100 Millionen Franken beträgt der Mindesteintrittspreis in die BILANZ-Liste der 300 Reichsten. Eine offensichtliche Lappalie für jemanden wie Hans Widmer, den einstigen Chef des Oerlikon-Bührle-Konzerns, der vor Jahresfrist in der Kategorie «400 bis 500 Millionen» figurierte. So viel repräsentierten damals die 26,4 Prozent Aktienkapital, die er an der in Horgen ZH domizilierten Schweiter Technologies hält. Mittlerweile indes ist der Wert seines Anteils am weltweit führenden Spulmaschinenherstellers auf vergleichsweise geradezu armselige 38 Millionen Franken geschmolzen. Das reicht nicht mal mehr für einen Stehplatz bei den BILANZ-Reichsten. Widmers Kommentar: «Das eine hat mir nichts bedeutet, und auch das andere bedeutet mir nichts.»

Ein Fall von Realitätsverlust? Ganz im Gegenteil: Der grösste Einzelaktionär und Verwaltungsratspräsident von Schweiter Technologies mag einfach nicht einstimmen in die allgemeine Aufgeregtheit wegen der Verluste am Roulettetisch des Börsenkasinos: «Für mich geht es in erster Linie darum, wie es substanziell um das Unternehmen bestellt ist.» Seine Überzeugung: «Ich stelle fest: Das Unternehmen ist gesund, und das wird sich positiv auf die Aktienkurse auswirken.»

Hans Widmer ist mit seinem Schicksal keineswegs allein. Total mehr als 40 Milliarden Franken ärmer wurden die Verlierer unter den in der BILANZ-Liste aufgeführten 300 Reichsten innerhalb eines einzigen Jahres. Gewinner gab es nur wenige; sie legten um rund 10 Milliarden zu, sodass unter dem Strich ein gigantischer Gesamtverlust von 30 Milliarden bleibt. Verluste eingefahren haben manche angestammten Grossaktionäre und Familien, deren Unternehmen in den allgemeinen Abwärtssog der Börse gerieten. Unter die Räder gekommen sind aber vor allem – wen erstaunt es? – die noch vor kurzem heftig beklatschten Wunderkinder der New Economy.

Vor Jahresfrist präsentierte BILANZ diese Aufsteiger als «The Golden Boys». Thomas Matter, CEO von Swissfirst, schlägt mit süffisantem Unterton vor, den jetzt fälligen Abgesang «The Fallen Boys» zu betiteln. Auch der Zürcher Bankengründer hat Federn lassen müssen: Auf dem Höhepunkt waren die 23 Prozent, die er an der am SWX New Market kotierten Swissfirst besitzt, 240 Millionen Franken wert – jetzt sind es noch 170 Millionen. Im krassen Gegensatz zur schwer angeschlagenen Think Tools hat Swissfirst jedoch ein Glanzjahr hinter sich. Die Millionen Franken, die Matters Beteiligung an Wert verloren hat, stehen als Beispiel für all jene Unternehmen, die von der Börse abgestraft worden sind, obwohl sie vergleichsweise erfolgreich wirtschaften.

Umso mehr wären bei Matter Frustrationen zu erwarten. Doch er winkt ab: «Ich sehe keinerlei Grund für eine persönliche Missstimmung. Die verlorenen 70 Millionen sind für mich ebenso irrelevant wie die 240 Millionen, die ich vor einem Jahr besass. Da ich als Unternehmer nicht vorhabe, meinen Anteil an Swissfirst erheblich zu verringern oder gar zu verkaufen, geht es um reine Buchverluste.» Ganz abgesehen davon steht der CEO von Swissfirst vergleichsweise gut da: Der SMI hat im laufenden Jahr 25 Prozent verloren, die Banken sackten um 30 Prozent ab – Swissfirst gaben kaum 10 Prozent nach. «Wäre mein Geld nicht in meinem Unternehmen angelegt, hätte ich erheblich schlechter abgeschnitten», sagt er.

Das kann Peter Grogg nicht behaupten. Der Börsenwert des von ihm gegründeten Biochemieunternehmens Bachem stürzte innert Jahresfrist von nahezu zwei Milliarden Franken auf eine Milliarde ab. Auch das Vermögen des Präsidenten und Delegierten des Baselbieter Unternehmens, der 50,4 Prozent der Aktien hält, halbierte sich – mehr als eine halbe Milliarde hat sich in Luft aufgelöst. Draussen ist die Luft bei Bachem deshalb keineswegs, das Unternehmen floriert. Und auch Peter Grogg gibt sich nicht aufgelöst, sondern betont nüchtern: «Gewinne und Verluste mit Aktien kommen nur bei deren Realisierung zum Tragen. Persönlich habe ich weder die vorherigen grossen Gewinne noch die Verluste realisiert und besitze heute mehr Aktien als vor dem Börsengang. Wichtig für mich ist, dass sich das Unternehmen weiterhin positiv entwickelt.» Bachem erwartet in den kommenden fünf Jahren eine Steigerung von Umsatz und Ertrag um jeweils 15 bis 20 Prozent. «In einem besseren Umfeld», so Grogg, «werden sich die Aktienkurse wieder an der positiven Entwicklung des Unternehmens nach oben orientieren.»

