Bernhard wirkte ziemlich entnervt, die schönen Daunenschlafsäcke waren nass, der Zeltboden war eine Pfütze, es regnete noch immer, von Behaglichkeit keine Spur. Vier Stunden waren wir durch den Regenwald gewandert, ein haushohes Laubdach über uns, weisse Blüten am Boden, Vogelgekreisch, Affengeschrei. Irgendwann war die hundertprozentige Luftfeuchtigkeit in Dauerregen übergegangen, und da wurden das Laubdach und die Transportsäcke unserer Schweizer Treckingorganisation durchlässig. So boten unsere sonst fröhlichen, starken Träger und das Gepäck, das sie kunstvoll auf den Köpfen balanciert hatten, im Machame-Camp auf 2980 Metern ein trauriges Bild.

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Warmer Regen hatte uns schon bei der nächtlichen Landung am Kilimandscharo-Airport empfangen, am Morgen umfing uns feuchte Wärme und stimmte uns in den afrikanischen Rhythmus ein. Alles ging gemütlich; Geld wechseln dauerte, selbst wenn nur drei Personen am Schalter warteten, eine Stunde, und die Dachdecker unseres einfachen Hotels werkten im Arbeitsrhythmus des ehemaligen Ostblocks. Drei schauten zu, einer stellte die Leiter auf, und dann war zunächst einmal Pause.

Und in der Dusche stellte Röbi fest, dass nun Ferienzeit war, nur ein ganz dünnes Rinnsal tröpfelte, ganz wie Monate zuvor im trockenen Tibet.

Am ersten Tag unseres Aufstiegs zum höchsten Berg Afrikas hatte uns ein Geländeauto auf ausgewaschenen Rinnen zum Gate des Kilimandscharo-Nationalparks gebracht. Allerlei Händler wollten noch etwas verkaufen, Sinnvolles wie Schirme oder Regenhüllen für die Rucksäcke oder aber einen Stock, der mir angeboten wurde: «Hello papa. The mountain is steep and slippery, you need a stick.» Wir trafen unsere Träger und unseren Führer, und dann waren wir im überdachten grünen Tunnel 1000 Meter auf gutem Weg aufgestiegen.

Unsere Schlafsäcke wurden von Parkwächtern in einem Unterstand an einem Gasofen getrocknet. Bernhard wurde Kanalbauer ums heimatliche Zelt, und schliesslich gab es Nachtessen mit Popcorn zum Apéro. Glücklicherweise hatte ich Bridas Foie gras, Tschierys Hirschwürste und Saliento im Plastikkarton mitgebracht; das ergab bald Behaglichkeit, die auch durch die Enge nicht gestört wurde. Zwei mal zwei Meter mass unser Esszelt für fünf Touristen, aber zwischen Tisch und nasser Zeltwand, boten Hirsch, Gans und Rotwein Trost.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es regnete die ganze Nacht, offensichtlich hatte ich die kleine Regenzeit unterschätzt. Bernhard tocknete wieder. Alles scheinbar Wichtige wie Termine, Unerledigtes, Mitarbeitergespräche, Budget und Ähnliches war vergessen, das einzig Wichtige waren ein trockener Schlafsack und ein Schirm. Wir stiegen zwischen nebelverhangenen Felsen höher.

«Pole, pole» heisst auf Suaheli «langsam, langsam», und dies ist das Geheimnis eines erfolgreichen Aufstiegs zum Kilimandscharo. Nach fünf Stunden erreichten wir unser zweites Camp auf 3840 Metern am Shira-Plateau, und jetzt machte sogar der Regen eine längere Pause. Beim Saliento und der zweiten Tranche Foie gras kam erneut Behaglichkeit auf.

Glück ist, wenn es nicht regnet, und dieses Glück erlebten wir am Morgen des dritten Tages. Unter uns dampften die Nebel, grosse Krähen suchten nach Resten, und hoch über uns stand weiss bezuckert der Kilimandscharo. 1970 hatte ich erstmals versucht, ihn zu besteigen. Wir hatten wenig Geld und grosse Rucksäcke, die wir selbst schleppten. Dies aus finanziellen Gründen und auch, weil man seine Ausrüstung natürlich selbst trägt. Mit sehr nebelhafter Vorstellung von Höhenakklimatisation und ohne Wissen um die akute Bergkrankheit stürmten wir damals schnell nach oben.

