Philipp Schwander erinnert sich genau ans erste Mal. Als der Weinhändler vor zwei Jahren bei ­seinem persönlichen Fitnesstrainer Marcel Hossli antrabte, schaffte er es beim Bankdrücken knapp, die Stange ein paar Mal hochzuheben – ohne Gewichte. Heute stemmt Schwander 70 Kilogramm in die Höhe und ­wiederholt das Ganze 15-mal. Zwölf Kilo Muskeln hat sich der diplomierte Master of Wine antrainiert und fühlt sich dadurch wesentlich fitter. «Jetzt muss noch der Bauch verschwinden», sagt der Inhaber der Weinhandlung Sélection Schwander in Zürich. Sein Lebenswandel ist nicht ­gerade das, was man gesund nennt: Zweimal täglich isst er auswärts. 115 Kilo bringt er auf die Waage. 40 Prozent seiner Zeit ist er auf Reisen, draussen bei den Winzern. Mit denen kann er nicht Mineralwasser trinken und Salat essen.

«Seit ich einen Personal Trainer habe, halte ich meine Fitnessstunden endlich ein», sagt der Weinpapst. Zuvor war zwar der gute Wille da, aber nicht viel mehr. Das Jahresabo fürs Fitnesscenter: blieb unberührt in der Schublade. Der Hometrainer: stand unbenutzt herum. Die Meetings mit Hossli, die zweimal wöchentlich stattfinden, sind heute fixer Bestandteil der Agenda. Wenn Schwander im Studio ankommt, liegt sein Turndress schon frisch gewaschen bereit. Während der Experte für Höherprozentiges schwitzt und stemmt, wendet Hossli für ihn unten in der engen Garage noch schnell den Wagen. Ein «Superservice», den er sich 130 Franken pro Stunde kosten lässt.

Immer mehr Menschen leisten sich den Luxus eines Personal Trainers. «Es ist ein absoluter Wachstumsmarkt», weiss Sonja Fierz. Die diplomierte Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin machte sich vor acht Jahren mit einem Partner selbständig. «An Kundenanfragen hat es nie gemangelt», sagt sie. Um 5.30 Uhr gibt sie oft ihre erste Stunde, manchmal endet der Tag erst um 19 Uhr. 40 Prozent ihrer Klientel arbeiten auf ­höherem Managementlevel. Vor allem aus der Finanzbranche kommt Nachschub: «Man spürt, dass die Menschen unter Druck sind», so Fierz. Die Unternehmerin, die unter dem Namen «Becoached» operiert, hat einen fixen Auftrag der CS und trainiert verschiedene Top-Manager der Grossbank. Der Konzern subventioniert die Lektionen, die allen Angestellten offenstehen.

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Dass die Nachfrage steigt, beobachtet auch Dave Baucamp, Präsident des ­Verbands Schweizer Personal Trainer (SPTV): «Als ich mich vor 19 Jahren als Personal Trainer selbständig machte, wurde ich oft ­belächelt. Heute trainiere ich Dutzende Kunden aus den unterschiedlichsten ­Bereichen von Wirtschaft, Politik bis ­Unterhaltung oder Sport. Ich stelle fest, dass es vor allem Entscheidungsträger schätzen, sich in Fragen ihrer Fitness coachen zu lassen.»

Sportlich sind die Schweizer schon lange. Die Hälfte der 15- bis 74-Jährigen gibt an, mehrmals pro Woche Sport zu treiben (siehe «Fitte Helvetier» unter 'Downloads'). Der Anteil an regelmässigen Sportlern ist in den letzten 20 Jahren steil angestiegen. Spitzenreiter sind dabei die Chefs mit 41,6 Prozent. Dies ergab die letzte grosse Studie «Sport Schweiz» des Bundesamtes für Sport. Durch die Beschleunigung am ­Arbeitsplatz und die zunehmenden Belastungen im Job und privat ist das Bedürfnis nach Ausgleich weiter gestiegen – vor allem bei beruflich stark beanspruchten Menschen. Sie schaffen es wegen ihrer durchgetakteten Agenden kaum ins Fitnessstudio. Der Personal Trainer kommt da wie gerufen. Er passt sich dem Zeitplan der Chefs an und erinnert sie unerbittlich an ihre körperlichen Pflichten.

Umerziehung. «Wenn ich mal länger auf Reisen bin, ruft mich mein Trainer an und mahnt mich, bald wieder zu kommen», erzählt Philipp Schwander. Cédric George, dem VR-Delegierten der noblen Privatklinik Pyramide am See in Zürich, geht es genau gleich: «Zweimal wöchentlich steht mein Trainer punkt 18 Uhr bei mir in der Klinik auf der Matte. Käme er nicht, würde ich einfach durcharbeiten.»

