Die einen Menschen lagern ihr Geld unter der Matratze, die anderen legen es oberhalb an. Einer davon ist der amerikanische Golfprofi Tiger Woods, der kürzlich ein mit Eiderdaunen gefülltes Duvet made in Switzerland erworben hat. Er gehört damit zu den «typischen Eiderdaunen-Kunden, die bereit sind, für einen erholsamen Schlaf nur das beste Füllmaterial zu erstehen», wie Sonja Jasper-Venema vom Verband Schweizer Bettwarenfabrikanten sagt.

Schon der Name des edelsten und teuersten aller Füllgüter lullt ein: Die Eiderente heisst wissenschaftlich Somateria mollissima. Die Preise von rund 6000 Franken und mehr für ein Ganzjahresduvet sind weniger einschläfernd, doch das tut der Nachfrage keinen Abbruch: sie steigt.

Inbegriff für Luxus im Bett

Eiderdaunen gehören zu den seltensten und kostbarsten Rohstoffen und sind der Inbegriff für Luxus im Bett. Wer ihre Eigenschaften beschreibt, kommt um Superlative nicht herum: Sie sind ultraleicht, besonders fluffig und allerweichst. Im Gegensatz zu herkömmlichen Daunen sind Eiderdaunen nicht lose, sondern sie verketten sich zu luftigen Häufchen mit hervorragenden wärmeisolierenden Eigenschaften.

Common eider duck (Somateria mollissima)  nest containing three eggs with people collecting down feathers, Aedey Island, Iceland, June 2007.

Kostbares Füllmaterial: Nachdem die Nester der Eiderenten verlassen worden sind, werden sie eingesammelt und zu Duvets verarbeitet.

Quelle: 1

Die Federchen kommen an den unwirtlichsten Gegenden vor, namentlich an der Küste Islands. An den Brutplätzen zupft die Eiderente Flaum aus ihrer Brust, um ihren Küken ein warmes Nest zu bauen, in dem sie vor den bitterkalten Polarstürmen geschützt sind. Nachdem die Nester verlassen worden sind, wird der Flaum eingesammelt, bevor er vom Wind weggeweht wird.

Für eine Decke braucht es die Daunen von Dutzenden von Nestern. In Handarbeit werden sie gereinigt und sortiert und dann in Bettwarenfabriken, auf Hundertstelgramm abgewogen, in feinste Seidenbezüge gefüllt. So sorgen sie in den Betten für Kuschel-Komfort ohne schlechtes Gewissen: Die Gewinnung der Daunen – jährlich sind es je nach Brutverhalten zwischen 1500 und 3000 Kilo – ist reglementiert, und die Eiderente steht weltweit unter Schutz.

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Boomende Schlafindustrie

In der Leistungsgesellschaft ist Schlaf ein kostbares Gut, in das viel Geld investiert wird. Mehr denn je misst sich die Qualität des Tages an der Qualität der Nacht. Wir liegen rund ein Drittel unseres Lebens im Bett – nur leider auch immer länger wach. Schlaflosigkeit gilt als Volksleiden, das vom Bundesamt für Statistik erfasst wird: Ein Viertel der Bevölkerung kämpft mit Schlafstörungen; acht von zehn Personen nehmen Medikamente ein, um schlafen zu können. Stress bei der Arbeit gehört zu den grössten Risikofaktoren.

«Schlafen fördert das Selbstvertrauen»

Marcel Burkard, Somnologe der KSM Klinik für Schlafmedizin in Luzern, über den Faktor Schlaf.


Herr Burkard, mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?
Die meisten Patienten leiden unter Schläfrigkeit am Tag oder Schlaflosigkeit. Insgesamt gibt es aber rund 80 verschiedene Schlafstörungen.

Haben die Störungen zugenommen?
Ja, etwa ein Viertel der Bevölkerung leidet unter Schlafstörungen. Der Alltag in unserer Leistungsgesellschaft ist anspruchsvoller geworden. Stress führt dazu, dass die Menschen schlechter schlafen.

Wie verbreitet sind Schlafstörungen bei Wirtschaftsführern?
Die Erfahrung zeigt, dass sie ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen haben, weil sie mehr Verantwortung und ein höheres Arbeitsvolumen haben.

Wie können Sie ihnen helfen?
Kognitive Verhaltenstherapie und Medikamente sind erwiesenermassen wirksam. Aus Zeitgründen bevorzugen viele Manager Schlafpillen.

Fördert ausgeschlafen sein den beruflichen Erfolg?
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Schlafmangel das Selbstvertrauen beeinträchtigt. Umgekehrt fördert Schlafen das Selbstvertrauen, was ein wichtiger Erfolgsfaktor ist. Menschen, die gut schlafen, sind auch produktiver, weniger krank und machen weniger Fehler.