Am vierten Tag, beim Gipfelversuch auf 5000 Metern, war Schluss: Hämmerndes Kopfweh, Schwindel und Erbrechen zwangen uns zur Flucht, das heisst zum Abstieg, der dann rasch heilend wirkte. Um viele schmerzhafte Höhenerfahrungen reicher, erreichte ich dann 1986 mit Vanessa den Gipfel gemütlich über die Marango-Route. Wir trugen kaum Gepäck, inzwischen war die Anstellung von Führer und Trägern vorgeschrieben.

Heute säumten Mondlava-Steinmänner mit roten Ganzkörper-Rauschebärten unseren Weg, weit unten schon die Ebene, von der dann diese Nebel aufstiegen, die uns nach zwei Stunden wieder mit Regen einhüllten. Dann, im Barranco-Camp auf 3950 Metern, hat Corinna keine Lust mehr auf Foie gras und fühlt sich auch sonst nicht wohl. Die akute Bergkrankheit hat keine spezifischen Symptome – «if you are not feeling well at altitude it is mountain sickness unless proven otherwise» stimmt meistens.

Unser Höhengewinn war zu schnell, wir sind jetzt nach drei Tagen auf 3950 Metern. Morgen sollen wir auf 4750 Meter aufsteigen, dies ist das Terrortempo hier. Darum leiden viele Gipfelaspiranten an Unlust, Kopfweh, Übelkeit und später Erbrechen. Die beste Strategie ist, einen Rasttag einzuschalten und bei Zunahme der Beschwerden abzusteigen. Puristen verzichten auf Medikamente, damit vielleicht auf den Gipfel und leiden. Nachdem die Beschwerden von Corinna nur leicht sind und sie nicht zum Fundamentalismus neigt, verabreiche ich ihr zur Behandlung der akuten Bergkrankheit ein cortisonartiges Präparat. Wenn dies hilft, darf sie morgen vorsichtig weiter.

Am nächsten Morgen ist Corinna wieder «on top of the world», Dexamethason hat seine Schuldigkeit getan, 1985 haben wir erstmals dessen Wirksamkeit bei Bergkrankheit bewiesen. Dafür ist Mari angeschlagen. Also bekommt auch sie das Zaubermittel, und drei Stunden später bestätigt sie mir den Erfolg. Wir sitzen in der Morgensonne, über uns strahlt die Breach Wall mit ihrem hundert Meter hohen Eiszapfen, über den Messner und Renzler 1978 erstmals hinaufgeklettert sind.

Der heutige Weg führt in einer Urlandschaft von Flechten und Moosen, gigantischen Lobelien und Senezien zwischen Basaltsäulen um einen Teil des Bergs herum ins Barafu-Camp, sechs Stunden «pole, pole». Alles wird für den nächtlichen Aufbruch vorbereitet, am letzten Tag muss alles klappen; bisher war es ein «cake walk», obwohl viele Touristen schon auf diesem Weg aufgeben.

Wir dösen dreieinhalb Stunden. Um 23.30 Uhr beginnt das Hineinschlüpfen in das am Abend zuvor Zurechtgelegte, Automatismen in der kalten, sternenklaren Nacht. Die vielen Sternschnuppen hören wohl alle den gleichen Wunsch.

Das Frühstück ist heute besonders spartanisch: heisses Wasser, Teebeutel und einige Kekse. Offensichtlich hat die Trekking-Company meine Kolumne «You can’t get enlightenment on a full stomach» gelesen. Auch Marschverpflegung gibt es für die 1100 Meter Aufstieg nicht.

