Das ölreiche Venezuela versinkt im Chaos von Hunger und Gewalt. Doch in Mérida fährt mit Hilfe aus der Schweiz seit 2016 die höchste und längste Pendelseilbahn der Welt. Das Problem: es gibt keine Touristen und sie ist noch nicht bezahlt. Eine Parabel auf Venezuelas Irrsinn.

Auch in 4765 Metern Höhe gibt es kein Klopapier. Dabei ist die Bergstation «Pico Espejo» vom allerfeinsten, wie ein auf der Bergspitze gelandetes Raumschiff. Blau schimmernde Panoramafenster geben den Blick frei auf das Andenpanorama. In Caracas fehlt den Bäckern das Mehl für das Brot. Hier, hoch oben über der Stadt Mérida, gibt es eine venezolanische Variante der Schwarzwälder Kirschtorte.

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Blitzblanke Toiletten ohne Klopapier

Eine fast perfekte Inszenierung, wären da nicht die Toiletten, alles blitzblank, feine Edelstahl-Halter. Aber eben kein Klopapier. Der eklatante Mangel lässt sich auch hier nicht kaschieren. Im Land mit den grössten Ölreserven der Welt fehlt das Geld, um genug Klopapier einzuführen. Wegen der lange sprudelnden Ölmilliarden setzten die Sozialisten auf den Import, statt mehr selbst zu produzieren. Und liessen hier mit Hilfe aus Europa ein Jahrhundertprojekt realisieren.

«Willkommen in der längsten, höchsten, modernsten und sichersten Seilbahn der Welt», dringt eine Frauenstimme aus Lautsprechern. Es folgt ein Loblied auf den früheren Staatspräsidenten Hugo Chávez, auf die sozialistische Revolution, die das hier erst ermöglicht habe.

Seilbahn von 12,5 Kilometer Länge

45 Minuten ist man unterwegs. Es gibt zwar noch eine Gondelseilbahn auf einen Gletscher in China, die etwas höher geht, aber hier betonen sie, es gebe nirgends so eine hin- und herfahrende Pendelseilbahn.

Insgesamt 12,5 Kilometer lang. Irgendwie ist sie nun ein Symbol von gescheitertem Grössenwahnsinn. 18 Jahre Sozialismus und ein Ölpreis unter 50 Dollar bugsieren Venezuela an den Rand des Ruins. Während auf den Strassen auch in Mérida zuletzt Menschen bei Protesten gegen Chávez Nachfolger Nicolas Maduro durch Kopfschüsse starben, ist es hier oben himmlisch schön. Eine Oase im Chaos, eine Parallelwelt.

Präsident Maduro blieb der Einweihung fern

Weil das Ganze etwas irre wirkt, hat Maduro, der sonst jede neue Busstation mit Brimborium einweiht, sich hier zur Eröffnung nicht blicken lassen. 300 Passagiere können mit der Seilbahn pro Stunde fahren. Es geht über fünf Stationen, von 1577 auf 4765 Meter. Oben gibt es einen Weg zu einer Plattform, von der man einen tollen Blick auf den Pico Bolívar hat (4978 Meter), den höchsten Berg Venezuelas.

Ein ökonomisch mehr als umstrittenes Projekt, gerade in Zeiten, in denen Menschen im Müll nach Essbarem suchen. Damals, 2011, als es den Auftrag für das Unternehmen Doppelmayr/Garaventa gab, war der Ölpreis noch hoch. Und die alte, von 1960 stammende Seilbahn war marode.

Prachthallen statt Baracken

Chávez, der 2013 starb, wollte etwas, dass sein neues Venezuela symbolisiert. Statt Baracken als Zwischenstationen verspiegelte Prachthallen. In der Station Montaña gibt es eine Bar mit weisser Marmortheke und roten Designmöbeln. «Sind aus Italien eingekauft worden», sagt ein Mann, der seinen Namen lieber nicht nennen will.

Es gibt einen Konzertsaal, eine Station höher, dort kann man feinste Schokolade kosten. Man will nicht wissen, wie defizitär das hier sein muss. Und muss zwangsläufig an die vielen Schlangen vor oft leeren Supermärkten und Apotheken da unten im Land denken.

Eines der schwierigsten Projekte denn je

Pedro Olivares hat harte Monate hinter sich, er ist der Vertreter des Seilbahnweltmarkführers Doppelmayr in Venezuela. Doppelmayr hat im letzten Geschäftsjahr 834 Millionen Euro Umsatz gemacht und bisher 14'700 Anlagen weltweit gebaut. «Als Venezolaner bin ich sehr stolz, das ist eine grossartige Arbeit», sagt Olivares. Hinter ihm liegen fünf Jahre Arbeit, eines der schwierigsten Projekte der Firmengeschichte.

Doppelmayrs Tochterfirma Garaventa aus der Schweiz hat die Bahn gebaut. Olivares hat schon in ganz Südamerika Seilbahnen geplant, in La Paz (Bolivien) gibt es heute das grösste urbane Netz der Welt, von der Satellitenstadt El Alto gondeln jeden Tag die Menschen zur Arbeit in den Kessel von La Paz. Fast 70 Millionen Passagiere seit 2014.

Grossteil der Goldreserven verkauft

Das Meisterwerk der Ingenieurskunst in Mérida hat zwei Haken, die das Dilemma des einst so reichen Landes widerspiegeln. Erstens: 12,8 Millionen Euro sollen noch nicht bezahlt sein. Doppelmayr will sich dazu nicht äussern. Maduros Regierung hat kaum noch Geld, er hat zuletzt schon einen Grossteil der Goldreserven verkaufen müssen.

Das Land steht vor dem Ruin, fast monatlich sind Auslandsschulden in Milliardenhöhe zu begleichen. Für eine Seilbahnfahrt müssen Einheimische 6000 Bolivares zahlen (nach dem Schwarzmarktkurs 1,30 US-Dollar) - Ausländer, die mit ihren Devisen dieses sozialistisches Seilbahnprojekt ans Laufen bringen sollen, dagegen 50 Dollar.

Nur 480 Touristen bisher

Aber seit der Eröffnung im Oktober 2016 kamen gerade einmal 480 Touristen. Das ist der zweite Haken, um Venezuela machen Touristen einen weiten Bogen, es ist wegen der Krise eines der gefährlichsten Länder der Welt. Auch Einheimische sind an diesem Tag in überschaubarer Zahl unterwegs zum Gipfel, so bleiben die 360 Mitarbeiter in der Mehrheit.

«Das ist eine Arbeit der ersten Welt, ein Stolz für Venezuela, ein revolutionäres Projekt unseres Präsidenten Maduro», meint der Chef der staatlichen Seilbahngesellschaft Ventel, José Gregorio Rojas. Bald würden mehr Touristen kommen. «Wir sind dabei, Abkommen mit internationalen Airlines zu suchen.»

Doch die stellen seit 2015 reihenweise den Betrieb in das Krisenland ein. Damit trotzdem ja keiner schlecht über diese Rekordbahn redet, werden Passagiere bei der Ankunft in der Talstation von einem Konterfei mit den Augen von Hugo Chávez empfangen. Darüber der Spruch: «Aqui no se habla mal de Chávez.» Zu Deutsch: «Hier spricht man nicht schlecht über Chávez.»

(sda/me)