorennen», wie viele Automobilfreunde meinen, fand von 1927 bis 1957 jährlich als abenteuerliches Strassenrennen statt. 1977 wurde es als Klassik-Rallye wiederbelebt – seither wächst die Faszination.

19. Mai 2016: 446 historische Autos sind für das Rennen ­registriert, dazu gegen ein Dutzend epochale militärische Fahrzeuge. Auch das ist Teil der Faszination Mille Miglia: So viele Klassiker sieht man sonst selten an einem Anlass. Im Vergleich mit den heutigen Autos fallen neben dem Geruch von verbranntem Benzin und dem Röhren der betagten Motoren vorab die Farben auf: In Brescia fährt ein bunter und knatternder Konvoi vor. Am Start bei strömendem Regen steht zum Beispiel ein wunderbarer himbeerroter Flügeltüren-Mercedes 300 SL Coupé von 1955. Oder ein blauer Aston Martin Le Mans von 1933. Auch ein hellgelber Porsche 356 1500 Super rollt über die Startrampe, ein roter Abarth Zagato von 1957, ein grüner Bentley 4,5 Litre von 1923. Und natürlich, mit der Startnummer 252, ein silbriger Porsche 550 RS Spyder von 1957 – eine Legende auf vier Reifen.

Jacky Ickx als Beifahrer

Der Mann, der vom Beifahrersitz aus dem Auto winkt, frenetisch bejubelt wird und hin und wieder auch noch ein in den Wagen gereichtes Buch signieren muss, ist übrigens ebenfalls eine Legende: Jacky Ickx, einer der erfolgreichsten Autorennfahrer aller Zeiten, fährt jedes zweite Jahr mit Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele. «Ach ja», sagte Ickx schon bei der ­ersten Fahrt zu Scheufele, «du fährst.» Und als Ickx kurz vor Rom auf dem Beifahrersitz einnickte, wusste der Uhrenpatron, dass sich der Ex-Rennfahrer wohl nicht allzu unsicher fühlte.

Seit 1988 unterstützt Chopard den Anlass als Sponsor, und Karl-Friedrich Scheufele ist immer am Start. Nie mehr allerdings schwitzte er so wie 1994 im Bentley mit seiner Verlobten auf dem Beifahrersitz.

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Das Paar war im britischen Oldtimer aus der Romandie nach Brescia gefahren und dort zum legendären Klassik-Rallye gestartet. «Du», sagte Karl-Friedrich Scheufele zu seiner Navigatorin, «ich weiss nicht warum, aber die anderen bremsen immer viel später als wir.» Dafür gab es einen trivialen Grund: Die ­anderen Teilnehmer hatten die besseren Bremsen. Scheufele musste zur effizienten Entschleunigung immer auch die Handbremse ziehen. «Dazu stand ich jeweils sozusagen aufrecht auf dem Pedal, aber es tat sich auch so nur wenig.» Er werde, so dachte der Pilot, wohl einen Bremsverstärker brauchen.

Ein britischer Mechaniker und profunder Bentley-Kenner, der das Auto später untersuchte, war entsetzt: «You must be bloody mad», kommentierte er trocken.

Eine Schraube im Getriebe

Bei der ersten, etwas unglücklichen Restauration war Öl auf die Bremsbeläge geraten. Und auch sonst gab es technische Imperfektionen. Auf einer Talfahrt mit vielen Serpentinen ging dann fast gar nichts mehr: Eine Schraube war in die Getriebekulisse gefallen und hatte den Ganghebel blockiert – damit fiel auch noch die Motorbremse aus. «Man kann heute darüber lachen», sagt Karl-Friedrich Scheufele, «aber wir sind wirklich erst einen Meter vor dem Abgrund stehen geblieben.»

Tausend Meilen oder eben Mille Miglia: Im faschistischen Italien war der Name in den Gründungstagen zunächst gefährdet, wie im Mille-Miglia-Museum in Brescia zu erfahren ist. Die Sockenhalter von Benito Mussolini fanden, der Begriff ­Meilen sei ein unitalienischer Yankee-Import. Doch Giovanni Canestrini, Mitbegründer der Mille Miglia, wusste es besser: Italien habe das Wort nicht importiert, sondern im Gegenteil sozusagen erfunden. «Schon die alten Römer haben Entfernungen in Meilen gemessen», notierte er, «wir folgen also einer alten Tradition.»

Alle springen auf fahrende Klassiker auf

Es gibt bald keine Uhrenmarke mehr, die nicht auf fahrende Oldtimer aufgesprungen ist: Zenith zum Beispiel ist bei der Tour Auto ­engagiert. Bei der Passione Engiadina setzte sich kürzlich Alain ­Zimmermann, CEO von Baume & Mercier, selber ans Steuer eines Alfa Romeo Giulia Sprint Speciale von 1963, der direkt aus dem Alfa-Museum kam. Die Marke Frederique Constant ist mit der Klassikmarke Austin-Healey liiert, die Boutiquenkette Les Ambassadeurs unterstützt den Zurich Classic Car Award, und Uhrenbauer Richard Mille lässt sich gerne mit einem Prachtsexemplar seiner Klassiksammlung fotografieren.

