Rund 70'000 Oldtimer sind auf der kommunistischen Insel unterwegs. Die Kubaner nennen sie ihrer rundlichen Form wegen liebevoll «almendrones» - dicke Mandeln. Die auf Hochglanz polierten Strassenkreuzer zählen zu den bekanntesten Touristenattraktionen des Landes und lassen sich stunden- oder tageweise für Ausflüge mieten. Auch Kubaner leisten sich gern eine schickes Cabrio für ihre Hochzeit oder andere Familienfeiern. Weniger gepflegte Modelle müssen als Sammeltaxis oder klapprige Familienkutschen herhalten.

Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie überlebten die kubanische Revolution, den Kalten Krieg und den Zusammenbruch der Sowjetunion. Dass die Oldtimer immer noch das Strassenbild in den Städten beherrschen, verdanken sie dem Mechanikergeschick der Kubaner, dem Embargo der USA und der kubanischen Regierung, die den privaten Handel mit Kraftfahrzeugen lange Zeit unterband. Erst seit Anfang des Jahres dürfen Kubaner ohne staatliche Genehmigung wieder Neuwagen kaufen - doch die kosten auf der Insel ein Vermögen. Auch Gebrauchtwagen dürfen erst seit drei Jahren wieder privat gehandelt werden - bislang aber ausschliesslich durch Kubaner.

Eine Einkommensquelle für viele Kubaner

Mit der Lockerung des US-Embargos, die Präsident Barack Obama vor knapp zwei Wochen ankündigte, könnte sich das ändern. Denn das Interesse internationaler Oldtimer-Liebhaber ist gross. Sie sehen in den Modellen aus den 40er und 50er Jahren auch Zeitzeugen einer längst vergangenen Epoche, in der sich Mafiosi wie Lucky Luciano und Showstars wie Josephine Baker und Nat King Cole in Havanna die Klinke in die Hand gaben.

«Mir müsste man schon ordentlich Geld bieten, damit ich meinen Wagen verkaufe», sagt der 40-jährige Aramis Carmona und beobachtet die Touristen, die an seinem weiss-rot glänzenden Chevrolet Baujahr 1943 vorbei schlendern. «Er ist mein Einkommen», erklärt der Amateurmechaniker. «Wenn ich ein wenig Geld übrig habe, kaufe ich lieber Motoröl als Speiseöl, weil ich weiss, dass mir das hilft, meine Familie zu ernähren.» Vor zehn Jahren habe er das Wrack für 7000 Dollar gekauft und mühsam wieder auf Vordermann gebracht.

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US-Autos wurden weitervererbt

Während der Revolution kutschierte auch Fidel Castro in einem klassischen Oldsmobile über die Insel, seine Waffen hatte er unter dem Vordersitz versteckt. Revolutionsikone Che Guevara sass mit der Zigarre zwischen den Zähnen am Steuer eines Studebaker. Doch dann beschloss Havanna, die Produkte des Kapitalismus gegen «revolutionärere» Fortbewegungsmittel auszutauschen wie etwa den russischen Geländewagen GAZ-69, für den sich Fidel Castro entschied.

In den 1960er und 70er Jahren tauchten Peugeots aus argentinischer Produktion, tschechische Skodas und sowjetische Ladas auf Kubas Strassen auf, doch die US-Oldtimer wurden wie teure Schätze von Generation zu Generation weitervererbt. Auch die chinesischen Importe aus den 2000er Jahren konnten die Vorherrschaft der US-Schlitten nicht beenden. Viele Originalbauteile haben die «almendrones» freilich nicht mehr unter der Haube. Geschickte Hobbymechaniker schrauben seit Generationen daran herum und hauchen den Strassenkreuzern mit improvisierten Ersatzteilen immer neues Leben ein.

Aussen Chevi, innen BMW

Carmona erzählt, er habe vor vier Jahren den Motor seines Chevrolets ausgetauscht. Einen Liter verbrauchte er auf sechs Kilometer. Mit dem sparsameren BMW-Dieselmotor wird der chromglänzende Kultwagen wohl noch einige Kuba-Touristen über die Insel kutschieren.