BILANZ: Signor Bonati, ist Panerai eher eine italienische oder eine schweizerische Marke
Angelo Bonati*: Panerai ist italienisch. Punkt.

Punkt?
Natürlich tickt in unseren Uhren ein Schweizer Werk. Wir bauen ja auch unser eigenes Schweizer Manufakturwerk. Aber die Emotion, die Geschichte, die Kreativität, das Design und mithin der ganze Spirit sind klar italienisch.

Mit anderen Worten: Das Werk ist unwichtig?
Im Gegenteil, das Werk ist sehr wichtig. Wer eine Luxusuhr kauft, setzt voraus, dass sie akkurat läuft. Das ist indiskutabel, und ich habe einen Riesenrespekt vor der Schweizer Uhrmacherei. Aber die Grundinspiration der Marke Panerai ist italienisch. Das ist wie bei Cartier: Cartier ist doch durch und durch eine französische Marke. Aber für die Uhrmacherei setzt sie ebenfalls ganz auf Schweizer Technik und Handwerk.

Wenn Panerai ein Auto wäre, welche Marke wäre es?
Für mich, wegen der Italianità, ein Ferrari. Wir stehen für die gleichen Werte ein. Ferrari hat die Ferraristi, Kunden und Fans, die eine starke Leidenschaft für diese Marke zeigen. Wir haben die Paneristi. Die einen können sich vielleicht eine einzige Panerai leisten, andere haben 200 Stück in der Schublade. Beide aber haben eine starke Passion für die Marke.

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Woher kommt eigentlich Ihre Passion für die Uhr?
Die war schon früh da. Als ich ein kleiner Junge war und noch gar nichts von Uhren verstand, nahm ich einmal einen Schraubenzieher und zerlegte die Taschenuhr meines Grossvaters in alle Einzelteile. Ich habe sie zwar wieder einigermassen zusammengesetzt – aber sie lief dann nicht mehr. Das Ticktack hat mich schon als Kind fasziniert.

Und woher kommt die Passion für Panerai?
Das ist eine sehr persönliche Sache. Es war von Beginn an eine Liebesbeziehung – wie zwischen einem Mann und einer Frau. Als ich die erste Panerai-Uhr sah, war es um mich geschehen. Ich verzichtete auf ein gutes berufliches Engagement, obwohl ich den Vertrag dafür bereits ­unterschrieben hatte. Ich sah in Panerai eine Art Bestimmung.

Sie haben aus Panerai rasch eine der ersten Uhrenmarken für Sammler ­gemacht. Obwohl eine Panerai immer exakt aussieht wie eine Panerai. Wie halten Sie da die Sammler bei der Stange?
Man darf eben keine Angst davor haben, Uhren zu machen, die den Vorgänger­modellen gleichen. Man kann immer etwas Kleines ändern, einmal am Zifferblatt, einmal am Gehäuse, einmal am Band. Aber unsere Uhren müssen zwingend als Panerai erkennbar sein. Ins ­Gehäuse können Sie jedes gute Werk platzieren, das Sie wollen, und die Schweizer Uhrenindustrie liefert zum Glück wunderschöne Werke. Aber wer eine Panerai ans Handgelenk nimmt, muss die Gewissheit haben, dass sie stets als Panerai erkannt wird.

Und das wird ewig so sein? Keine Pläne für ein radikal anderes Modell?
Ich habe keine Kristallkugel, die mir alles über die Zukunft verrät. Aber nach meinen Plänen wird es in den kommenden zehn Jahren so bleiben.

Panerai führte eben zum zehnten Mal die Panerai Classic Yachts Challenge durch. Ihre Bilanz?
Die Bilanz ist positiv, sehr positiv. Sonst hätten wir damit ja schon lange aufgehört. Wir haben viel über die klassische Seglerei gelernt und über die Werte, die da gelten. Sie entsprechen sehr exakt den Werten von Panerai: Handwerk, Emotion und Zeitlosigkeit.

War es ein schwieriger Entscheid, als Sie beschlossen, die erste Panerai Classic Yachts Challenge ­durchzuführen?
Es war ein einfacher Entscheid. Im Grunde genommen hatten wir gar keine Wahl. Es war ein logischer Schritt.

Warum?
Dass das Meer für uns eine Rolle spielen müsste, war angesichts unserer Geschichte klar. Wir hätten uns also fürs Tauchen entscheiden können, mit Bildern von schön farbigen Fischen und so. Doch das machen schon sehr viele Marken. Dann gibt es die Welt der Motor­yachten. Teuer, sehr teuer, 10, 20, 30 Millionen schwer. Nur: Ich sehe da wenig emotionale Werte. Die moderne Sportseglerei wiederum ist sehr kompliziert. Man muss viel wissen, um mitfiebern zu können.

