Zwei Manager gibt es, zu denen jeder Schweizer eine Meinung hat: Daniel Vasella – und Thomas Limberger. Ersterer ist Auslöser und Kühlerfigur der Abzocker-Initiative von Mundwasserproduzent Thomas Minder. Letzterer kam wie Phönix aus dem grossen Kanton zu Oerlikon und Von Roll, verabschiedete sich nach einigen Jahren wieder – und sah sich von Minder in denselben Abzocker-Topf gesteckt.

26 Millionen Franken hätte Limberger 2006 dank Optionen auf die explodierte Oerlikon-Aktie einstreichen sollen – reduzierte die Summe nach öffentlicher Em­pörung aber auf ein Drittel. Dass vor allem die Investoren um Ronny Pecik die Oerlikon-Story orchestrierten, wurde Beobachtern erst später klar. Limberger verliess Oerlikon bald, wechselte zu Von Roll ins Reich der Familie von Finck und schied dort nach Querelen im Herbst 2010 aus.

Wirkt jugendlich

Vasella hatte trotz stagnierender Kurse viel mehr und über Jahre kassiert, doch Neu­ankömmling Limberger genügten einige stramme Sprüche («wir wollen in Feldern Nummer eins oder zwei werden») und ein Maserati vor der Firmentür, und das Etikett «Abzocker» klebte an ihm wie Kaugummi an der Schuhsohle.

Mehr als zehn Jahre liegt das zurück. Da liegt die Frage nahe: Was macht der Mann eigentlich heute?

Er habe heute die Freiheit, auch mal nichts zu machen, sagt Thomas Limberger. Ins Managerleben als Angestellter wollte er nicht zurückkehren, «ich hatte die Nase voll davon, mir in alles reinreden lassen zu müssen», sagt der inzwischen 50-Jährige. Jugendlich wirkt er immer noch, erzählt begeistert von seinen Projekten. Eine ­Antwort kann immer noch die Länge eines Monologs erreichen.

Monu­mentalprojekt «Neue Seidenstras­se»

Zum Gespräch hatte er nach Wien in ein Kongresshotel gebeten – im Büro seiner Firma, wo wir ihn gern besucht hätten, sei er zu selten anzutreffen. Und in Wien war etwas im Gang, das zu einem Kern seiner Geschäftstätigkeit werden soll: das Monu­mentalprojekt «Neue Seidenstras­se», ein Transportweg über Land für Chinas ­Handelsgüter nach Europa.

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Regelmässig konferieren die beteiligten Länder und Bahn­betreiber, bewegen sich im Schritttempo vorwärts, und Limbergers Job ist es, «die finanzielle Organisation dieses transnationalen Projekts zu strukturieren». Seit fünf Jahren ist er dabei. Langfristiges Ziel sei, den gemeinsamen Investitionsfonds, der die Seidenstrasse einmal finanzieren soll, «als General Partner managen zu dürfen».

Thomas Limberger

Thomas Limberger: Zurück im Blickfeld.

Quelle: Regina Hügli

Blendender Netzwerker

Mit Präsidenten und Ministern um Geldtöpfe verhandeln: So etwas mag Limberger. Schon als er, erst Mitte 30, für US-Industrie-Ikone General Electric (GE) das Geschäft in den deutschsprachigen Ländern führte, galt er als blendender Netzwerker mit guten Kontakten nach Osten; zum Seidenstrassen-Projekt stiess er «ursprünglich über die russische Staatsbahn».

Limberger ist kein Einzelkämpfer. Geschäftspartner sind sein langjähriger Mitstreiter und Kommunikator Sven Ohligs und der Banker Robert Schimanko, den Limberger seit seinen GE-Zeiten kennt, der in Österreich eine bunte Vergangenheit hat und heute in Baar ZG lebt.

Das Trio bildet den Kern der Firma ­SilverArrow Capital Advisors, die aktuell 14 Mitarbeiter beschäftigt und ihren Hauptsitz in Sichtweite zum Trafalgar Square in London hat; auch privat lebt Limberger dort, südlich der Themse. Ein weiteres Büro befindet sich an bester Innenstadtlage in der US-Hauptstadt Washington, D.C., die Firmenholding ist auf der steuerlich bekömmlichen Kanalinsel Guernsey domiziliert. Ein «kleines, hemdsärmeliges Team» sei SilverArrow, sagt Ohligs, «unsere Präsentationen erstellen wir bis heute selber», sagt Limberger: «Wir sind zufrieden, können zu Mittag und zu Abend essen und wollen gar keine grossen Strukturen.»

