Mit dem Rücken zur Wand sitzt der distinguierte Herr mit dem schlohweissen, zurückgekämmten Haar. Die Beine locker übereinander geschlagen, gekleidet in edles Tuch. Auf der Nase eine Brille mit runden Gläsern, die seinem Konterfei einen intellektuellen Touch verleiht. Vertieft ist er in eine angeregte Konversation mit seinem Gegenüber, und wenn er spricht, reden seine Arme mit. Immer jedoch behält er den Raum im Auge: ein vornehmes Ambiente, angenehm gedämpftes, melancholisches Licht, hohe Kassettendecke, handbemalte Wände in Rot, Holzparkett. Exakt so, wie die Innenarchitektur des grosszügigen Raumes Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden ist. Die Erscheinung des Mannes passt in dieses herrschaftliche Haus.

Ein Nachkomme jener Highsociety, die zur Gründerzeit in diesem Anwesen ein und aus gegangen ist? Ein Politiker nationaler Couleur, ähnlich denen, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hier sassen und über die politischen Zeitläufte debattierten? Oder ein linker Intellektueller, wie sie Jahre später Umgang pflegten in diesem Haus?

Nichts von alledem. Der hier sitzt im Speisesaal der Villa Feltrinelli am Westufer des Gardasees, ist Bob H. Burns, amerikanischer Hotelier, seit 1997 Besitzer dieses weltweit wohl einzigartigen Grandhotels. Ein Gastgeber, der jenen unaufgeregten, weltläufigen Habitus pflegt, der den grossen Hotelier auszeichnet: immer präsent, aber nie im Mittelpunkt, im Blick die Details, die mancher Gast nicht mal bemerkt. Wer hier in der Villa Feltrinelli absteigt, erlebt Gastfreundschaft, nicht Hotelmanagement; bucht kein Hotelzimmer, sondern Privatheit. Eine Réception, die Anreisende administrativ empfangen würde, existiert nicht in diesem Haus. Stattdessen gibt es einen unscheinbaren Schreibtisch, an dem Formalitäten erledigt werden. Wer hierher kommt, weiss, was er sucht: Das Schild «Grand Hotel Villa Feltrinelli» an der Einfahrt ist diskret, als wäre es das Klingelschild eines guten Freundes.

Und so muss das auch damals schon gewesen sein, im Jahre 1892, als diese Villa von den Brüdern Angelo und Giacomo erbaut worden war – Söhne jenes Faustino Feltrinelli, welcher der italienischen Familiendynastie den Namen gegeben und mit seinem Holzhandel den Grundstein für ein immenses Vermögen gelegt hat. Als Sommerresidenz konzipiert, muss es in den warmen Monaten des Jahres gesellig zugegangen sein, hier am Ufer des Gardasees, wenn sich das Wasser im schönsten Türkisblau in der Sonne spiegelte und sich die Damen im langen Rock und mit Sonnenschirm in der Hand dem angeregten Smalltalk mit den Herren hingaben – von dieser Beschaulichkeit der Gründerzeit zeugen jedenfalls zahlreiche vergilbte Schwarzweissfotografien in der Villa Feltrinelli.

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Ein halbes Jahrhundert später – das Familienvermögen der Feltrinellis ist dank der Gründung von Elektrizitätswerken und einer Bank zum grössten in Italien angewachsen – sind die Schockwellen der Weltgeschichte spürbar bis an das Ufer des Gardasees. Der italienische Duce Benito Mussolini, Seite an Seite mit Adolf Hitler Frontmann im Zweiten Weltkrieg, wurde infolge chronischer kriegerischer Erfolglosigkeit von seinem eigenen faschistischen Grossrat abgesetzt und von König Viktor Emanuel III. interniert. Nach der Befreiung durch deutsche Fallschirmjäger am 12. September 1943 landet der Faschist schliesslich im grossbürgerlichen Ambiente am Gardasee. Am 10. Oktober 1943 stellen die Deutschen den Duce samt seiner Frau Donna Rachele und den Kindern Romano und Anna Maria in der Villa Feltrinelli unter Hausarrest, beordern zur Bewachung dreissig SS-Leute aus der Leibstandarte Adolf Hitlers, schleifen den Turm der Villa und installieren auf dem Dach eine 37-Millimeter-Flab-Ka- none. In dieser Beschaulichkeit des Seins – Mussolini verbringt seine Zeit mit Tennis auf dem hauseigenen Court im Park der Villa, mit Radfahren ebendort oder dem Kartenspiel mit seiner Gattin – ruft Mussolini im Herbst 1943 die Italienische Soziale Republik (Republik von Salò) aus und beherbergt ein gutes Dutzend Minister seines Schattenkabinetts in herrschaftlichen Villen rund um den Gardasee. Nach 600 Tagen ist dieser «Operettenstaat», so das deutsche Klatschmagazin «Bunte», am Ende: Der Duce stiehlt sich zusammen mit seiner Geliebten Claretta Petacci im Frühjahr 1945 auf leisen Sohlen aus der Villa Feltrinelli davon. Mit wenig Fortüne: Am 27. April 1945 werden sie in der Nähe des Comersees von italienischen Partisanen aufgestöbert und am Tag darauf erschossen.