Also haben Sie sich für die klassischen Yachten entschieden.
Klassische Yachten sind pure Emotion, sie lassen niemanden kalt. Sehen Sie doch selber. Sie sitzen zum Beispiel an der ligurischen Küste. Sie sehen viele Leute am Hafen. Alle bestaunen die alten Boote. Alle träumen. Das Emotionale ist sehr präsent: Geschichte, Freiheit, Handwerk – Stoff zum Träumen.

Was war Ihre schwierigste Aufgabebei Panerai?
Das war im Jahre 2000, als ich dem Board erklärte, ich wollte für meine Marke eigene Werke machen. Manufakturwerke waren damals noch kein grosses Thema. Die zweitschwierigste Aufgabe war übrigens, als ich sagte, wir brauchten eigene Boutiquen, um die Marke bekannt zu machen. Heute machen das ja alle, ­damals aber galt das als ein bisschen verrückt. Ich sagte: Wir brauchen an der Verkaufsfront Leute, die die Marke richtig gut kennen. In Multimarken-Boutiquen werden Sie als Kunde nie mit der gleichen Detailkenntnis bedient.

Was soll in 200 Jahren im Geschichtsbuch über Sie geschrieben werden?
Dass ich mit Passion gearbeitet habe.

Und was ist privat Ihre Passion?
Kunst, vorab zeitgenössische Kunst. Ich liebe Dinge, die emotional aufgeladen sind. Sonst wird es langweilig. Die kurze Zeit, die man leben kann, muss man richtig nutzen. Ich kann nicht einfach daheim bleiben und nichts tun. Nach einer untätigen Stunde muss ich etwas unternehmen.

Wie soll die schweizerische Uhren­industrie auf die Apple Watch ­reagieren?
Vorerst mal eine Klarstellung. Der Name dieses Produktes ist nicht korrekt: Watch ist falsch. Das ist keine Uhr. Es ist ein ­Objekt fürs Handgelenk. Es könnte aber gerade bei jüngeren Leuten die gute klassische Uhr ersetzen. Davor habe ich nun wirklich keine Angst. Nichts gegen Innovation, aber nehmen Sie zum Beispiel klassische alte Boote. Die schaffen als Höchsttempo sieben bis acht Knoten, mehr geht nicht. Moderne Hightech-Schiffe schaffen locker 35 Knoten. Aber das hat keine Emotion. Emotion finden Sie bei den klassischen Booten.

Junge Leute sehen das vielleicht ein ­bisschen anders.
Kaum. Es geht um Emotion. Die Apple Watch ist eine Art Handy fürs Handgelenk, etwas Plastik mit einem Bildschirm. Wenn Sie Ihr Handy verlieren, sind Sie verärgert, weil es mühsam ist. Wenn Sie aber Ihre Uhr verlieren, weinen Sie, weil Sie traurig sind. Das ist der Unterschied.

Was macht eine gute Uhr aus?
Die menschlichen Werte dahinter. Handwerk, Kunst, Leidenschaft. Im Plastik und in der Elektronik finden Sie das nicht.

Dafür zeigt mir das Handy trotz Plastik und Elektronik bei Bedarf sehr genau auch die Zeit an.
Dafür brauchen Sie nicht einmal ein Handy. Die Zeit wird heute überall angezeigt.

Und was ist dann die Funktion der Uhr?
Die Uhr ist ein Kumpel fürs Leben. Das Telefon können Sie wegwerfen, es stellt keine Werte dar. Es kann die Wetterprognosen anzeigen, Telefonnummern sammeln, Fotos knipsen, es hilft, den Alltag zu meistern. Aber eine Uhr ist viel mehr, eine Uhr bewegt Sie. Ich vergesse oft mein Telefon, meine Brille, einen Schlüssel oder Ähnliches. Meine Frau bemerkt es und rennt mir dann damit nach. Die Uhr habe ich noch nie vergessen.

Warum soll ich eigentlich eine Panerai kaufen?
Ganz einfach: weil es die beste Uhr ist.

*Angelo Bonati ist «Signor Panerai». Er hat die Marke, deren CEO er seit dem Jahr 2000 ist, zum Blühen gebracht. ­Officine Panerai, so der vollständige Name, produziert etwa 70'000 Uhren im Jahr und setzt damit wohl rund 350 Millionen Franken um.