Am 8. Juni entscheiden die Mitgliedsverbände des Weltfussballverbandes (Fifa), wer anstelle des Brasilianers João Havelange ihr neuer Präsident wird: Der Schwede Lennart Johansson, Präsident der Europäischen Fussball-Union (Uefa) oder der Schweizer Josef «Sepp» Blatter, Generalsekretär der Fifa und getreuer Adlat des umstrittenen Havelange. Wie bedeutend das Amt ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass der globale Umsatz mit dem Fussball jährlich 200 Milliarden Dollar beträgt. Lange hatte Johansson als einziger Kandidat gegolten, doch das änderte sich schlagartig, als Blatter einem Phantom gleich die Bühne betrat. Der Wahlkampf wurde spannend, und er artete zur Schmierenkomödie aus. Für den von Havelange und Blatter 24 Jahre lang diktatorisch geführten Weltfussballverband ist er ein weiteres Kapitel in der unrühmlichen Geschichte um Herrschaftsintrigen, Machtgier und Grössenwahn.

Seine Freunde und Helfer
Obwohl es vor vier Jahren zu einem Eklat kam, als Sepp Blatter seinen Präsidenten João Havelange kippen wollte, bezeichnen sich die beiden, zumindest nach aussen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit standhaft als Freunde. In der neuerlichen Absicht, Fifa-Präsident zu werden, machte sich der gewiefte Taktiker Blatter den französischen Altstar Michel Platini zum Freund und bot ihm für den Erfolgsfall gleich eine Stelle in der Fifa an. Sein finanzstärkster Förderer ist Saudi-Prinz Bin Abdulaziz Faisal Bin Fahad, der sich als Präsident des saudischen Verbandes aktiv am Wahlkampf beteiligt. Alan Rothenberg, Präsident des US-Verbandes, revanchierte sich für den Multimillionenbonus, den er sich dank der WM 1994 selbst gewährt hatte, mit der Hinwendung zum Walliser. Zu Blatters Duzfreunden zählt Bundesrat Flavio Cotti, und mit Dölf Ogi verbindet ihn der Hang zu Medienauftritten und zur Selbstdarstellung sowie der Wunsch, die Olympischen Spiele 2006 ins Wallis zu holen. Loyale Begleiter aus vergangenen Tagen sind Ex-Trainer René Hüssy und Ex-«Sport»-Chef Walter Lutz. Mit letzteren trifft er sich alljährlich am «Gusti-Cup», einem vom Zürcher Bankier Max Kohler für die Lokalprominenz organisierten geriatrischen Treffen für Spiel, Klatsch, Speisen und gegenseitiges Lobpreisen.

Sein Konkurrent
Lennart Johansson, 68, trinkfester Schwede und pensionierter Chef des Forbo-Konzerns, wirft seinem Konkurrenten Blatter vor, als bezahlter Fifa-Funktionär einen heimlichen Wahlkampf hinter den Kulissen geführt zu haben. Johansson hat prominenteste Unterstützung gefunden in Brasiliens Fussballlegende Pelé, um dessen Gunst Blatter sich vergeblich bemüht hatte. Pelé revanchiert sich damit für Havelanges Schikanen, denen er sich jahrelang ausgesetzt sah; von dessen Koffer- und Geheimnisträger Blatter hält er wenig. Auf der Liste der Fussballkenner, die Johannson unterstützen, steht überdies auch der Name von Alt-Bundesrat Kurt Furgler.

Seine Einsamkeit
Blatter ist «der einzige weltweit agierende Schweizer Botschafter der Gegenwart» («Die Weltwoche»), hat gemäss eigenen Angaben 192 von 198 Mitgliedsländern seiner Fussball-Uno besucht und einen Grossteil seines Lebens in der Luft verbracht. Seine Position bringt es mit sich, dass er von lauter Kopfnickern und Jasagern umgeben ist. Privat gilt er, seit seine zweite Ehe geschieden wurde, als einsamer Mensch mit Wohnsitzen in Appenzell, im Wallis und in Zollikon. Von Zollikon aus führt er auch den Wahlkampf mit Hilfe von Tochter Corinne, die er zu diesem Zweck aus Australien zurückgeholt hat.

Seine Kritiker
Zu den mächtigen Leuten, die Blatters Annäherungsversuche ignorierten, zählt Issa Hayatou aus Kamerun. Der einflussreiche Präsident des afrikanischen Kontinentalverbandes CAF möchte den Schweizer genausowenig an der Spitze sehen wie der Südkoreaner Mong-Joo Chung. Dieser, ein politisches und wirtschaftliches Schwergewicht (Hyundai-Konzern), könnte die Wahl in Asien entscheiden. Das «Geplapper um Blatter satt» hat Egidius Braun; der deutsche Verbandspräsident hat sich genauso für Johansson entschieden wie Bayern Münchens Präsident Franz Beckenbauer. Im eigenen Land macht Blatter die fehlende Gefolgschaft des Schweizer Verbandspräsidenten Marcel Mathier zu schaffen, und einen schweren Stand bei ihm hat NZZ-Sportchef Felix Reidhaar, der ihn publizistisch nicht richtig unterstützen mag.

Seine Nibelungentreue
In seiner Anfangsphase stand Blatter auf der Lohnliste von Adidas-Gründer Horst Dassler, was er mit einer Nibelungentreue zu der (Adidas heute noch nahestehenden) Vermarktungsfirma ISL vergalt. Auch als es vor zwei Jahren um die Vermarktung der Rechte für die WM 2002 und 2006 ging, kam die ISL mit dem deutschen Partner Leo Kirch zum Handkuss; allein für die TV-Rechte regnete es 2,8 Milliarden Franken in die Fifa-Kasse. Den Abschluss tätigten Blatter und Havelange im Alleingang. Weil nie eine echte Ausschreibung stattgefunden hatte, waren Branchenstars wie Klaus Hempel und Jürgen Lenz (TEAM, Champions League) ohne Chance. Hartnäckig hält sich die Version, Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus hätte gegebenenfalls allerhand unerfreuliches Material aus der Vergangenheit ans Tageslicht zerren können.

 

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