Ist in der Schweiz die Linke an der Macht? Wer die Rangliste der mächtigsten Verbandsvertreter betrachtet, könnte es annehmen. Nicht die Sprachrohre von Konzernen und Gewerbe führen sie an – in den Top Ten finden sich drei Gewerkschafter sowie eine sozialdemokratische Ständerätin und ein linkskatholischer Hilfswerkchef.

Die Schlagseite nach links lässt sich erklären: Das BILANZ-Rating misst die Macht unter anderem am Einfluss der Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit – der sich natürlich via Volksentscheide in politische Gestaltungskraft umsetzen lässt.

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Auf Grund der Umstände tritt der Einfluss der Linken jetzt auch im Ranking der Mächtigsten zu Tage. Einerseits stufte die Jury die wichtigsten Wirtschaftsvertreter zurück: WEF-Gründer Klaus Schwab zum Beispiel, bisher Nummer eins, büsst als Weltverbesserer seinen Weltruf ein. Und Arbeitgeber-Direktor Peter Hasler trat zwar letztes Jahr nochmals markant auf, kündete aber früh seinen Rücktritt an. Anderseits boten sich die Themen des Jahres für die Linke an, von der Ausweitung der Personenfreizügigkeit über die Misere der Sozialhilfe bis hin zum Asylgesetz.

So herrscht das Paradox: Es geht der Schweiz so gut wie nie seit einem Vierteljahrhundert – aber die Schweizer glauben den wirtschaftskritischen Kräften. Die Wirtschaft muss sich etwas einfallen lassen, wenn sie die Köpfe wieder erreichen will.

1 (2)
Kellenberger Jakob (61)
Präsident IKRK

Er ist der einzige Schweizer, der Zugang zu den Mächtigsten der Welt hat. Zwar hat Jakob Kellenberger bei George W. Bush noch nicht durchgesetzt, dass die IKRK-Delegierten Zugang zu allen Gefangenen haben. Aber er hat Bush trotz seiner Hartnäckigkeit auch noch nicht so verärgert, dass die USA als grösster Beitragszahler aussteigen. Der Spitzendiplomat führt seinen «grossen humanitären Multi» mit einer Milliarde Franken erfolgreich. Dies fast immer diskret, nach seinem Motto: «Man muss entscheiden, ob man Einfluss haben oder in den Medien sein will.» Note 7,68

2 (6)
Gaillard Serge (50)
Sekretariatsleiter Schweizerischer Gewerkschaftsbund

Als Aktivist der Revolutionären Marxistischen Liga träumte er vor einem Vierteljahrhundert kaum davon, dereinst zu den Mächtigsten in diesem bürgerlichen Staat zu zählen. Doch die Gewerkschaften entwickeln sich trotz bröckelnder Basis wieder zum Machtfaktor. Und Gaillard ist ihr gescheites Sprachrohr – ein eifrigerer Missionar für den Keynesianismus, als es Keynes wohl heute selber wäre. Seinen Machtzuwachs im letzten Jahr verdankte er dem Bundesrat und den Arbeitgebern: Den Einsatz für die Erweiterung der Personenfreizügigkeit liessen sich die Gewerkschafter mit verschärften Kontrollen des Arbeitsmarktes teuer bezahlen. Note 7,64

2 (8)
Triponez Pierre (62)
Direktor Schweizerischer Gewerbeverband

Er ist eine markige Erscheinung, doch so markig wie sein Vorgänger Otto Fischer tritt Pierre Triponez nie auf. Er schaffte denn auch die Wahl ins Parlament erst 1999 und machte dort nur von sich reden, weil er vor zwei Jahren für die Mutterschaftsversicherung eintrat. Immerhin kämpft der FDP-Nationalrat jetzt gegen die landesweite Vereinheitlichung der Kinderzulagen. Wenn Triponez 2008 in Pension geht, wünschen sich aber vor allem die SVP-Gewerbler wieder einen Direktor, der gemäss Nationalrat Adrian Amstutz «nicht mit der Nagelfeile, sondern mit der Motorsäge politisiert». Note 7,64

4 (*)
Sommaruga Simonetta (46)
Präsidentin Stiftung für Konsumentenschutz

Das Amt, das sie landesweit bekannt machte, hat sie schon vor sechs Jahren abgegeben. Simonetta Sommaruga, von der Geschäftsführerin zur Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz aufgestiegen, überlässt ihrer Nachfolgerin Jacqueline Bachmann – im Rating auf Platz 16 – denn auch viel Medienpräsenz. Und dennoch gilt sie immer noch als Schutzheilige der Konsumenten. Dabei setzt sie sich nicht für die tiefsten Preise, sondern für die höchste Qualität ein. Die glanzvoll gewählte Berner SP-Ständerätin hat ein grosses Herz für die Bauern – und gewinnt dafür ihre Herzen: die ideale Voraussetzung, wenn dereinst Moritz Leuenberger im Bundesrat ersetzt werden muss. Note 7,56

