Die SPD kann jubilieren, aber wie lange das Glück anhält, wird man sehen. Ihr Kandidat Frank-Walter Steinmeier ist mit einem guten Ergebnis zum deutschen Bundespräsidenten gewählt worden. Jetzt muss er in seine neue Rolle finden.

Die Erleichterung, als alles gut gegangen ist, ist ihnen dann doch anzusehen. 931 Stimmen, immerhin. Unverzüglich, fast hastig, eilen Kanzlerin Angela Merkel und Noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel mit den obligatorischen Blumengebinden zu Steinmeier, um ihm zur Wahl zu gratulieren.

Tosender Beifall von den Rängen. Doch da grätscht Bundestagspräsident Norbert Lammert noch einmal kurz dazwischen: Steinmeier müsse die Wahl erst noch annehmen, bevor es Glückwünsche geben könne, mahnt er. Das geschieht dann auch, und alles hat seine Ordnung.

103 Enthaltungen, vermutlich vor allem aus der CDU/CSU, trüben das Ergebnis zwar ein wenig, aber Merkel und Gabriel und vor allem der neu gewählte Bundespräsident selbst können an diesem Sonntag zufrieden sein. Und die vielen Promi-Wähler unter den Delegierten auch, von Bundestrainer Jogi Löw bis zur Drag Queen Olivia Jones sind es auch.

Geringe Macht

Merkel jedenfalls steht zu ihrer Entscheidung für Steinmeier, auch wenn nicht alle in der Union mitgegangen sind. «Ich traue ihm zu, dass er unser Land durch diese schwierigen Zeiten in seiner Funktion sehr gut begleiten wird», sagt sie, als alles vorbei ist.

Das kann man auch als Hinweis auf die geringe Macht des Bundespräsidenten lesen. Aber Steinmeier ist in Aufbruchstimmung. «Ihr macht mir Mut», ruft er den Mitgliedern der Bundesversammlung zu. Ein bisschen laut und ein bisschen vorhersehbar ist seine kurze Rede, denn dass er «Mutmacher» in schwierigen Zeiten sein wolle, hat er schon mehrfach betont.

Und ohne Hinweis auf den neuen US-Präsidenten Donald Trump, den er als Aussenminister einmal «Hassprediger» genannt hatte, kann es auch diesmal nicht gehen. Deutschlands Demokratie sei auf dem Fundament des Westens entstanden. «Und wenn dieses Fundament anderswo wackelt, dann müssen wir umso fester zu diesem Fundament stehen.»

Lammerts Rede

Zuvor hat Lammert als Chef der Veranstaltung wie erwartet die Gelegenheit genutzt, noch einmal sein grosses Talent als Redner zu demonstrieren. Die meisten der 1253 Männer und Frauen - sieben fehlen - erheben sich Beifall klatschend von ihren Sitzen, als er den neuen US-Präsidenten eindringlich vor Abschottung warnt. Nur die Delegierten der AfD klatschen nicht.

Fast noch grösser ist der Beifall, als Lammert den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck herzlich verabschiedet. Gauck sitzt in der ersten Reihe der Besuchertribüne, und freut sich sichtlich über das Lob.

Neben seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt hat Steinmeiers Ehefrau Elke Büdenbender Platz genommen. Ex-Präsident Christian Wulff und seine Frau Bettina sitzen in der zweiten Reihe.

Anzeige

Gelegenheit zu vielfältigen Kontakten

Der Festtag der Demokratie, wie die Wahl des Bundespräsidenten gerne genannt wird, ist auch die Gelegenheit zur vielfältigen Kontakten - und dazu, auch mal ein Signal zu senden. So geht Kanzlerin Merkel, im gelben Blazer, kaum hat sie den Plenarsaal betreten, auf den Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann aus Stuttgart zu.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier parliert derweil mit dem Linken Bodo Ramelow, Regierungschef in Thüringen. Bürgermeister Olaf Scholz aus Hamburg unterhält sich mit CSU-Chef Horst Seehofer - und Jogi Löw, hier als Delegierter der Grünen, legt der Kanzlerin eine Hand auf den Arm.

Nur SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz - obwohl nur einfacher Delegierter aus Nordrhein-Westfalen darf er in der ersten Reihe sitzen - scheint noch ein wenig zu fremdeln. Erst später unterstreicht ein Dreiertreffen mit Merkel und Seehofer in einem Nebenzimmer dann doch seine neue Bedeutung.

Beflügelte SPD

Ausgelassen gefeiert wurde in der SPD schon am Vorabend, am Ende kam auch Schlagersänger und Wahlmann Roland Kaiser auf die Bühne. Beflügelt sind die Sozialdemokraten auch von den derzeit guten Umfrageergebnissen nach der Ausrufung von Schulz zum Kanzlerkandidaten und künftigen SPD-Chef.

Die Partei muss allerdings aufpassen, nicht allzu überschwänglich zu werden, denn die Christdemokraten warten auf die Gelegenheit zurückzuschlagen.

Ohne magischen Moment

«Was für ein schöner Sonntag», hatte Gauck vor fünf Jahren nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten ausgerufen, den Schriftsteller Jorge Semprún zitierend. Damals liess sogar die Sonne die Kuppel des Reichstags erstrahlen. Es war so etwas wie Aufbruchstimmung spürbar. So einen magischen Moment gibt es diesmal nicht, aber für Steinmeier beginnt die präsidiale Zeit ja erst in wenigen Wochen.

«Was für ein schöner Montag», hatten Gauck-Fans damals in der Nacht nach seiner Wahl auf die Strasse vor seinem Haus geschrieben. Man könnte es auch so sagen: Ein Sonntag reicht nicht aus. Ob der neue Präsident Steinmeier sein Land in schwierigen Zeiten begleitet, oder mehr daraus macht, wird sich bald zeigen.

Anzeige

Sehen Sie in der Bildergalerie unten, welche Uhren die mächtigen Politiker tragen: