Welch eine Heimkehr! Mehr als 40 000 begeisterte Menschen bereiteten im vergangenen März der «Alinghi»-Crew und deren Teamchef Ernesto Bertarelli in Genf einen triumphalen Empfang. Sein Sieg beim America’s Cup und der Einzug der berühmtesten Seglertrophäe in die Rhonestadt machten für kurze Momente sogar dem Segeln wenig zugeneigte Schweizer stolz.

Wenige Wochen später hat sich die Stimmung an den Weltbörsen, während dreier Jahre von schwärzestem Pessimismus und heftigsten Kurseinbrüchen geprägt, deutlich aufgehellt. Seither glänzen die Aktienmärkte mit kräftigen Gewinnen. Ernesto Bertarelli kann auch mit dieser Entwicklung vollauf zufrieden sein, ist seine Familie, die eine Mehrheit am von ihm gelenkten Genfer Biotechnologiekonzern Serono hält, dank der Aktienhausse doch innert Jahresfrist um satte drei Milliarden Franken reicher geworden.

Nicht nur die Bertarellis, auch mancher andere unter den 300 Reichsten der Schweiz ist wieder etwas vermögender geworden. Verloren die 300 Reichsten 2001 und 2002 wegen Börsenbaisse und Wirtschaftsflaute noch insgesamt 80 Milliarden Franken, ist ihr Vermögen in diesem Jahr um 12 auf 352 Milliarden Franken gestiegen. Im Schnitt nennt ein Reicher also 1173 Millionen Franken sein Eigen.

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Auch die Erben Ströher verdanken ihren drei Milliarden schweren Vermögenszuwachs nicht eigenem Wirken, sondern dem Börsenglück. Nachdem sich die Wella-Aktien im Wert fast verdoppelt hatten, verkauften die Nachkommen des Wella-Gründers Franz Ströher ihre Titel subito an den US-Giganten Procter & Gamble. Walter Haefner, wie Bertarelli einer der zehn Reichsten der Schweiz, lachte ebenfalls die Gunst der Finanzmärkte: Der Kontostand des Autoimporteurs schwoll dank seiner Beteiligung an Computer Associates um 1,8 Milliarden Franken an, rückte doch der Aktienkurs des weltweit viertgrössten Softwareunternehmens seit Anfang Jahr um über 70 Prozent vor (Haefner hatte in den zwei Jahren zuvor aber mit ebendiesen Aktien auch einige Milliarden in den Sand gesetzt).

Die Konjunktur hingegen nimmt nur zögerlich Fahrt auf. Immerhin ist mancher Halbjahresausweis von Schweizer Unternehmen überraschend gut ausgefallen, die Resultate für die ersten neun Monate bestätigen den Trend zur Entspannung an der Ertragsfront der Firmen. Bei den Vermögen der Unternehmer – mit Abstand die grösste Kategorie der 300 Reichsten – hat sich dies noch nicht spürbar ausgewirkt. Eine der Ausnahmen bildet Kjeld Kirk Kristiansen, Besitzer der Lego-Gruppe. Zwar harzt das Geschäft mit den farbigen Bauklötzchen. Doch im Zuge der Reichsten-Recherchen ist BILANZ auf eine Baarer Firma namens Kirkbi gestossen, wo die Familie Kristiansen sämtliche Lego-Lizenzgebühren bunkert. Mehr als eine Milliarde Franken!

In einigen Branchen hat sich die Wirtschaftsbelebung bereits in klingender Münze niedergeschlagen. So in der Medizinaltechnik. Die neun in dieser Kategorie aufgelisteten Reichsten kamen 2002 noch auf ein Pro-Kopf-Vermögen von 1422 Millionen Franken, in diesem Jahr sind es je 200 Millionen mehr. Kräftig zugelegt haben Hansjörg Wyss von Synthes-Stratec, der Disetronic-Firmengründer Willy Michel sowie Thomas Straumann, Hauptaktionär der gleichnamigen Dentalimplantatefirma. Auch im Bankgeschäft zeichnet sich nach zwei Jahren andauernder Werterosion eine Entspannung ab. Hauptgewinner dieser Entwicklung ist die Genfer Bankierfamilie de Picciotto, deren Vermögen dank der erfolgreichen Restrukturierung der Union Bancaire Privée gleich um eine Milliarde Franken stieg.