Am Leopardenpunkt

Genau um Mitternacht startet unsere Kette von Stirnlampen, langsam, langsam tappend. Wenig Gedanken, monotones, gleichmässiges, tiefes Schnaufen, Atmen wird zur bewussten Tätigkeit, die Lichtkegel der Stirnlampen flackern auf die rutschenden Schuhe des Vorsteigers. Nach zweieinhalb Stunden kommt, wie beim Marathon, die Krise, ich ringe nach Luft, die Beine wollen nicht mehr, das kann doch nicht wahr sein an diesem lächerlichen Berg, den ich schon einmal bestiegen habe. Ich mache Krisenmanagement, atme bewusst noch tiefer und noch schneller, und irgendwie geht die Krise weg. John, unser Führer, schlägt eine Pause vor, machohaft lehnen wir ab und bereuen dies wenig später; das Schuttfeld, das zum Kraterrand führt, ist unendlich.

Um fünf Uhr rötet sich der Horizont, der im Dunkeln erhoffte Kraterrand, das Ende der ewigen Schutthalde, kommt in Sicht, um halb sechs stehen wir im Wind und erleben das Morgenschauspiel – noch dreissig Minuten zum Gipfel. Hier ist irgendwo Leopard Point, jener Punkt, an dem 1926 der gefrorene Körper eines offensichtlich verwirrten Leoparden entdeckt wurde. Selbst Hemingway konnte nicht ergründen, was das Tier dort oben gesucht hatte, irgendwann verschwand der Kadaver wieder. Aber es gab ihn, ich habe ein Foto gesehen.

Wir sind wie der Leopard «detached from the world». Hohe Berge heben ab, und keiner eignet sich dafür so perfekt wie der Kilimandscharo, der höchste frei stehende Gipfel der Welt. Er erhebt sich über einem flachen, unendlich weiten Land, und darum ist diese andere Welt da unten so fern. Auf dem Mount Everest, dem Aconcagua oder dem Vinson-Massiv befindet man sich auch am höchsten Punkt eines Kontinents. Aber da sind die vielen etwas kleineren Konkurrenten, deshalb ist die Freiheit des Blicks nicht absolut.

Um sechs Uhr morgens erreichen wir den Uhuru Peak, 5893 Meter; für Mari, Corinna und Bernhard persönliche Höhenrekorde. Freude, aber keine Hurrarufe wie am 6. Oktober 1889, als der deutsche Geograf Hans Meyer und der kaiserlich-königliche Turnlehrer Ludwig Purtscheller erstmals den höchsten Punkt erreichten. Für sie war es eine «nationale deutsche Pflicht», den höchsten afrikanischen und höchsten deutschen Berg zu besteigen, und sie tauften ihn «Kaiser-Wilhelm-Spitze». Heute ist der Kaiser «Uhuru», der Freiheit, gewichen.

Zwischen roten Wolkenbänken ahnen wir die andere Welt dort unten mit den zu Tode gehetzten Gnus und Zebras, den Löwen, dem dampfenden Dschungel und dem Affengeschrei. Hier stehen wir auf Mondlava, heraufgekommen durch Regenwald, Steppe, Sumpf, Sand und Wüste.

Abstieg und Safariluxus

Abstieg von einem Vulkan bedeutet manchmal weiches Gleiten in Vulkanasche und dann wieder ruppiges Bremsen auf spitzen Brocken. Die Gruppe zieht sich nun in die Länge, die elastischen Frauengelenke enteilen den schlottrigen «Lebenslang-Sportknien», Behindertenabstieg.

Um neun Uhr erreichen wir unseren Ausgangspunkt, 4750 Meter. Eine «stärkende Zwischenverpflegung» hat der Prospekt unseres Veranstalters vor vier Wochen noch für diesen Moment verheissen. Die Stärkung ist Popcorn und Peanut-Butter auf papierdünnem Pampebrot; als wir protestieren, wird noch eine «Päckli»-Suppe gewärmt. Aber ich habe ja noch eine Flasche Champagner. Wir bleiben zwei Stunden, dann schaffen wir bis 13 Uhr 1800 Meter Abstieg; eigentlich wäre hier noch eine Nacht im Regenwald zu verbringen. Aber wir wollen Bier, gebratene Hühner und eine warme Dusche.

