Es ist das Wahrzeichen des Unterengadins: Inmitten zerstreuter Weiler und 100 Meter hohen Felsen thront majestätisch das 1040 erbaute Schloss Tarasp und wacht über die Region. Jedes Jahr zieht es rund 14'000 Besucher aus aller Welt an. Doch seine Besitzer, die zum deutschen Adel gehörende Familie von Hessen, wollen schon seit Jahren das kostenaufwendige Eigentum veräussern.
 
Nun scheint ein Käufer gefunden: Der international bekannte Künstler Not Vital, der aus dem nahen Sent stammt, soll Medienberichten zufolge das imposante Bauwerk gekauft haben – für angeblich 8 Millionen Franken. Damit würde nach fast 100 Jahren die deutsche Adels-Historie im Unterengadin enden.

Verkauf ist keine Überraschung 

Bereits im Jahr 1916 ging das Schloss in den Besitz des Grossherzogs Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt. Zuvor hatte der Deutsche Karl August Lingner, der Erfinder des Mundwassers Odol, die Burganlage bis zu seinem Tod aufwendig renoviert.
 
Dass das Haus Hessen das Schloss nun verkauft, überrascht nicht. Vielmehr sorgt der Kaufpreis für Überraschung:  Bei einem ersten Verkaufsversuch im Jahr 2003 verlangte die Adelsfamilie für ihr Schloss samt See und acht Hektar Gelände noch 30 Millionen Franken – und blieb auf ihrem Anwesen sitzen. 

Internationales Kunstzentrum 

Fünf Jahre später und für 15 Millionen Franken weniger schloss das Haus Hessen einen Kaufrechtsvertrag mit der Gemeinde Tarasp ab. Die Gemeinde verpflichtete sich darin zudem, für dringende Unterhaltsarbeiten jährlich 75’000 Franken bereitzustellen.
 
Nun soll der Kaufpreis für das Schloss Berichten zufolge bei 8 Millionen Franken liegen. Und der neue Besitzer hat auch schon konkrete Pläne. So will Vital einerseits den konventionellen Schlossbetrieb mit öffentlichen Führungen aufrechterhalten. Hierfür sei auch künftig die im Jahr 2010 gegründete Stiftung Pro Chastè da Tarasp zuständig. Zum anderen möchte der Bildhauer und Maler das Schloss Tarasp in ein internationales Kunstzentrum umwandeln - auch der Schlosspark und der See sollen im Konzept integriert werden.

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Urnenabstimmung am 13. September 

Wie der Kauf finanziert wird, ist nicht bekannt. Angeblich sei die Hälfte bereits durch Bankhypotheken gesichert, heisst es. Gegenwärtig werde nun der Kaufvertrag ausgearbeitet. Doch wirklich fix ist das Geschäft noch nicht. Erst bedarf es noch der Zustimmung der Gemeinde Scuol, zu der Tarasp gehört. Denn kommt der Vertrag tatsächlich zustande, verpflichtet sich Scuol  ihrerseits dazu, über 15 Jahre einen jährlichen Betrag von 200’000 Franken für die Betriebskosten des Schlosses zu leisten. So will es offenbar der Künstler.
 
Am 13. September wird darüber an der Urne abgestimmt. Vielleicht schafft es die Adelsfamilie dann endlich, sich von ihrer ungeliebten Immobilie zu befreien.