«Performance Equity»

Für ihr Geschäftsmodell haben die beiden eigens einen Namen erfunden: «Performance Equity». Das sei «im Grunde nichts anderes als Private Equity», aber «mit ­einem entscheidenden Unterschied: Die Investoren können ihre Gelder jederzeit innerhalb von maximal vier Wochen zurückholen, und sie haben mehr Mitspracherechte bei den Anlageobjekten.»

Denn viele Grossinvestoren wollten ihr Geld nicht einem Private-Equity-Fonds anvertrauen, der autonom Investitionsentscheide trifft und bis zur Auflösung keinen Zugriff auf das Geld gewährt. Die Silver­Arrow-Partner investierten zunächst ihr eigenes Geld und holten dann bei externen Geldgebern weitere Mittel, um die Beteiligung auf Wunschgrösse auszubauen – sodass man sich als «aktivistischer Investor» einbringen könne.

Industrieller weisser Ritter

Beispiel: Limbergers Investment in die Siemens-Abspaltung Rofin-Sinar, die Lasertechnologien verkauft und Mitte der neunziger Jahre an die US-Technologiebörse Nasdaq ging. Die Firma lief ordentlich, hatte kaum Schulden und positiven Cashflow, doch die Aktie entwickelte sich schwach. Im Mai 2015 meldete SilverArrow eine Beteiligung von 8,4 Prozent, die später ausgebaut wurde. Limberger hatte sich mit weiteren Investoren zusammengetan, Board und Management mit Verbesserungsvorschlägen malträtiert und sich nach ­einem Jahr mit knapp 50 Prozent Netto­gewinn wieder verabschiedet – ein industrieller weisser Ritter für Rofin-Sinar war gefunden.

Unter den Investoren bei ­Rofin-Sinar finden sich in den Unterlagen der US-Börsenaufsicht SEC neben SilverArrow, Limberger persönlich und Finanzvehikeln seiner Gruppe (etwa einer in Dubai ansässigen SAC Jupiter) vor allem zwei Namen, die ins Auge stechen: ­Abdullah Saleh A. Kamel und Osama H. Al Sayed, zwei Saudis aus Jeddah, die beide familieneigene Grosskonzerne führen; Industrielle, die nicht zum Dunstkreis des Königshauses zählen. Limberger und Ohligs schweigen sich aus über ihre Co-Investoren, gestehen aber immerhin zu, dass sie «häufig» in Saudi-Arabien waren. Von Kannen an Kamelmilch und Lammfleisch in allen ­Variationen ist die Rede.

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Limberger hat Fotos auf seinem Smartphone, auf denen beide in ­Anzug mit Krawatte im Wüstensand sitzen – und zeigt sie lachend. Das ist der alte Limberger: amüsant und von keinerlei Selbstzweifeln angekränkelt. Doch von Pomp ist nichts zu spüren: Weder seine Uhr noch sein Anzug gehören zur Luxusklasse, und das Hotel, in dem Limberger und Ohligs in Wien abgestiegen sind, verrechnet verträgliche Zimmerpreise.

Vieles richtig gemacht

Ein wenig Koketterie darf aber schon sein: Es müsse rauchen, qualmen und stinken, das seien seine Branchen, sagt Limberger. Silver­Arrow investiere nur dort, wo man sich auskenne: «Maschinenbau, Lasertechnologie, Transformatoren, Medtech und Infrastrukturprojekte.» Aus dem Rahmen fällt hier die Mehrheitsbeteiligung beim Schweizer Flugdienstleister PrivatAir, wo auch Al Sayed investiert ist.

Im Oktober 2016 hatte Silver­Arrow hier die Mehrheit übernommen. Allerdings fliegt PrivatAir im Auftrag anderer Airlines – solche Leasing-Modelle kennt auch die ­Maschinenindustrie. Limbergers Leute strafften die Kosten, zügelten von Genf ins billigere Baar und schlossen neue Verträge ab; zuvor hatte sich PrivatAir lange auf dem Altgeschäft ausgeruht.