Rolex wiederum ist mit dem Concours d’Elegance in Pebble Beach in Kalifornien und dem Goodwood Revival in England in zwei Glamouranlässe der Spitzenklasse involviert. Die Swatch-Group-Marke Union Glashütte ist offizielle Uhren­partnerin des Oldtimer-Rallyes Sachsen Classic sowie ­Partnerin der Silvretta Classic. Und Oris, die Marke aus dem basellandschaftlichen Hölstein, ist Partnerin des Rally Clásico Mallorca.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Doch Karl-Friedrich Scheufele von Chopard darf für sich in Anspruch nehmen, ein ­Pionier gewesen zu sein. Er gehörte zu den Allerersten, ­welche die Welt der klassischen Automobile auch als Kommu­nikationsplattform für die eigene Uhrenmarke nutzten. 1988 stieg er als Sponsor bei der Mille Miglia ein – «per Handschlag», wie er sich ­erinnert und wie es damals unter Gentlemen wohl noch üblich war.

Einsatz lohnt sich

Was am Anfang noch ein Investment war, ­rechnet sich heute für die Marke Chopard sehr wohl, wie ­Scheufele bestätigt: «Man kann ausrechnen, ob sich der Einsatz lohnt oder ob er zu hoch ist. Und der Erfolg, den wir mit der Uhrenkollektion Mille ­Miglia haben, spricht eine klare ­Sprache.» Untersuchungen hätten belegt, dass der Be­kanntheitsgrad der Mille-Miglia-Uhren weit über Old­timer-Enthusiasten hinausreiche, «es ist eben ein Lifestyle-Auftritt, der passt».

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Und einer, der bejubelt wird. Auf der ganzen Strecke von 1600 Kilometern stehen Tausende von begeisterten Zuschauern, singen, feuern an, campieren und klatschen. Mal offerieren ­Nonnen Salami, mal verteilen Männer Wasser, mal verschenken junge Frauen, wie sie auf einem riesigen, quer über die ­Strasse gehängten Transparent ankündigen, Küsse und Umarmungen. Und überall wogt ein fröhliches Volksfest.

20. Mai 2016: Durchs Stadttor des 12 000-Seelen-Städtchens Loreto, das auch ein wichtiger Wallfahrtsort für Katholiken aus aller Welt ist, fährt eben der himbeerrote Flügeltüren-Mercedes 300 SL mit der Startnummer 324. Ein älterer Herr zückt die Kamera, eine Frau winkt mit dem Mille-Miglia-Wimpel, ein Polizist sorgt dafür, dass der Abstand gewahrt bleibt. Am Steuer des berühmten Klassikers sitzt Albert Carreras, Sohn des berühmten Opernsängers José Carreras, mit seinem besten Freund. Das Auto, von guten Kennern «La Framboise» genannt, gehört Karl Scheufele, dem Vater von Karl-Friedrich, beide ­leidenschaftliche Oldtimerkenner und -sammler.

1000 Meilen in zehn Stunden – der Super-Rekord

Zugelassen sind am Rallye übrigens nur Autos, die zwischen 1927 und 1957 an der Mille Miglia teilgenommen haben oder ­mindestens angemeldet waren. Neuere Autos müssen draussen bleiben. Erlaubt wäre zum Beispiel selbstverständlich ein ­Mercedes 300 SLR – in diesem Wagen wurde nämlich Renngeschichte geschrieben und das wohl verrückteste Rennen ­gefahren: 1955 legte der Brite Stirling Moss darin einen Rekord hin, der nie mehr gebrochen wurde. Die 1000 Meilen fuhr er in rund zehn Stunden oder mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,6 Kilometern pro Stunde. Dies notabene auf einer Strecke, die mitten durch Dörfer führte, an Bauernhäusern mit Hühnern und Ziegen vorbei und über mitunter unbefestigte, schlechte Strassen.

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Unvergessen das Credo von Stirling Moss: «If everything is under control, you’re just not driving fast enough.» Legendär ist aber auch die Leistung des Beifahrers Denis Jenkinson. «Jenks» hatte die Strecke akribisch genau ­rekognosziert und sich Anweisungen auf eine Papierrolle notiert, die er während des Rennens einfach vorspulen konnte. Mit Handzeichen gab er im lauten Wagen Anweisungen. Die Rolle war volle fünf Meter lang, Karl-Friedrich Scheufele besitzt eine Kopie davon.

Scheufeles Verlobte, dies als Nachtrag, hat ihm die Episode mit den schwachen Bentley-Bremsen offensichtlich nicht übelgenommen. Einen Monat nach dem Rallye heiratete das Paar. Und exakt zehn Jahre später fuhren sie im selben Bentley 4,5 Litre die Mille Miglia noch einmal. Einen Unterschied gab es: Diesmal waren die Bremsen tadellos restauriert.