Wer meint, dass der Name Fleurier nicht weit genug trage für einen Qualitätsstempel, erliegt einem fundamentalen Irrtum: «Qualité Fleurier» ist kein Heimatstempel, der einzig einem kontrollierten Regionalerzeugnis vorbehalten bleibt wie beim Poulet de Bresse, bei dem Sisteron-Lamm, dem Angus Beef oder bei der Genfer Punze für die in Genf gefertigten Qualitätsuhren. Der Akzent liegt vielmehr auf dem Qualitätsausweis. Jeder in Europa, der eine Uhr unter Respektierung der Qualité-Fleurier-Bedingungen herstellt, kann sie in Fleurier zertifizieren lassen. So könnte also beispielsweise eine im sächsischen Glashütte gefertigte Lange & Söhne oder eine Uhr aus dem Hause Chanel jederzeit das Qualité-Fleurier-Gütesiegel für sich beanspruchen.

Bis dahin ist es freilich ein längerer Weg. In der Praxis vergehen darüber zwei Jahre. Das Garantielabel ist ausdrücklich in Serie gefertigten Uhren mit mechanischem Werk aus der Schweiz oder Europa vorbehalten.

Zunächst muss die Zuverlässigkeit eines Modells vorgängig attestiert worden sein, und dafür muss es den Chronofiable-Test bei Dubois in La Chaux-de-Fonds erfolgreich bestanden haben.

Ausserdem muss das Werk ein Chronometer sein, das heisst einen individuellen Gangschein der Chronometerprüfstelle erhalten haben. Natürlich nur nach vorgängiger Prüfung und genauer Notierung der Gangwerte.

Und schliesslich muss die Uhr den technischen Kriterien der Fondation Qualité Fleurier entsprechen, wobei unter anderem vorgeschrieben ist, das Gehäuse individuell zu nummerieren.

Die Prüfstelle in Fleurier ist im Stadthaus untergebracht. Dort werden die Uhren eingeliefert. Bevor er sich an die weiteren Tests macht, prüft der Experte, derzeit Olivier Pedretti, ob alle formalen Voraussetzungen erfüllt sind.

Danach begutachtet er Werk und Uhr eingehend auf Bearbeitungsspuren bei der Herstellung. Sie sind nur dann statthaft, wenn andernfalls die technische Zuverlässigkeit beeinträchtigt wäre. Bis auf Plastik sind alle Werkstoffe zulässig. Weiter sind etwa die Platinen zu dekorieren, die Steine zu olivieren und die Kanten zu brechen, wie es einfach den strengen Qualitätsansprüchen und den von der Gebrauchssicherheit abgeleiteten ästhetischen Kriterien der Feinmechanik entspricht.

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Der abschliessende Test simuliert in einem computergesteuerten 24-Stunden-Programm die Belastung einer Armbanduhr während eines vollen Tages. Eine mit dem Computer gekoppelte Kamera prüft eine allfällige Gangabweichung. Als Referenz dient die GPS-Zeit.

Ins Leben gerufen wurde die von einer Stiftung getragene Qualitätspunze vor fünf Jahren. Treibende Kraft hinter der «FQF La Haute Horlogerie Certifiée», wie die Qualitätsbezeichnung offiziell heisst, war Chopard-Besitzer Karl-Friedrich Scheufele. In Michel Parmigiani und Bovet-Chef Pascal Raffy fand er tatkräftige Unterstützung. Die drei bilden heute den Stiftungsrat zusammen mit ihren technischen Direktoren und dem Präsidenten der Stiftung.

Der Trend geht eindeutig in Richtung der Zertifizierung. Wurden in früheren Zeiten nicht einmal die Hälfte der in Genf hergestellten Uhren gepunzt, tragen heute 90 Prozent aller neu lancierten Modelle das Qualitätszeichen.