Als Charles Wells im Juli 1891 in Monte Carlo ankam, lief es in der lokalen Spielbank nicht allzu rund. Umsatz und Rendite waren unter Budget.

Am ersten Tag spielte Wells mit einem Startkapital von 100 000 Francs elf Stunden lang Roulette und gewann 250 000 Francs. Der zweite Tag lief ähnlich gut, am dritten verlor er 50 000. Am vierten Tag kam seine grosse Serie. Er sprengte zwölfmal die Bank und gewann eine halbe Million Francs. Wells wurde unsterblich durch Fred Gilberts Song «The Man Who Broke the Bank at Monte Carlo».

In Wirklichkeit ist es gar kein besonderes Ereignis, wenn jemand die Spielbank sprengt. Es bedeutet im Grunde nur, dass dem Tisch vorübergehend die Jetons ausgehen, weil ein grosser Einsatz erfolgreich war. Dann werden eben im Kassenraum neue Jetons geholt. Ein Vorgang, der auch heute in Casinos regelmässig und unspektakulär vorkommt.

Die Marketingmanager von Monte Carlo hingegen machten 1891 aus Wells’ Serie ein gezieltes Spektakel. Nach jedem seiner zwölf Coups deckten sie den Tisch zeremoniell mit schwarzen Tüchern ab und sorgten für gebührende mediale Verbreitung dieses Bildes. In der Folge erlebte Monte Carlo einen unglaublichen und nachhaltigen Boom, der auch auf die anderen Spielbanken Europas übersprang. Zu Zehntausenden strömten die Bürger in die Casinosäle.

Die Episode Wells – und noch mehr ihr basisdemokratischer Masseneffekt – ist darum interessant, weil sie aufzeigt, warum Menschen ein Spielcasino betreten. Sie tun es, um auf leichte Art Geld zu verdienen.

Das mag nun keine allzu aufregende Erkenntnis sein, bemerkenswert ist aber, dass sie dennoch vollkommen mit den Aussagen der Casinobesucher kontrastiert. Fragt man diese nämlich nach ihren Motiven, redet kein Einziger von Geld. Man sagt: «Ich bin hier, um mich zu amüsieren.»

Das ist natürlich Quatsch, wie sich leicht nachweisen lässt. Wer sich unterhalten will, macht sich mit den Rahmenbedingungen dieser Unterhaltung vertraut. Niemand amüsiert sich in einem Fussballstadion, wenn er nicht weiss, wie Fussball gespielt wird. Und niemand amüsiert sich an einem Baccarattisch, wenn er nicht weiss, wie Baccarat gespielt wird.

Doch genau dies ist der Fall. Die meisten Spieler in Casinos haben keine Ahnung von den Regeln und der Strategie des Spiels. Paradebeispiel für diesen kollektiven Blackout sind jeweils die Black-Jack-Tische. Black Jack, ein rein statistisches Kalkulationsgame, wird von der grossen Mehrzahl der Casinobesucher mit einer Mischung von Intuition und Spontaneität gespielt – das Dümmste, was man tun kann. Also verlieren sie alle einen Haufen Geld. Und nennen das dann entschuldigend Amüsement.

Den Casinobetreibern ist diese verbreitete Ignoranz natürlich noch so recht. Auch die Schweizer Casinos, die in den nächsten Monaten endlich ihre Roulette-, Baccarat- und Black-Jack-Tables eröffnen dürfen, leben nicht vom kleinen statistischen Vorteil der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der auf ihrer Seite steht, wie viele Laien meinen. Sie leben nicht davon, dass sie etwa beim Roulette kein Geld auf einfache Chancen wie Rot oder Schwarz ausbezahlen, wenn die Kugel auf Zero rollt, und dass ihnen dadurch ein langfristiger Gewinn von 2,7 Prozent zufällt.

Die Casinos leben davon, dass die Spieler das Spiel nicht können. Und das erst noch Amüsement nennen.