5 (9)
Rechsteiner Paul (53)
Präsident Schweizerischer Gewerkschaftsbund

«Rückwärts in die Zukunft», titelte die «NZZ», als sie im November vom Fest zum 125-Jahr-Jubiläum des SGB berichtete, bei dem ein «diskretes Chörli» mit der Internationale zum letzten Gefecht aufrief. Präsident Rechsteiner räumt ein, dass er den Fortschritt ablehnt, wenn er nur die «Brutalisierung» der Arbeitsverhältnisse und Lebensbedingungen bringe. Er sieht den SGB als «stärkste Kraft bei der Verteidigung des Sozialstaates» – und will die Zeit gar ein Jahrhundert zurückdrehen, wenn er wettert, der absolute Arbeitsfrieden gehöre «auf den Schuttplatz der Geschichte». Was sagt es über die Lage im Land aus, dass diese Linke so mächtig ist wie noch kaum je? Note 7,36

6 (17)
Krummenacher Jürg (52)
Direktor Caritas Schweiz

Die Zahl der Working Poor sinkt stetig, jene der Sozialhilfebedürftigen liegt tiefer als bisher angenommen. Zum Jahreswechsel schreckte die Caritas das Land dennoch auf: Eine Million Menschen in der Schweiz lebten in Armut. Jürg Krummenacher, einer der Aufsteiger des Jahres, versteht es blendend, sich medial für seine Causa in Szene zu setzen. Immer wieder sieht man ihn in den elektronischen Medien – das gibt ihm Einfluss und mithin Macht. Note 7,24

7 (6)
Blatter Joseph S. (70)
Präsident Fifa

«Er gewinnt immer», schrieb der «Stern», und laut der «Zeit» beherrscht er den Weltfussball. Joseph S. Blatter sagte im Interview mit dem «Blick» zu seinem 70. Geburtstag wohl zu Recht: «Ich denke schon, dass ich aktuell der berühmteste Schweizer bin.» Dennoch schaffte er es auf dieser Liste der Mächtigsten nicht ganz an die Spitze. Erstens fragen die Ermittler immer noch nach den Umständen des Konkurses der Sportvermarkterin ISL. Zweitens fordern die wichtigsten europäischen Klubs in der G-14 mehr Gewicht. Im eigenen Prunkhaus auf dem Zürichberg schliesslich bezahlt Blatter gemäss «Cash» für seine Kontrollwut «mit dem Preis des Verfolgungswahns». Note 7,16

7 (10)
Forster Ueli (66)
Präsident Economiesuisse

Das letzte Jahr im Präsidium des Wirtschafts-Dachverbands war für Ueli Forster wohl auch das schwierigste. Gleich in zwei wichtigen Abstimmungen kämpfte er an vorderster Front – mit Erfolg, aber auch mit Folgen. Beim Beitritt zum Schengen-Raum warf er den Gegnern Lügen vor. Auch Konrad Hummler, dem Präsidenten seiner eigenen St. Galler Industrie- und Handelskammer. Und bei der Erweiterung der Personenfreizügigkeit liess er sich für die Kritiker von den Gewerkschaften in Geiselhaft nehmen. Immerhin hielt der Textilunternehmer Economiesuisse zusammen: Unter seinem Nachfolger Andreas Schmid könnte der Verband auseinander fliegen. Note 7,16

7 (1)
Schwab Klaus (68)
Präsident und Gründer World Economic Forum

Jahrelang war Klaus Schwab im BILANZ-Rating zuvorderst, diesmal stürzte er ab. Denn sein World Economic Forum verliert an Bedeutung. Letztes Jahr genossen Angelina Jolie und Sharon Stone am meisten Aufmerksamkeit, auch für fragwürdige Aktionen. Sogar die «NZZ» spottete danach über «das grosse Zappen durch die Weltprobleme». Klaus Schwab hat überdies bei der Suche nach den besten Gästen harte Konkurrenz erhalten: Sein alter Freund Bill Clinton wirbt ihm mit seinem Konkurrenzunternehmen Clinton Global Initiative die prominentesten Gäste ab. So herrscht selbst bei den Globalisierungsgegnern vor, was der «Tages-Anzeiger» feststellte: «leise Langeweile überall». Note 7,16

10 (11) Pedrina Vasco (55)
Co-Präsident Unia
Note 7,08

11 (*) Fasel Hugo (50)
Präsident Travail.Suisse (Angestellten-Dachorganisation)
Note 7,00

12 (*) Mirabaud Pierre G. (57)
Präsident Schweizerische Bankiervereinigung
Note 6,92

13 (14) Ramsauer Rudolf (54)
Vorsitzender der Geschäftsleitung Economiesuisse
Note 6,84

14 (3) Hasler Peter (60)
Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband
Note 6,76

15 (20) Walter Hansjörg (55)
Präsident Schweizerischer Bauernverband
Note 6,36

16 (*) Bachmann Jacqueline (47)
Geschäftsführerin Stiftung für Konsumentenschutz
Note 6,32

17 (19) Stämpfli Rudolf (50)
Präsident Schweizerischer Arbeitgeberverband
Note 6,28

18 (*) Held Thomas (60)
Direktor Avenir Suisse
Note 6,24

19 (*) Brändli Christoffel (63)
Präsident Santésuisse
Note 6,20

20 (*) Hartl Rolf (51)
Geschäftsführer Erdöl-Vereinigung
Note 6,08

20 (*) Rhinow René (63)
Präsident Schweizerisches Rotes Kreuz
Note 6,08