Ob Faschist, Demokrat oder Kinoschönheit – auf der Veranda der Villa Feltrinelli haben sie im Laufe der Jahre alle gesessen: Mussolini, der britische Kriegspremier Winston Churchill oder auch Grace Kelly. Und nach dem Krieg kommen die Linken. Die Villa fällt zurück in den Schoss der Familie. Giangiacomo Feltrinelli, der Sohn des letzten Vorkriegsbesitzers, ist zwar steinreicher Kapitalist wie alle seines Clans, aber auch Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, Gründer des Mailänder Verlags Feltrinelli, Verleger von Pasternaks Weltbestseller «Doktor Schiwago», befreundet mit Fidel Castro; er druckt das Tagebuch von Che Guevara und allerhand revolutionäres Schrifttum.

Am 14. März 1972 stirbt Giangiacomo Feltrinelli in Segrate in der Nähe von Mailand beim Versuch, einen Hochleitungsmast in die Luft zu jagen. Er trägt 15 Stangen Dynamit am Leib, die zu früh hochgehen. Selbstmord? Attentat? Oder ein profaner Unfall eines verblendeten Politaktivisten? Keiner weiss das so genau, und Giangiacomos Sohn, Carlo Feltrinelli, schreibt in der Biografie seines Vaters mit dem Titel «Senior Service»: «Für die eigenen Ideale sterben, die radikalste aller Geschichten. Doch dieser Tod wirkt nicht als Symbol, passt in kein Schema, wird sowohl auf der Rechten wie auch auf der Linken entweder verdrängt oder lächerlich gemacht. In der Nacht von Segrate mit Sprengstoff zu hantieren, ist nicht einfach. Wer hat die Timer präpariert? Die Aussagen darüber gehen weit auseinander. Die Sache ist als ‹Unfall› zu den Akten gelegt worden, aber auch heute noch sagt der Staatsanwalt, der den Fall damals abgeschlossen hat: ‹Für mich bleibt der Tod Feltrinellis ein Rätsel.›»

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Bob H. Burns, der heutige Besitzer, hat mit der Villa Feltrinelli all diese Geschichten mitgekauft. Er liebt es, sie zu erzählen. Überall kriechen die Ereignisse wieder an die Oberfläche – unmöglich, ihnen zu entrinnen. Sitzt Burns etwa in der Library, kann es vorkommen, dass er auf das Sofa am Fenster zeigt und sagt: «Hier stand der Schreibtisch des Duce.» Heute steht das imposante Geschoss im mittleren Trakt. Die nächste Burns-Anekdote: Vor zwei Jahren kam der Duce-Sohn Romano vorbei, wie der Hausherr Burns weit in den Siebzigern, und wollte nur ein paar Takte auf dem Bösendorfer-Grand-Piano spielen – das hat er von jeher lieber getan, als mit Vater Mussolini im Park Tennis zu spielen. Apropos: Dort, wo sich der Court befand, existiert heute ein beheizter Outdoor-Pool. Und dort, wo sich Feltrinellis Wohnzimmer befand, ist heute das schönste Zimmer, mit betörender Aussicht auf den See – sinnigerweise mit «Lago» beschriftet. Und und und …

Herr Burns, sagen Sie mal: Wieso haben Sie diese Villa eigentlich gekauft?

Bob H. Burns: Meine Frau sagte mir, lass uns ein schönes Haus in Italien kaufen. Ein Freund hat mir ein Bild von der Villa gezeigt. Ich sagte, lass uns das Ding anschauen gehen. Ich suchte ursprünglich einen Alterssitz in der Wärme.

Und?