Der Umsatz, 2016 bei 55 Millionen Franken, soll 2017 auf knapp 80 Millionen gestiegen sein, fürs laufende Jahr sind ­Insidern zufolge 100 Millionen budgetiert. Der Churer Luftfahrtexperte Thomas Jaeger attestiert, bei PrivatAir habe man «viel richtig gemacht». Limberger dürfte mit PrivatAir noch einiges vorhaben; die Fluglinie war gemäss Insidern nahezu zahlungsunfähig, als SilverArrow dazustiess. Sie kann nicht viel gekostet haben.

Als Indikator für die Performance seiner Anlagen verweist Limberger auf seinen Pluto-Fonds. Was dieser im Einzelnen enthält, ist von aussen nicht nachvollziehbar, laut Lim­berger bildet er ziemlich genau das ganze Geschäft ab. Der Fonds habe in den vergangenen Jahren jeweils zweistellig rentiert (siehe Grafik), die kumulierte Rendite seit 2014 soll bei 66 Prozent liegen.

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Punkto verwalteter Assets habe er «grundsätzlich Zugriff auf einen Pool von rund 500 Millionen Euro». Derzeit «sind rund zehn Prozent des Kapitals investiert, und zwar in vier Projekten». Dazu gehörten neben PrivatAir «eins im Bereich Medtech und eins im Bereich 3-D-Drucker», Namen will Limberger nicht sagen. Offenbar soll das Investment in den 3-D-Druck auf eine dreistellige Millionensumme anwachsen.

Getriebener von Aktienspekulanten

Längerfristiges Ziel für Silver­Arrow sei, «ein Multi-Family Office zu bauen», und dabei denkt Limberger wohl an Familien aus der Golf­region, vor allem aber Saudi-Arabien, «speziell dort haben wir über die Jahre ein gutes Netzwerk auf­gebaut». In diversen Ländern haben sich Ohligs und Limberger als Vermögensberater zertifizieren lassen.

Auf seine Schweizer Zeit bei ­Oerlikon und Von Roll blicke er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück, sagt Limberger. Mit den früheren Oerlikon-Investoren («zu diesen Herren äussere ich mich nicht mehr») habe er keinen Kontakt. Er sah sich als Getriebener von Aktienspekulanten, denen am industriellen Fundament nichts lag. Dass er gut verdient hat, streitet Limberger nicht ab. Was ihm und Ohligs aber wichtig ist: der verbreiteten Lesart, ihre Zeiten bei Oerlikon und Von Roll seien desaströse Gastspiele gewesen, entgegenzuwirken.

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Er habe Oerlikon umgebaut, die Geschäftsergebnisse seiner Jahre 2005 und 2006 zeigten aufwärts, «wir können nicht alles falsch gemacht haben», sagt Limberger. Und hätte Von Roll, wo er inmitten der Finanzkrise CEO war, «Coherent übernommen, wie wir es vorhatten, stünde die Firma heute ganz anders da». Der erfolgreiche Laserhersteller Coherent ist exakt jene Firma, die kürzlich Rofin-Sinar gekauft hat.

Die amerikanische Art

Limberger behauptet nicht, er sei unschuldig an seinem zwiespältigen Image, «sicher habe ich im Auftritt auch Fehler gemacht». Unvergessen bleiben vollmundige Ankündigungen über die güldenen Perspektiven von Oerlikon oder die überambitionierten Ergebnisziele für Von Roll, die er nicht nach 100, sondern unbedingt schon nach 50 Tagen als Chef der Finanzgemeinde darreichte.

Solche Vorstösse machten ihn zum Fremdkörper in der gemächlichen Schweiz. Sie entspringen wohl auch seiner Sozialisation: Sein Vater war in die USA ausgewandert, Limberger besuchte ihn dort häufig. Und beruflich «hat mich die Zeit bei GE sicher geprägt». Dort lernte er die amerikanische Art lieben: «Eine gute Idee haben, sie vortragen, dann das Go und viel Vertrauen kriegen, das hat mich begeistert.»

Mit der grossen Klappe hat Limberger in der Schweiz einige verstört. Doch er macht nicht den Eindruck, als ob ihm das nachhängen würde. Büro-Maserati und Privat-Ferrari hat er inzwischen durch ­einen Mercedes-Geländewagen ersetzt. Frau, drei Teenagerkinder, der Hund, «da passen alle rein». So klingt Thomas Limberger heute.