Und so absolvieren wir an diesem Tag viertausend Meter Abstieg und dann noch einmal tausend Meter mit dem schwankenden Auto. Der Abend, der am Vortag um 23.30 Uhr begonnen hat, löst sich spät im südafrikanischen Rotwein – so schön kann Leben sein. Wäre es auch so schön gewesen, wenn die Schlafsäcke immer trocken, das Messezelt ordentlich und wir am letzten Tag gar noch verpflegt worden wären? Oder «no pain no gain»?

Die vom Schnee am Kilimandscharo aus betrachtete «separate reality» in der weiten Horizontlinie der afrikanischen Ebene ist grün, gelb, staubig, nass, trocken und heiss. Wir reisen für fünf Tage in einem komfortablen Geländewagen zwischen Elefanten, Büffeln und Flamingos und freuen uns mit den Elefanten, die täglich 300 Kilo dorniges Gezweig mit sichtlichem Vergnügen verspeisen. Ein geschäftiges Warzenschwein führt Territorialkämpfe mit einem Geparden. Zebras, Gnus und Gazellen, so zahlreich wie bei Schöpfungsabschluss, ziehen in unendlicher Kolonne vorbei. Nur die Nashörner im Ngoro-Ngoro-Krater sind fast ausgerottet, dafür scheint in diesem Krater ein unkontrolliertes Wachstum der Touristenpopulation stattzufinden. 1970 war ich erstmals hier, auf verbotenen Wegen sind wir mit einem winzigen Toyota in den Krater gefahren, wurden fast von Nashörnern zertrampelt und waren ganz allein.

Die Reise führt schliesslich in den endlosen Horizont der Serengeti, ein Löwenrudel lagert unter einem Baum, in der Krone ein empört besorgter Affe und auf der anderen Schluchtseite die besorgten Gnus, die sich offensichtlich über den zahlreichen Nachwuchs in der Löwenfamilie ihre besonderen Gedanken machen. Ein Zebra im Abendlicht läuft nur noch auf drei Beinen, die Nacht wird es nicht überleben, Festmahl für Schakale. Dann die Silhouette eines toten Büffels, einige Löwen patroullieren, und wenig später treffen wir die nervösen Büffelangehörigen, welche die Vergänglichkeit des Seins hautnah erlebt haben. Und abends kommen wir dank der jetzt von einem anderen «subcontracter» übernommenen, perfekten Organisation in die Luxusburgen des Safari-Tourismus.

Bei meiner ersten Afrikareise habe ich diese Sehnsuchtsorte an den besten Aussichtslagen gesehen, wir reisten mit Lokalbussen und Zelt. Wir näherten uns zehn Meter den Nashörnern und trafen am Lake Manyara die Löwen noch auf den Bäumen an. Abends aber träumten wir vom Feuerplatz in den Lodges mit den gerösteten Nüssen und dem eisgekühlten Scotch. Nun sitzen wir in diesen Nobelherbergen und beobachten Amerikaner, die zum Dinner Fanta trinken, während unser Cabernet zu warm ist. Dafür kommt zehn Minuten später der Hausbüffel vorbei und trinkt aus dem Pool, in dem wir vor zwanzig Minuten noch geschwommen sind.

Schliesslich aber, in «Klein’s Luxury Camp», stimmt auch die Weintemperatur, sowohl jene des Chablis als auch jene des Merlots. Nur zehn Zimmer für insgesamt zwanzig Gäste existieren hier. Der ebenholzschwarze Chef de Cuisine mit dem durchlöcherten, nach oben geknüpften Ohrläppchen und den blitzenden Elfenbeinzähnen erzählt uns, wie ihm als jungem Massai die Diät, die monoton ausschliesslich aus Milch, Rinderblut und Fleisch bestand, irgendwann einmal zu eintönig war. Er begann Gemüse zu pflanzen, wurde Koch. Er bereitet uns ein kulinarisches Fest.

Am letzten Tag treffen wir ein wunderschönes Löwenpaar. Ganz entspannt liegen die beiden da und beobachten eine jenseits der nächsten Schlucht vorbeiziehende Zebraherde. «They are going to mate», flüstert Joseph, unser Fahrer, «and they do.» Das afrikanische Fest kulminiert in orgiastischem Gebrüll.