Wir wollen hier nicht in die Details gehen, aber es ist für jedes Casino natürlich eine helle Freude, wenn Spieler Todsünden begehen: etwa am Black-Jack-Tisch gegen eine Vier oder eine Fünf der Bank noch weitere Karten ziehen oder beim Roulette einzelne Zahlen teuer überspielen, statt auf Kombinationen zu setzen. (Ein tröstendes Aperçu für Kenner: Auch James Bond täuscht sich gelegentlich. In «Casino Royale» deckt er im Roulette die ersten zwei Dutzend mit je 100 000 Francs ab. Er gewinnt. Hätte er aber Manque und Sixaine gespielt, wäre sein Profit höher gewesen.)

Erstaunlich ist, dass im Leben ausserhalb des Casinos die meisten Spieler die Spielregeln sehr wohl lernen und kennen. Der grösste Wetteinsatz der Geschichte waren die zehn Milliarden Dollar, die George Soros 1992 darauf setzte, dass das englische Pfund fallen würde. Er gewann zwei Milliarden Dollar – und wir wollen mal davon ausgehen, dass er dieses Spiel einigermassen beherrschte. Dasselbe gilt auch für jeden Pensionskassenverwalter, der sehr wohl weiss, wie man sein Geld zu einem viertel Prozent besser anlegt. Kaum ist er hingegen in der Spielbank angelangt, ist er nicht mal im Stande, beim Baccarat finanzorientiert die Fünfen zu zählen.

Um zu verstehen, worum es in Casinos geht, müssen wir kurz die Ausgangslage theoretisch aufarbeiten: Was eigentlich ist Glücksspiel? Es ist eine Aktivität, bei der die Chance auf Erfolg bei unter 50 Prozent liegt. Liegt die Chance auf Erfolg bei über 50 Prozent, handelt es sich um eine Form von Investment.

Folglich stossen im Casino zwei Mentalitäten aufeinander: die Mentalität des Spielers gegen die Mentalität eines Investments, des Casinos nämlich. Der Spieler, angetreten mit einer Chance von unter 50 Prozent, wird langfristig immer verlieren und deshalb mit Intelligenz und Strategie nur den kurzfristigen Gewinn anstreben – und seine Chancen dazu stehen nicht schlecht, nämlich irgendwo zwischen 45 und 49 Prozent, wenn er das Spiel richtig spielt. Das Casino andererseits, angetreten mit einer Chance von über 50 Prozent, wird nur langfristig immer gewinnen und deshalb mit Intelligenz und Strategie den kurzfristigen Gewinn des Spielers verhindern wollen. Der Spieler also muss smart spielen, das Casino versucht diese Absicht psychologisch zu untergraben.

Für den Spieler bedeutet dies, dass er seine wahrscheinliche Chance in einer Spielsituation abschätzen lernt – oder wie der Diplomat und Spielexperte David Spanier sagt: «He has to know the odds.» Das ist nicht immer ganz einfach, wie folgendes Beispiel zeigt: Nehmen wir eine Familie mit, sagen wir, vier Kindern. Die chancenreichste Kombination, so würden die meisten Leute sagen, sind zwei Buben und zwei Mädchen. Das ist falsch. Zwei Buben und zwei Mädchen haben eine Wahrscheinlichkeit von sechs Sechzehnteln, also 37,5 Prozent. Eine 50-Prozent-Chance hat hingegen die Verteilung, wonach drei der vier Kinder demselben Geschlecht angehören.

Wer solche Denkart auf Black Jack oder Poker übertragen kann, wird seine Aussichten deutlich erhöhen und vor allem auf närrisches, weil allzu riskantes Spiel verzichten. Er wird beispielsweise wissen, dass die Chance, in den ersten drei Pokerrunden gleich zwei Asse zu bekommen, nur bei 76 zu 1 liegt, und sich entsprechend einstellen. Und er weiss, dass die Bank, die beim Black Jack eine Sechs zieht, sich mit 42-prozentiger Wahrscheinlichkeit, bei einer Fünf sogar mit 43-prozentiger Wahrscheinlichkeit überkauft.