Diese Haltung teilt auch Thomas Matter: «Swissfirst wird dieses Jahr den Gewinn trotz dem widrigen Umfeld um 20 Prozent steigern, und in den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir jährlich 20 Prozent wachsen.» Für ihn ist klar, dass «wieder in Aktien investiert wird, wenn sich das Umfeld normalisiert und die Kurse entsprechend anziehen. Auch gute Unternehmen haben in den letzten Monaten gelitten. Nachdem sie an der Börse im Vorjahr teilweise massiv zu hoch bewertet waren, sind sie jetzt zu tief eingestuft.» Matters Schluss: «Ich lasse mich von der Situation nicht beirren, mich interessiert der langfristige Erfolg.» Er ist damit in Übereinstimmung mit Peter Grogg, der auch wenig von Hüst und Hott hält: «Aktien an qualitativ guten Unternehmen in Wachstumsbranchen soll man langfristig halten.»

Und wenn sich das Unternehmen denn doch als «etwas weniger gut» als von den Analysten an der Cüpli-Bar während der Boomphase errechnet erweisen sollte? Täglich eine warme Mahlzeit müsste sich Albrecht von Müller zeit seines Lebens problemlos leisten können: Satte 35 Millionen Franken spülte das IPO von Think Tools am 24. März 2000 in die private Schatulle des Firmengründers, gut und gern 30 Millionen ist sein Aktienpaket am Zürcher IT-Unternehmen derzeit wert. Auf dem Höhepunkt des Hypes um eine angeblich genialische Software verkörperten die 55,3 Prozent, die von Müller an Think Tools hält, allerdings noch einen Gegenwert von beinahe zwei Milliarden Franken. Mittlerweile ist die Börsenkapitalisierung des Unternehmens auf 60 Millionen Franken abgemagert – und Albrecht von Müller dürfte nicht nur das Platzen des Schweizer Vorzeigeballons der New Economy, sondern auch das sich mittlerweile abzeichnende juristische Dessert ganz gehörig den Appetit verdorben haben.

Mager war das Börsenjahr nicht nur für Zauberer wie von Müller, sondern auch für angestammte Unternehmer und Grossaktionäre. André Kudelski beispielsweise, der mit seiner Familie 64 Prozent am Waadtländer Technologieunternehmen Kudelski hält, verlor innert eines Jahres 1,75 Milliarden Franken. Er teilt sein Schicksal mit Swatch-Patron Nicolas Hayek (–1,75 Milliarden). Etwas weniger massiv, aber immer noch milliardenteuer wurden die Bankiersfamilie Vontobel (–1,25 Milliarden), die Mediendynastie Coninx (–1,01 Milliarden) und Autoimporteur Walter Haefner (–1 Milliarde) gebeutelt. Apropos Familie: Die Geschwister Hortense Anda-Bührle und Dieter Bührle, Grossaktionäre von Unaxis, kostete der Absturz des ehemaligen Börsengeheimtipps je rund 500 bis 600 Millionen Franken.

Brutal gebeutelt wurden an der Börse vor allem die in der Phase des Hypes kotierten Unternehmen des SWX New Market und mithin ihre Gründer und Manager. Das zeigen folgende Beispiele: Der 22,3-Prozent-Anteil von Bruno Richle an Crealogix sackte innert eines Jahres von 46,5 auf 8,9 Millionen Franken ab; die 17,8 Prozent, die Jean Pfau an Swissquote besitzt, sind statt einst 28,7 gerade noch 6,9 Millionen Franken wert; Heinz Kluppenegger verlor mit seinem Anteil von 14,3 Prozent an EMTS 10 Millionen Franken; die 31,3 Prozent, die Adel Michael an 4M Technologies hält, entwerteten sich von 31,5 auf 2,2 Millionen Franken; und Venture-Capitalist Peter Friedli baute sein Engagement bei E-Centives von 33,8 auf 22 Prozent ab, während dessen Wert von 100 auf 3,6 Millionen Franken schmolz. Dass Friedlis an der Börse kotiertes Finanzierungsvehikel New Venturetec vor Jahresfrist 6,2 Prozent der Aktien von Think Tools besass, dürfte dem bekanntesten Schweizer Risikokapitalisten ebenfalls erheblich Kummer bereitet haben: Der innere Wert einer Aktie von New Venturetec schrumpfte von 90 auf 39 Franken per Ende September, der Kurs stürzte gemäss dem Internet-Finanzportal Moneycab von 150 auf 30 Franken ab.

