Ein Unternehmensberater, der die Firma Piaget durchleuchten müsste, käme schon nach wenigen Stunden auf einen effizienten Sparvorschlag: Piaget müsste ganz einfach die Produktions­standorte in Genf und im neuenburgischen La Côte-aux-Fées zusammen­legen – der Erfolg wäre durchschlagend.

«Mag sein», sagt dazu achselzuckend Piaget-CEO Philippe Léopold-Metzger. «Und es ist auch wirklich so, dass uns die Organisation vor logistische Probleme stellt.» Aber genau dabei werde es bleiben: «Wir haben zwei Herzen bei Piaget, das muss so sein.» Das lasse Spannung entstehen, und das dürfe auch gerne etwas kosten.

Tatsächlich gehört eine leichte Schizophrenie sozusagen zur DNA der Firma. Auf der einen Seite ist Piaget eine glamouröse Marke der Haute Joaillerie. Dazu zählen teuerste Steine, edle Metalle, schicke Stars, grelles Schweinwerferlicht. Und dafür steht das quirlige Genf mit einem durchgestylten Gebäude, wo Edelsteine verarbeitet werden, wo der Schmuck entsteht und wo Uhren eingeschalt und aufwendig geschmückt werden.

Weltmarke mit Stallgeruch. Auf der anderen Seite ist Piaget eine durch und durch konservative Uhrenmanufaktur. Dazu gehören Ruhe, Abgeschiedenheit, Ernsthaftigkeit. Und dafür steht das ländliche La Côte-aux-Fées mit einem unscheinbaren Gebäude, wo seit je Uhrwerke ­gebaut werden. Ganz besondere Uhrwerke übrigens: Piaget ist so etwas wie der Flachmacher der Uhrenbranche, schon immer war die Marke auf extrem dünne Werke spezialisiert.

Wer Piaget verstehen will, muss unbedingt zuerst ins weit abgelegene Val-de-Travers reisen. Hier liegt auf 1041 Metern über Meer das Dörfchen La Côte-aux-Fées, die Wiege des Unternehmens. An der Rue Les Bolles-du-Temple 1 steht ein verschachteltes Gebäude, dem man verschiedene Vergrösserungen aus verschiedenen Bauepochen ansieht. Typisch Piaget: Über dem Eingang prangt noch immer das alte Logo, die Belegschaft wollte das neue nicht, also beliess man es beim alten.

Bankophobie. Drei protestantische Kirchen gibt es hier und rund 400 Einwohner, ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen blieb. «Understatement, Bescheidenheit, Sparsamkeit», sagt Yves Piaget, Nachkomme des Gründers Georges Edouard Piaget und begeisterter Botschafter der Manufaktur, seien die Tugenden, die ihm in diesem tiefprotestantischen Milieu eingeimpft worden seien. «Wir gaben immer nur das Geld aus, das wir in der Tasche hatten», Yachten, Privatflugzeuge oder Bilder grosser Meister seien nie ein Thema gewesen. Was verdient wurde, ging in die Firma, Pump bei den Banken hingegen war ein Tabu, «man kann durchaus sagen, dass wir bankophob waren», sagt Piaget.

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Klar war aber auch ­– das gehöre ebenso zum protestantischen Ethos –, dass nie Leute entlassen wurden, in keiner der vielen Uhrenkrisen. Dabei bleibt es, wie CEO Philippe Léopold-Metzger betont: «Auch während der ­Rezession 2008/09 hat Piaget kein Personal abgebaut, sondern nur die Zahl der Arbeitsstunden etwas reduziert.»

Yves Piaget verkaufte die Marke 1988 an die Richemont-Gruppe unter Anton Rupert, weil er zur Überzeugung gelangt war, eigenständig werde man auf die Dauer nicht überleben können. Achtzehn Monate lang dauerten die Verhandlungen, wie sich Piaget gerne erinnert – drei Monate mit dem Käufer, fünfzehn ­Monate mit der eigenen Familie, wo gros­ser Widerstand zu überwinden war. ­Rupert, der neue Besitzer, setzte mit Philippe Léopold-Metzger bald einen CEO ein, der bei Cartier bereits einen guten Job gemacht hatte. Die Arbeit bei Piaget werde simpel sein, meinte Rupert zum neuen Chef: «Sie machen Schmuckuhren mit Quarzwerken.»