Kräftig ausgefallen sind allerdings auch die Einbussen bei den zehn grössten Absteigern unter den 300 Reichsten: Ihre Vermögen schmolzen um 12,4 Milliarden Franken – innert Jahresfrist.

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In diesem Jahr sind 28 neue Namen zur Liste der 300 Reichsten gestossen. Die Debütanten bringen zusammen ein Vermögen von 11,4 Milliarden Franken auf die Waage, was pro Kopf 407 Millionen Franken entspricht. Alle Novizen des Reichtums wurden im Index mit dem Signet «Neu» versehen. Der Zuzüger mit dem populärsten Namen: Theo Müller, Molkermeister aus Aretsried bei Augsburg, Besitzer der in Deutschland führenden Milchfabrik gleichen Namens. Sein «Alles Müller – oder was?» ist längst ein Werbeklassiker. Mit zwei von seinen neun Kindern ist der Milchbaron vor dem Zugriff des deutschen Fiskus an die Zürcher Goldküste geflüchtet. Das Mitbringsel: 1 bis 1,5 Milliarden Franken an Vermögen.

Über einen Mangel an Publicity braucht sich auch ein weiterer, über die Regenbogenpresse berühmt gewordener Ansiedler kaum zu beklagen: Mohammed Al-Fayed, Besitzer des berühmten Londoner Kaufhauses Harrods und des noch berühmteren Pariser Hotels Ritz. Der gebürtige Araber und Möchtegern-Brite hat Snobbish London pikiert den Rücken gekehrt, um sich an den Gestaden des Genfersees seine alten Tage mit dem Ersparten von etwa 1,3 Milliarden Franken zu verschönern. Auch sonst enthält die Liste mit den neuen Reichsten viele Berühmtheiten, beispielsweise Anni-Frid Reuss, Ex-Grossverdienerin beim Popquartett ABBA und durch Heirat mit dem Luzerner Heinrich Ruzzo Prinz Reuss eingeschweizert. Oder Francesco Illy, Spross einer wohlbekannten Kaffeedynastie. Oder Michel Lacoste, Mitbesitzer des Modehauses, das sich ganz dem Krokodil mit der grossen Klappe verschrieben hat.

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Das Gros der neuen Reichen stellt Deutschland (neun), gefolgt von Frankreich (vier), England und Schweden (je drei) sowie Personen aus drei weiteren Nationen. Auf der Liste der 28 Neuen verfügt lediglich ein knappes Fünftel über einen Schweizer Pass. Das heisst zum einen, dass die BILANZ-Rechercheure Jahr für Jahr gute Arbeit leisten: Die reichsten Schweizer sind mehr oder weniger erfasst.

Zum andern ist die Schweiz seit Jahrzehnten beliebtes Asyl für ausländische Vermögen. So stammt fast die Hälfte unserer 300 Reichsten aus dem Ausland:

Jeder Fünfte ist aus Deutschland zugewandert, einige Dutzend Personen kommen aus Frankreich, weitere aus Italien, England, Österreich. Oder aus Schweden – wie die beiden Reichsten der Reichen, Ingvar Kamprad und die Familie Rausing. Von den zehn Allerreichsten stammen deren fünf aus dem Ausland. Oder: Von den 21 reichsten Erben besitzen lediglich sechs einen Schweizer Pass.

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Die hochbegüterten Ausländer siedeln sich nicht nur der schönen Landschaft und des Fondues wegen in der Schweiz an. Weitaus anziehender sind die im europäischen Vergleich tiefen Steuersätze. Gerade Deutsche wie ein Theo Müller wissen solches zu schätzen; durch seinen Umzug konnte der Milchbaron Erbschaftssteuern von gut 300 Millionen Franken sparen. Mancher Ausländer lässt sich aber auch durch Standortvorteile wie die tiefere Fiskal-belastung der Firmengewinne oder die günstigeren Lohnnebenkosten überzeugen und verlegt deshalb seinen Firmensitz in die Schweiz. Gerade Deutschland mehrt des Schweizers Reichtum seit Jahrzehnten.