Teure Boxspringbetten versprechen besseren Schlaf. Halten sie das, was sie versprechen?
Boxspringbetten haben Vorteile, vor allem wenn man zu zweit darin schläft, weil sie weniger Vibrationen weiterleiten. Am Ende sollte man sich aber dafür entscheiden, wo man sich am wohlsten fühlt, egal ob Futon oder Boxspringbett.

Also nicht je teurer, desto besser?
Sicher nicht. Man kann auch auf einer billigen Matratze gut schlafen.

Ist es überhaupt sinnvoll, sich mit dem Schlaf zu beschäftigen?
Aufmerksamkeit ist generell nicht schlafförderlich, denn sie bedeutet Wachheit. Die Menschen, die sich am wenigsten mit dem Schlaf befassen, sind wohl die besten Schläfer.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gut schlafen können?
Ich stehe auf und blättere entspannt in einem Buch. Wenn man länger als gefühlte 20 Minuten wach liegt, sollte man sich vom Bett entfernen. So kann sich der Körper nicht daran gewöhnen, wach im Bett zu liegen.

Ihr bester Tipp für einen gesunden Schlaf?
Neben den allgemeinen Regeln der Schlafhygiene und viel Bewegung möchte ich speziell das Tageslicht erwähnen: Leute, die wenig Tageslicht haben, neigen dazu, Schlafstörungen zu entwickeln. Das hängt mit der lichtabhängigen Regulation des Schlafhormons Melatonin zusammen. Mein wichtigster Rat lautet darum, sich möglichst viel dem Tageslicht auszusetzen.

Um diese Menschen kümmert sich eine wachsende Industrie und macht aus einem an sich profanen biologischen Grundbedürfnis wie dem Schlaf ein Luxusprodukt mit Schlafkliniken, Schlafwochen, Schlaffestivals, Schlafcoaches, Schlafzimmerberatern, Schlaferlebnissen, Schlafstudien, Schlafbrillen und Schlaf-Apps. Auch dieses Jahr erfolgte der Weckruf der Anbieter pünktlich zum Beginn der kälteren Jahreszeit: Mit viel Aufwand wird der intimste Raum im Haus zum Zentrum von Behaglichkeit und Komfort hochstilisiert, das für einen makellosen Schlaf garantieren soll.

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Heute gilt das Motto: «Wer hart arbeitet, muss auch schlafen.»

Spätestens seit sich Amazon-Chef Jeff Bezos und Microsoft-Gründer Bill Gates als Langschläfer bekannt haben, gehört es auch in Wirtschaftskreisen zum guten Ton, sich genügend Zeit für nächtliche Ruhe zu gönnen. Noch vor Kurzem brüsteten sich die Manager damit, nach vier Stunden Nachtschlaf Höchstleistungen erbringen zu können, heute gilt eher das Motto: «Wer hart arbeitet, muss auch schlafen.»

«Die Menschen legen zunehmend Wert auf ihre Gesundheit und denken dabei nicht nur an Essen und Sport, sondern auch an ihren Schlaf», sagt Ferit Avci, Geschäftsführer der Schweizer Bettenmanufaktur Schlossatelier. Das Unternehmen hat einen Showroom an bester Lage in der Zürcher Innenstadt, der schwedische Nobelanbieter Hästens und die Westschweizer Edelmanufaktur Elite sind nur wenige Schritte entfernt. Alle drei buhlen um die wachsende Kundschaft, die ihren Schlaf mit handgefertigten Matratzen und Boxspringbetten aus edelsten Naturmaterialien Schicht für Schicht optimieren will. Schlechte Nächte sind gut für die Geschäfte.

Sie profitieren vom Trend zu Massanfertigungen, der auch die Bettenherstellung erfasst hat. Die Rede ist vom «Massanzug im Schlafbereich». Unter dem Etikett «tailor-made» oder «customized» gibt es exakt auf Kundenbedürfnisse zugeschnittene Betten. In Schlafkabinen werden Liegeprofile von Kunden erstellt und Unterlagen darauf abgestimmt, je nachdem mit Schulter- und Nacken-Entspannungszone, verstärkter Gesässpartie, individueller Klimaregulierung und Luftzirkulation.

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Es geht auch nicht mehr um simple Betten, sondern um Bettautomaten oder Bettsystemen, die auf Knopfdruck oder übers Handy in verschiedene Wohlfühl-Positionen surren, mit verstellbaren Kopfund Fussteilen, Knie-Support und Massage-Funktion. Netzfreischaltung stellt die elektromagnetischen Felder ab, die ebenfalls den Schlaf beeinträchtigen können.

Bei Schlossatelier werden Matratzen und Betten nach Kundenwünschen von Hand gefertigt.

Bei Schlossatelier werden Matratzen und Betten nach Kundenwünschen von Hand gefertigt.