So hielt es der 60-Jährige bis vor zehn Jahren, malochte ununterbrochen bis spät in die Nacht. Heute unterbricht er seinen Fahrplan fürs Training und macht sich nach dem abendlichen Waldlauf an die nächste Sitzung oder ans Diktieren, häufig bis um 22 Uhr. Seinen Patienten, die sich in seiner Klinik unters Schönheitsskalpell legen wollen, empfiehlt er dasselbe. «Ich sage immer: Sich zu bewegen, ist sinnvoller, als Fett abzusaugen.» George, der früher total unsportlich war, ist dank seinem Coach sogar so weit, dass er morgens vor der Arbeit freiwillig ein paar Übungen auf dem Boden macht, um seinen Körper straff zu halten.

In der Fitnessbranche hat man aber nicht nur Freude am zunehmenden ­Bewegungsdrang von Männern wie George. Die steigende Nachfrage seitens der Kunden hat auch ihre Schattenseiten. Es drängen immer mehr unqualifizierte Trainer auf den Markt. Viele glauben, sie könnten einfach so ohne Ausbildung Personal Trainer werden, erklärt Verbandspräsident Baucamp. Denn auf den ersten Blick scheint der Beruf als selbständiger Personal Trainer lukrativere Verdienstmöglichkeiten zu bieten als etwa der eines Angestellten im Fitnesscenter.

400 bis 500 Personal Trainer tummeln sich laut Schätzungen des Verbands mittlerweile auf dem Markt. 100 von ihnen sind Mitglied in der fünf Jahre alten Interessenorganisation. Und diese will dem Wildwuchs nun Einhalt gebieten. So wurde ein verbandseigenes Qualitäts­label geschaffen. Wer Mitglied sein will, muss verschiedene Voraussetzungen erfüllen. In einem nächsten Schritt soll ein anerkanntes Diplom geschaffen werden, wie es das etwa für den Fitnessinstruktor gibt.

Vorläufig aber muss Baucamp mit der Trainerschwemme leben. Längst nicht alle von ihnen können allerdings so gut von ihrem Beruf leben wie Startrainer Dave Dollé. Der frühere 100-Meter-Läufer kassiert für seine Dienste satte 275 Franken pro Stunde und liegt damit weit über dem Durchschnitt, der rund 150 Franken beträgt. Dollé ist auch nicht Mitglied im Branchenverband. Der gut gebaute Ex-Leichtathlet ist seine eigene Marke.

Manager können sich solche Ansätze leisten, und genau das macht sie als Zielgruppe interessant. Bei Sonja Fierz, die 160 Franken pro Stunde verlangt, kommen einzelne Kunden jedenfalls locker auf Trainingskosten von 1000 Franken pro Monat. «Dafür bin ich dann auch jederzeit per SMS erreichbar, wenn eine Frage rund ums Körperbefinden auftaucht.»

Burnout-Prävention. Zu Fierz’ Service gehört auch das Zusammenstellen von Trainingsplänen für die vielen Businessreisen ihrer Kunden. Die passt die Fachfrau dann dem Klima und der entsprechenden Zeitzone an.

Laufen, dehnen, den Körper frisch halten – die öffentlich diskutierten Burnout-Fälle in der Wirtschaft machen die Chefs zunehmend hellhörig, Prävention ist deutlich höher im Kurs als früher. Der tragische Tod von Swisscom-Chef Carsten Schloter schärft das Bewusstsein der Wirtschaftsleute, auf die Signale von Körper und Geist zu hören. Der Gang zum Personal Trainer ist so nicht nur ein Dienst am Körper, sondern auch ein Rückzug auf sich selbst.

Dave Baucamp ist immer wieder ­erstaunt, wie klaglos und diszipliniert sich seine Kunden aus der Wirtschaft in ihre Übungen schicken: «Die sind froh, wenn sie das Zepter mal nicht übernehmen müssen und ich ihnen diktiere, was sie zu tun haben. Diese Abgabe von Verantwortung ist Teil der Erholung.» So sieht es auch Philipp Schwander. Er vertraut seinem Trainer Marcel Hossli inzwischen blind und schätzt dessen Art, die nicht auf Drill, sondern auf Wohlbefinden ausgerichtet sei. Ein bisschen Ehrgeiz hat der Weinguru allerdings schon: «Mein Ziel ist es, 20 Kilogramm abzuspecken. Hossli wird mir dabei helfen.»