Exakt 28 Reichste haben es nicht mehr in die BILANZ-Liste geschafft. Diese vertraten 2002 ein Vermögen von zusammen 11,7 Milliarden Franken. Nicht mehr geschafft hat es beispielsweise Beat Curti. Der in finanzielle Probleme geratene Detailhändler und Gastronom musste seine Mehrheitsbeteiligung an der Bon-appétit-Gruppe an die deutsche Rewe verkaufen – unter dem Strich sind für ihn persönlich wohl kaum noch 100 Millionen übrig geblieben. Auch die weit verzweigte Firmengruppe der Winterthurer Familie Erb ist in eine schwere Krise geraten. Es scheint, dass das Unternehmen existenzbedrohend überschuldet ist. Bis sich der Pulverdampf verzogen hat, haben wir den Familienclan Erb aus der Liste der Reichsten gestrichen. Im Vorjahr wurden die Erbs noch mit einem Vermögen von 1,5 bis 2 Milliarden Franken geführt.

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Andere Reichste sind – mildes Steuerklima hin oder her – aus der Schweiz weggezogen. So Fredrik Lundberg: Der schwer begüterte Schwede (1 bis 1,5 Milliarden) ist seinen Töchtern, die in Stockholm studieren, nachgezogen. In seinem Haus in Zollikon verbringt er nur noch seine Ferien. Aus Genf fortgezogen ist Lily Safra, Witwe des 1999 unter mysteriösen Umständen in Monaco verstorbenen Bankiers Edmond Safra. Die Milliardärin gehört zu den reichsten Frauen der Welt und hat sich dank ihrer Freigebigkeit Freunde bis ins britische Königshaus geschaffen. Nun versteuert die 70-jährige Brasilianerin mit russischen Vorfahren ihr Vermögen in Monaco und London. Und der Genfer Fiskus weint.

Die Majorität der 28 wurde übrigens nicht aus dem Klub der Reichsten verbannt, weil sie an der 100-Millionen-Grenze gescheitert wären (so viel Vermögen nämlich ist nötig, um Eintritt in die Liste der 300 Reichsten zu finden). Vielmehr sind in diesem Jahr derart viele und vor allem interessante neue Reiche dazugekommen, dass uns nichts anderes übrig geblieben ist, als ein Streichkonzert zu veranstalten.

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Von den neuen Reichsten lebt jeder Vierte im Kanton Zürich. Kein Zufall, ist doch der wirtschaftlich stärkste Schweizer Kanton ein Magnet für Vermögende: Da wohnen von den 300 Reichsten deren 65, die Güter von 36,6 Milliarden Franken besitzen. Davon ist lediglich jeder Vierte ein Ausländer. Ein anderes Bild zeigt sich im Kleinkanton Genf: Dort domizilieren 47 Reichste mit einem Gesamtvermögen von 54,1 Milliarden. Gegen zwei Drittel sind Ausländer! Im Waadtland wohnen, im Vergleich zum Nachbarkanton, relativ wenige Reiche; doch die 35 sind – mit total 72,9 Milliarden – enorm reich.

Ausgerechnet in Genf und im Waadtland, ausgesprochenen Hochsteuergebieten, konzentriert sich mehr als ein Drittel des Vermögens der 300 Reichsten. Allerdings ist es gang und gäbe, dass gerade steuerschwache Kleinstgemeinden im Genferseegebiet begüterte Ausländer mit Steuerpauschalen den Zuzug schmackhaft machen. In den traditionellen Tiefsteuerkantonen Zug und Schwyz dagegen sind nur wenige Gemeinden zu Steuerabkommen bereit. Das Resultat: Zug hat magere 14 Reichste mit 20,0 Milliarden, Schwyz gar nur 9 mit 14,2 Milliarden Franken Vermögen vorzuweisen.

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Im vergangenen Jahr hat BILANZ die 300 Reichsten nicht mehr nach Vermögensklassen, sondern nach zwölf Gruppen geordnet. Diese Kategorisierung ist, so schliessen wir aus Leserreaktionen, sehr gut angekommen. In diesem Jahr haben wir die Unterteilung noch etwas verfeinert: Neu sind die Kategorien Politiker sowie Stiftungen dazugestossen.