Da kann der Alleinmanager nur noch darauf verweisen, dass der innere Wert seit dem Start 1997 pro Jahr in Dollars um 9 Prozent zugelegt habe – was allerdings weit vom angestrebten Bereich von 20 bis 25 Prozent entfernt liegt. Immerhin: Schliesslich schaffte Peter Friedli den Ausstieg auch bei Think Tools. Im Januar und dann noch im September verkaufte er die Beteiligung am ehemaligen Börsenstar, der zeitweise ebenfalls den Kurs von New Venturetec auf das Fünffache hochschnellen liess. Alles in allem schaute nach dem Absturz von Think Tools noch eine Rendite von fünf Prozent auf diesem Investment heraus – bitter angesichts der hochfliegenden Erwartungen, aber deutlich mehr, als wenn Friedli sein Geld auf einem Bankbüchlein deponiert hätte.

Stur buchhalterisch betrachtet, wäre das Vermögen von Thomas Straumann dieses Jahr wohl am besten unter seiner Matratze aufgehoben gewesen. 43,6 Prozent der Aktien besitzt er an der Straumann-Gruppe, die im Bereich des implantatgestützten Zahnersatzes und der operativen Knochenbruchbehandlung im Kiefer- und Schädelbereich tätig ist und im Mai 1998 am SWX New Market kotiert wurde. Von damals 250 Millionen Franken schnellte der Börsenwert des in Waldenburg BL beheimateten Unternehmens auf zwei Milliarden im Jahr 2000, im Lauf dieses Jahres stürzte der Kurs des Titels um rund 50 Prozent ab. Der Verwaltungsratspräsident des erfolgreichen Familienbetriebes lässt sich davon nicht irremachen: «Es ist mir ziemlich gleichgültig, ob mein Aktienpaket einige Hundert oder zehn Millionen Franken wert ist, denn ich trage mich keineswegs mit dem Gedanken, meinen Anteil zu verkaufen», sagt Thomas Straumann. Viel wichtiger ist ihm die langfristig positive Entwicklung des Unternehmens – «und an die glaube ich». Straumann verfüge über gute Produkte und ein gutes Marketing. «Wenn das gesamtwirtschaftliche Umfeld stimmt, wird auch der Kurs unserer Aktien wieder stimmen.»

Das Tagesgeschäft lässt sich Thomas Straumann deshalb nicht von den Kursschwankungen diktieren: «Selbstverständlich schielt man zuweilen mit dem linken Auge auf die Börse, aber man darf sich als Unternehmer in seinen Entscheidungen nicht zu sehr davon beeinflussen lassen. Erfolg bringen kann nur eine langfristig ausgerichtete Strategie.»

Bemerkenswert ähnlich sind sich die Ansichten zu diesem Thema: «Ein Unternehmer wäre schlecht beraten, wenn er sich von den kurzfristigen Zielen der Finanzmärkte beeinflussen lassen würde», sagt der Bachem-CEO und -Verwaltungsratspräsident Peter Grogg. Und Tor Peters, CEO des Medizinaltechnikunternehmens Jomed, meint: «Selbstverständlich ist es uns wichtig, dass die Shareholder einen Payback bekommen. Aber im operativen Geschäft dürfen wir uns unsere Entscheidungen keineswegs vom Aktienkurs diktieren lassen, sondern müssen unsere Entscheidungen an unseren strategischen Zielen ausrichten. So wird Jomed führend in einem Wachstumsmarkt bleiben – und das nützt langfristig auch unseren Aktionären.»

So gesehen erstaunt es kaum, dass der private Verlust des letzten Jahres Peters wenig kümmert: Der CEO des in den Niederlanden beheimateten Unternehmens mit Produktionsstandort Beringen SH hält als grösster Aktionär 16,7 Prozent der Titel. Vor Jahresfrist war dieses Engagement 540 Millionen Franken wert, am Stichtag der Reichstenliste von BILANZ gerade noch 170 Millionen. Als Jomed im April 2000 am SWX New Market kotiert wurde, betrug der Ausgabepreis 42 Franken, dort steht die Aktie nach einem Höhenflug und einem Absturz auch jetzt wieder. Das findet der CEO angesichts des Gesamtmarktes «nicht toll, aber, verglichen mit vielen anderen Unternehmen, eine durchaus beachtliche Performance».

Wie die Allerreichsten im Land ihre finanziellen Zukunftsaussichten werten, ist nicht bekannt. Zwar werden die beiden Familienstämme Hoffmann und Oeri-Hoffmann auch heuer kaum auf einen Weihnachtsbraten verzichten müssen, da ihr kumuliertes Vermögen noch immer gut zehn Milliarden Franken beträgt. Doch der Verlust von vier Milliarden Franken in einem Jahr dürfte in der Roche-Dynastie denn doch für das eine oder andere besorgte Stirnrunzeln gesorgt haben. Vier Milliarden haben sich in Luft aufgelöst: ein Absturz einfach so aus heiterem Himmel? Verluste in derartigen Dimensionen schienen in der Schweiz noch bis vor kurzem undenkbar. Mittlerweile wissen selbst Kleinanleger, dass auch solche Beträge relativ sind.


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