Es ist darum wenig erstaunlich, dass viele Manager gute Spieler sind. Sie sind es aus ihren Unternehmen gewohnt, Risiken nüchtern zu analysieren, ebenso sehr aber auch, Risiken einzugehen, wenn die Chance zum Gewinn in der Nähe einer vordefinierten Schwelle liegt. Sie wissen auch, wenn es Zeit ist, zu realisieren und einen Buchgewinn zu Cash zu machen. Die eher frontorientierten Vertreter der Spezies wie die Marketingchefs und CEOs fühlen sich vor allem an Roulette- und Pokertischen wohl, die Finanzguys trifft man häufiger beim Black Jack und beim Baccarat an. Die Schwäche der Manager im Casino ist dieselbe wie ihre Schwäche im Geschäft: ihr Ego. Wenn das eigene Ego dem Croupier beweisen will, wer von beiden der Bessere ist, öffnet sich umgehend die Verliererstrasse.

Die Spielbank muss sich nicht um Wahrscheinlichkeiten und Strategien kümmern. Sie erhöht ihre Aussichten dadurch, dass sie die Kalkulationen der Spieler psychologisch zu destabilisieren versucht. Primär sorgt das Casino dafür, dass der Spieler möglichst lange spielt – für den Betreiber je länger, desto besser. Das üppige Dekor und das Personal dienen dieser gezielten Kundenbindung. Croupiers, vor allem bei Kartenspielen, verstehen sich als Animateure, welche die Besucher an den Tisch fesseln sollen. Bestellte Drinks werden verzögert ausgeliefert, damit das Casino Spielzeit gewinnt, Sitzgelegenheiten wiederum sind überall so angeordnet, dass immer ein Spieltisch in zwingender Blickweite ist. Manche Casinos blasen mit Sauerstoff angereicherte Luft durch die Klimaanlage, um die Spieler länger zu halten. Mitunter wird via Lautsprecher auch fröhliches Gelächter eingespielt, das auf Grossgewinne am Nebentisch schliessen lässt. Die beste Karten hat das Casino, wenn es die Spieler so richtig in Spiellaune bringt.

Der Reiz des Spiels liegt denn auch genau in diesem Antagonismus von nüchterner Spielstatistik und verführerischer Zirkusatmosphäre. Wer die eigenen Chancen und die Spielstrategie kennt, wird sich weniger häufig zu Unsinn animieren lassen und wird darum häufiger gewinnen – und nur wer gewinnt, amüsiert sich wirklich. Oder sagen wir es so: Es ist zwischen Las Vegas und Baden noch selten ein Gambler gesichtet worden, der sich bei einem Verlust besser als bei einem Gewinn amüsiert hätte.

Glück spielt für gute Spieler kaum eine Rolle. Glück ist nichts anderes als eine unerwartet unsystematische Verzerrung der Wahrscheinlichkeit – und zwar rein zufällig genau in jene Richtung, die man sich selber wünscht. Das ist im Spiel nicht anders als in der Liebe. Glück ist eine Dreingabe, die man dankend annimmt, aber auf die man nicht bauen kann. Wer dauernd von fehlendem Glück redet, ist mit Sicherheit bloss ein schlechter Spieler.

Das gilt vielleicht auch für Charles Wells. Ein paar Monate nachdem er in Monte Carlo die Bank gesprengt hatte, kehrte er zurück und gewann eine weitere Million Francs. Ein Jahr später kam er wieder und verlor den grössten Teil seines Gewinns. Hunderte von Spielern und Computern haben seither sein Spiel analysiert, man konnte keine Auffälligkeiten feststellen. Kurz vor seinem Tod gestand Wells, er habe nur ganz am Anfang seiner Strähne nach dem Martingale-System gespielt und sich später ausschliesslich auf seine Intuition verlassen. Der Mann hatte ganz einfach schweinisches Glück.
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