Quelle: ZVG

Geheimfach statt Chemie

Die Personalisierung führt dazu, dass Matratzen und Betten vermehrt ganz persönliche Geheimnisse bergen. Einzelanfertigungen von Schlossatelier bieten spannende Einblicke in die Dunkelkammern der Bevölkerung. Firmenchef Avci spricht von «verrückten Ideen», mit denen Kundinnen und Kunden zu ihm kämen, und scherzt: «Ich warte nur darauf, bis wir ein Bett herstellen sollen, das in der Luft schwebt.» Die meisten Kunden seien «gesundheitsbewusste Designliebhaber, die sich selber etwas Gutes tun wollen». Neben der Ästhetik stünden der Anspruch auf eine Matratze ohne Chemie oder Klebstoffe und der Wunsch nach einem gesunden Schlaf im Vordergrund.

Einmal wünschte ein Kunde ein Bett mit den Massen vier auf vier Meter, ein anderer liess sich einen Kühlschrank für eine Minibar installieren, ein dritter verlangte ein drehbares Bett. Recht häufig wird der Einbau von Geheimfächern verlangt, in denen dann Geld, Gold oder manchmal auch Waffen verstaut werden. Das teuerste Bett, das Schlossatelier je hergestellt hat, kostete 129 000 Franken, es ruhte auf vergoldeten Füssen und hatte einen SOS-Knopf. Bei den Matratzen wurden auch schon Modelle mit edlen Wollsorten wie Vikunja oder eine Federwerkkonstruktion mit 14 Lagen Taschenfederkern verbaut.

Die Preise für komplette Boxspringbetten von Schlossatelier beginnen bei rund 6000 Franken und sind nach oben offen. Schweizer Kunden geben gemäss Avci bei Schlossatelier im Schnitt zwischen 10 000 und 20 000 Franken für ein Bett aus, deutlich weniger als in anderen Ländern wie Russland und den Arabischen Emiraten oder Ländern in Asien. Die Matratzen und Topper werden in Zürich-Schlieren von Hand gefertigt, die Kopfteile kommen aus einer türkischen Jachtpolsterei.

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Matratze für 6000 und 15 000 Franken

Bis weit ins Mittelalter hinein schliefen die meisten Menschen auf Fellen oder einfachen Strohsäcken neben einer Feuerstelle – der Besitz eines eigenen Bettes blieb lange ein Luxus für Royals oder Adlige. Heute stehen auch in gewöhnlichen Schlafzimmern Betten mit Namen wie «Marquess Superb» oder «Grand Cru». Die exklusivste Matratze des Schweizer Traditionshauses Elite heisst «Maestro», besteht unter anderem aus fünf Lagen Taschenfedern, über 2000 Taschenfedern pro Quadratmeter, blondem Pferdeschweifhaar, Alpaka-Wolle, Kamelwolle, Tussah-Seide und Kaschmir. Kostenpunkt: zwischen 6000 und 15 000 Franken.

Bettwäsche von White+

Die blütenweisse Bettwäsche von White+ orientiert sich an Luxushotels und lässt sich personalisieren.

Quelle: ZVG

Die in Mode gekommenen Boxspringbetten sind mit ihrer Opulenz von Luxushotels inspiriert. «Zu Hause schlafen wie in einem tollen Hotel» – nach diesem Motto hat auch Franziska Edelmann ihre Bettwäsche erschaffen. Mit ihrem Zürcher Start-up White+ versucht sie sich, neben etablierten Schweizer Anbietern wie Fischbacher oder Schlossberg, im Premiummarkt breitzumachen.

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Wie in Luxushotels ist der Stoff – extra langstapelige Baumwolle aus Italien – immer blütenweiss, je nach Stil aber abgesetzt mit farbigen Details wie Paspelbändern, Ziernähten oder Schleifen in Akzentfarben. Auch das Geschäftsmodell von White+ basiert auf Personalisierung: Die Kundschaft kann die Bettwäsche online aus vier verschiedenen Stilen, zwei Stoffen, diversen Akzentfarben und Grössen zusammenstellen.

Die kontinuierliche Erweiterung der Komfortzone Schlafzimmer eröffnet viele neue Geschäftsmöglichkeiten. Ein aufstrebendes Label sorgt derzeit gerade mit pflegenden Ölen und Cremes, Badesalzen, Kerzen und Kissendüften für Aufsehen. Es widmet sich ausschliesslich der Vorbereitung der Nachtruhe und der Förderung des Schlafs ohne Chemie.

Die Firmengründerin litt selber an Schlafstörungen durch zu viele Termine, Abschlussfristen und Jetlags und entwickelte aus ihrer Not ihre eigene Linie zur nächtlichen Regeneration, die sie jetzt mit Erfolg verkauft. Der Name der bereits preisgekrönten, tiefschwarz verpackten Produkte ist Programm: «Kiss the Moon».

Dieser Text erschien in der November-Ausgabe 11/2019 der BILANZ.