Tatsächlich gehörte Piaget zu den ­wenigen Firmen der Branche, die den Anschluss an das Quarzzeitalter nicht verschlafen hatten. Mit sieben Mitbewerbern hatte man das Centre Electronique Horloger gegründet, mit dem legendären Beta 21 ein Schweizer Quarzkaliber entwickelt und es auch als erste Luxusmarke in eigene Uhren eingebaut. Dazu hatte sich Piaget in der Haute Joaillerie etabliert und die Uhren zum Teil in regelrechte Materialschlachten aus teuersten Steinen eingepackt. Schon damals gab es nur ­Gehäuse aus Gold oder Platin. Und dabei bleibt es. Einzige Ausnahme ist eine Piaget FortyFive im Titankleid – Stahl ist für Uhrengehäuse und Bänder bei Piaget ganz verpönt.

Philippe Léopold-Metzger wollte von Anfang an an die alte uhrmacherische Tradition von Piaget anknüpfen. Seit der Gründung 1874 habe die Marke feine, flache Werke gebaut, denn nur wer flache Werke habe, könne elegante Uhren bauen, sagt er: «Das war Technik im Dienste des Designs, eine Philosophie, die noch heute gültig ist.»

Uhrmacherische Bestimmung. Man kann es auch so sagen: Gerade weil Piaget im Grunde genommen an den Werken nicht sonderlich interessiert war, sondern eine möglichst unauffällige und wenig sichtbare Mechanik suchte, wurden in der Manufaktur extrem flache und mithin technisch sehr interessante Werke gebaut.

1957 kam Piaget mit dem ultraflachen Aufzugswerk 9P auf den Markt, 1960 folgte das ultraflache Auto­matikkaliber 12P. Das, so sagt Léopold-Metzger, seien Meilensteine in der Geschichte des ­Unternehmens. «Master of ultra-thin movements» ist neu auch der Claim des Unternehmens. «Unsere Religion», kommentiert Philippe Léopold-Metzger, ­«unsere Bestimmung.»

Darum beschloss der CEO, die eigene Werkeproduktion zu forcieren: «Ich wollte keine Werke zukaufen müssen, ich wollte meine Werke weiterhin selber bauen.» Natürlich kaufe man Regulier­organe zu, aber den Rest wolle man selber produzieren. Darum gebe es zum Beispiel noch keine Minutenrepetition bei Piaget. «Wir können momentan noch keine Minutenrepetition bauen, also bieten wir auch keine an – einfach irgendwo etwas zukaufen und einschalen wollen wir nicht.»

3 Jahre für 2,4 Millimeter. Dieses Jahr hat Piaget eine Uhr präsentiert, die zwei ­Rekorde in sich vereint. Sie ist mit einer Gesamtdicke von 5,34 Millimetern die flachste skelettierte Uhr der Welt. Und in ihr tickt das flachste Automatikwerk, ­gerade 2,4 Millimeter hoch. Drei Jahre Entwicklung seien notwendig gewesen, um das neue Kaliber 1200S, eine Weiterentwicklung des 1200P, zur Serienreife zu bringen. Neu ist etwa ein Mikrorotor aus Platin. Die Uhr sieht nicht verspielt-­barock aus, wie viele andere Skelett­uhren auf dem Markt, sie kommt in einer sehr technischen Anmutung daher.

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52 900 Franken wird das Stück kosten – und zu haben ist es unter anderem in der brandneuen Piaget-Boutique in ­Zürich. Zürich ist für Piaget-CEO Léopold-Metzger ein ganz wichtiger Standort. Aus zwei Gründen: Erstens schlägt sich die Marke im deutschsprachigen ­Europa noch unter ihrem Wert. Das soll sich jetzt ändern. Und zweitens redeten jetzt alle immer von Asien, sagt er. «Wir sind schon lange in Asien aktiv.» Doch das alte Europa werde langsam von vielen vernachlässigt. Das dürfe nicht sein, und dafür stehe er ein.