Es war ein wunderschöner Tag, als wir hier ankamen. Sonne, türkisblaues Wasser, einfach fantastisch. Kein Mensch weit und breit. Nur Vögel hausten in dem Gebäude, und alles war ziemlich verdreckt. Immerhin habe ich bemerkt, dass die Bausubstanz noch intakt war.

Nach dem mysteriösen Tod von Giangiacomo Feltrinelli verlor die Familie offenbar die Freude am herrschaftlichen Anwesen und verkaufte es in den siebziger Jahren an einen Baulöwen aus Brescia. Der liess die Villa verlottern und verkaufte sie schliesslich für 3,5 Millionen Dollar an Bob H. Burns. «Ein Pappenstiel», sagt dieser, und wer wissen will, was Burns dafür bekommen hat, kann sich in «Bob’s Bar» jenes Fotoalbum zu Gemüte führen, das den Zustand der Villa zum Zeitpunkt des Kaufs dokumentiert: Eine Augenweide ist das nicht gewesen.

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Doch dieser Burns, der sein ganzes Leben in der Hotellerie zugebracht, 1970 die damals wohl weltweit innovativste Hotelkette, Regent International, gegründet und reihenweise Hotels in den USA, Europa und Asien eröffnet hatte, wollte hier am Gardasee seine Erfahrungen aus über einem halben Jahrhundert als Gastgeber in der Luxushotellerie zur Vollendung bringen.

Herr Burns, was macht für Sie Gastfreundschaft aus?

Zuvorkommender Service, kein Dünkel, sondern menschliche Wärme gegenüber dem Gast. Ich sage immer: Service, Service, Service. Und das auf einfache, sympathische Art.

Und wo in der Welt findet sich das?

In Asien. Die fernöstliche Gastfreundschaft lässt Sie in das ultimative Wohlbefinden entfliehen. Die Japaner haben das perfektioniert, und die Hongkong-Chinesen sind sehr effizient. Nicht umsonst haben wir, als wir im Jahre 1976 das «Regent Hongkong» eröffnet haben, dieses Hotel zu einem der besten der Welt entwickeln können.

In der Vergangenheit war jedoch die europäische Luxushotellerie weltweit tonangebend …

Das ist richtig. Zu meiner Zeit in Hongkong war dies für Hotelmanager das heisseste Pflaster, und die meisten kamen aus der Schweiz. Wir nannten sie die Swiss Mafia, viele waren in der Hotelfachschule Lausanne geformt worden.

Dennoch ist die Hotellerie in der Schweiz heute nicht mehr Weltspitze.

Es gibt immer noch gute Adressen in der Schweiz. Alle haben Schweizer Technik kopiert. Hinzu kommen aber ein amerikanischer Managementstil und eine fernöstliche Art der Gastfreundschaft. Und das Produkt, das muss selbstverständlich stimmen.

Das Produkt, das heisst im Falle der Villa Feltrinelli: Jedes Detail musste wieder in den Originalzustand zurückversetzt werden, die Stoffe, die Fresken, die Fenster. Und da die Beamten des italienischen Denkmalschutzes die grössten Kritiker sind, verschlang dies Zeit und Geld. Fünf Jahre lang wurde daran gearbeitet, und 35 Millionen Dollar wurden investiert – dann erst war Bob H. Burns zufrieden und mit ihm die Beamten.

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Herr Burns, Sie müssen ein sehr pedantischer Mensch sein.

Das bin ich nicht. Ich hatte doch keine Ahnung, dass dies so teuer werden und so lange dauern würde. Jetzt ist aber alles wundervoll.

Was ist Ihnen persönlich in einem Hotelzimmer am wichtigsten?

Das Bad. Wir waren bei Regent die ersten, die grosszügige, lichtdurchflutete Bäder gebaut haben. Sie müssen sich darin so wohl fühlen, als wären Sie bei sich zu Hause.

Die Bäder – in der Tat. Zum Beispiel in der Suite «Lago»: frei stehende Badewanne, in Holz eingelegt; davor eine Fensterfront zum Gardasee. Das gibt es nicht einmal zu Hause.

«Diese Villa hatte das Glück, einen Burns zu finden.» Der dies sagt, ist Markus Odermatt, Direttore Generale Grand Hotel a Villa Feltrinelli und Schweizer Hotelier. Hier schliesst sich ein Kreis: asiatische Gestfreundschaft, Schweizer Know-how, amerikanisches Management.