Wenn David den Goliath erschüttert, klatscht alles Beifall. So geschehen Anfang Sommer, als die kleine Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) gegen Novartis punktete. Die SKS hatte den Pharmamulti dessen überführt, alte Medikamente als neu anzupreisen. Novartis frass Kreide und gab die Peinlichkeit zu. Simonetta Sommaruga (41), Präsidentin der SKS und Galionsfigur des Konsumentenschutzes, konnte den Sieg für sich verbuchen. Zunder gibt sie auch Bundesrat Couchepin in Sachen Milchmarkt: Quantität statt Qualität sei der falsche Weg.

Knallhart in der Sache, aber moderat im Ton und ausgestattet mit einem gesunden Ego, beherrscht die ehemalige Klavierlehrerin die mediale Partitur wie keine Zweite, wenn es sein muss. Sommaruga, die sich coachen lässt und ihre Stimme trainiert, um weder zu kreischen noch zu beben, serviert ihre Attacken gegen Bauernlobby, Grossbanken oder Grossverteiler perfekt orchestriert. Und das auf allen Kanälen – sei es im Radio in «Espresso», in der TV-«Arena» oder auf der eigenen SKS-Seite im «K-Tipp». Mit dem Einzug in den Nationalrat vor drei Jahren hat die Gemeinderätin von Köniz BE eine weitere Bühne bestiegen. Über ein Dutzend Motionen gehen auf ihr Konto. Erfolgreich war sie unter anderem bei der Verschärfung der Deklarationspflicht für Lebensmittel und in Sachen unlautere Gewinnversprechen.

Tatsache bleibt, dass die Schweiz im Konsumentenschutz weit hinter der EU herhinkt. Kommt dazu, dass die Konsumentenlobby sich selbst im Wege steht. Mehrere Anläufe, SKS und Konsumentinnenforum (KF) zu vereinen, sind gescheitert. Folge: Wo es wirklich zählt wie bei den Preisen, ist die Schweiz immer noch um bis zu 30 Prozent teurer als andere Industriestaaten. Die kürzlich vom Parlament abgesegnete Verschärfung des Kartellrechts ist erst ein kleiner Schritt zu mehr Wettbewerb und europäischen Preisen.

Ihr Biotop
Aufgewachsen ist Simonetta Sommaragu als drittes von vier Kindern im aargauischen Freiamt. Ihr Vater war Lonza-Werkleiter. Cornelio Sommaruga, ehemaliger Staatssekretär und IKRK-Präsident, ist ein Cousin zweiten Grades. Nach ihrer Ausbildung zur Konzertpianistin in Luzern unterrichtete sie fünf Jahre lang am Konservatorium und am kantonalen Lehrerseminar. «Sehr sensibel ist ihr Klangsinn», schrieb ein Kritiker nach einem ihrer Konzerte.

Die Kulturschickeria war auf Dauer nicht nach ihrem Gusto. Sie zog nach Freiburg und arbeitete während fünf Jahren im Frauenhaus. Mitte der Achtzigerjahre  keilten sie dort der heutige BSV-Direktor Otto Piller und die Staatsrätin Ruth Lüthi für die SP. 1993 übernahm sie die SKS-Geschäftsführung, 1997 wurde sie in den Stadtrat von Köniz BE gewählt. 1999 später war sie dann als Ständeratskandidatin chancenlos, schaffte aber den Sprung in den Nationalrat. Verheiratet ist sie mit dem Schriftsteller Lukas Hartmann. Mit dessen drei Kindern wohnt das Paar in Spiegel bei Köniz. Jürg Lehmann, bald Ex-«Blick»-Chefredaktor, ist ihr Schwager. Neben dem Präsidentinnenamt bei der SKS ist sie Co-Präsidentin des Frauenmusikforums Schweiz und sitzt im Stiftungsrat bei der Entwicklungshilfeorganisation Swissaid. Als Hobbys nennt sie an erster Stelle ihren Garten, den sie biologisch beackert.

Ihre Gegner unter den Mächtigen
Sommaruga wird von ihren Gegnern in Wirtschaft und Verbänden ernst genommen. So weiss etwa Orange-Chef Andreas Wetter, dass sie massgeblich daran beteiligt ist, dass seine Branche die weltweit strengsten Auflagen für Mobilfunkantennen zu befolgen hat. Auf Konfrontation macht Sommaruga auch bei der Gentechnologie und deren Befürwortern – den Pharmachefs Daniel Vasella von Novartis, Franz Humer von Roche und Nestlé-CEO Peter Brabeck. Sie beharrt – gegen die Mehrheit im Nationalrat – auf einem Moratorium für die Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen und ist gegen Genfood. Sommaruga pickt sich die Leithammel heraus, um maximale Wirkung zu erzeugen. Davon ein Lied singen kann Ex-Migros-CEO Peter Everts. Die SKS-Frontfrau klagte gegen den orange Rie- sen wegen Bio-Schwindels. Ungeniert legt sie sich mit Bankern wie Lukas Mühlemann, Marcel Ospel & Co. an: Sie ist dafür, das Bankgeheimnis aufzuheben, um Steuerflüchtlinge outen zu können.

Ihre Intimfeinde in der Partei
Als Sommargua vor einem Jahr ihr inhaltlich eher dünnes «Gurten- Manifest» für mehr Markt präsentierte – mit dem Politologen Wolf Linder, dem Könizer Gemeindepräsidenten Henri Huber und dem Historiker Tobias Kästli –, hagelte es Tiefschläge aus den eigenen Reihen. Pierre-Yves Maillard, SP-Präsident der Waadt, legte ihr den Parteiaustritt nahe, andere verballhornten das Konzept als «Gurken-Manifest». Der Graben zu den Fundis um den Gewerkschaftsbund-Präsidenten Paul Rechsteiner, den Ex-Fraktionspräsidenten Franco Cavalli und SP-Vize Christine Goll aus Zürich ist tief. Für SP-Hardlinerinnen wie die Neuenburger Nationalrätin Valérie Garbani sind die Reformer um Sommaruga schlicht «Kaviar-Linke». Auch SP-Wirbelwind Peter Bodenmann gilt nicht als Sommaruga-Fan. Seinen Stil kommentiert sie cool: «Wenn er seine intellektuelle Energie für statt gegen die Partei einsetzte, könnten beide Seiten profitieren.»

Ihre Genossen und Genossinnen
Sommaruga zählt innerhalb der SP Schweiz zum Reformlager um Rudolf Strahm, Alexander Tschäppät, Anita Fetz und Claude Janiak. Die Realos segeln unter der Fahne der sozialen Marktwirtschaft und zielen auf die gut ausgebildeten Mittelschichten. Allerdings haben die Reformer in der Partei zurzeit einen schweren Stand. Sommaruga lässt sich nicht beirren. Beispiel Elektrizitätsmarktgesetz: Mit ihrer Pro-Haltung stellte sie sich gegen die Parteidoktrin. Dass der wendige SP-Bundesrat Moritz Leuenberger sie schätzt, ist zurzeit eher ein Malus als ein Bonus. Sommaruga wurde kurzzeitig auch als mögliche Bundesratskandidatin gehandelt. Doch sie wird sich gedulden müssen. Auf dem «Berner Sitz» hockt Bundesrat Samuel Schmid, und das wohl für die nächsten Jahre.
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