In dieser Geschichte geht es nicht um das grosse Geld und die Leute, die es besitzen, die High Net Worth ­Individuals mit mindestens einer flüssigen Million, von Bankern «HNWI» genannt. Nein, dies ist eine Story über «JAMs».

JAMs? Dieses Kürzel stammt nicht aus dem Fachjargon der Vermögensverwalter. Mit JAM People meint man die Menschen, die es mit ihren Einkünften gerade so schaffen, ihre Rechnungen zu be­zahlen, ausgeschrieben «Just About ­Managing». Jene Menschen, die ihre Überziehungs­limiten ausreizen, ihre Kreditkartenrechnungen zu spät bezahlen und mit Risikoaufschlägen bei ihren ­Hypothekarzinsen bedacht werden.

Die Abkürzung ist in der britischen ­Politikersprache nach der Brexit-Abstimmung aufgetaucht. Weil die Menschen, die ihr Leben finanziell nur mit Mühe meistern, plötzlich aus dem Tal der Vergessenen auftauchten und dem Schicksal des United Kingdom eine radikal neue Wendung gaben. Weil man nun für die­-se Brexit-Befürworter einen Namen braucht, eine kurze und griffige Formel.

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Wer sind sie?

Das Brexit-Votum wurde noch als singulärer Protest empfunden. Doch seit der Wahl von Donald Trump ins Weisse Haus suchen die Polit-Analytiker nach Antworten auf die Frage, wer die Anhänger der rechtsnationalistischen Demagogen sind und was sie umtreibt. Sind es verarmte Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, Abgestürzte aus der unteren Mittelschicht, Enttäuschte aus der Mitte der ­Gesellschaft? Provinzler oder Vorstadtmenschen? Globalisierungsverlierer oder bildungsferne Schichten? Versteckte ­Rassisten und Chauvinisten?

Die schnellen Antworten hören sich trivial an. So werden die Trump-Wähler im «Rust Belt» verortet, im Rostgürtel entlang der Grossen Seen im Nordosten, wo einst die Schwerindustrie blühte. Und so werden die rechtsnationalen Anhänger der deutschen AfD im «Tal der Ahnungslosen» vermutet, in jenem Landstrich im ehemaligen Südosten der DDR, der zu Mauerzeiten von den Sendesignalen der westdeutschen TV-Stationen nicht erreicht wurde. Wohlwollend werden sie mal als «besorgte Bürger», mal als «hard-working families» bezeichnet.

Kurzes Versprechen von May

Die britische Premierministerin Theresa May hat die JAMs in ihrer ersten programmatischen Ansprache adressiert: «Wenn Sie aus einer normalen Arbeiterfamilie stammen, dann ist Ihr Leben viel härter, als manche Leute in Westminster realisieren. Sie haben einen Job, aber einen sicheren Arbeitsplatz haben Sie nicht immer. Sie haben Ihr eigenes Heim, aber die Zahlung des Hypothekarzinses macht Ihnen Sorge. Sie kommen gerade so durch, aber die Lebenshaltungskosten drücken.»

May versprach finanzielle Hilfen und sogar eine verpflichtende Beteiligung von Arbeitnehmervertretern in den Boards der Konzerne. Deren Stimme sollte nun gehört werden, so die Botschaft. (Das galt nicht für lange: Im November nahm May diese Versprechen wieder zurück.)

Die Vermessung der Verlierer

Die JAMs sind seither in aller Munde und bereits ein Forschungsobjekt. Erst ziehen TV-Reporter los in die Täler und Quartiere der Abgehängten, die Trump, Le Pen, Petry und Hofer wählen, den Brexit und die gute alte Zeit herbeisehnen. Dann kommen Sozialwissenschaftler zur Vermessung der Einstellung der Eingeborenen. Wie Anthropologen studieren sie die Lebensweise dieser Volksgruppe: Warum entscheiden sie sich plötzlich für den Nationalismus?

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Die Resolution Foundation, eine britische Denkwerkstatt, hat die JAM-Schicht auf eine Gruppe von sechs Millionen Haushalten der unteren bis mittleren Einkommen eingegrenzt, mit mindestens einem Beschäftigungsverhältnis und eher unterdurchschnittlichem Bildungsgrad. Hinzugezählt werden auch Haushalte, die mehr als 50'000 Pfund im Jahr verdienen, davon aber mehrere Kinder ­finanzieren. Zwei Drittel von ihnen haben für Notfälle weniger als ein Monatseinkommen bereitliegen. Nur noch 26 Prozent besitzen ein eigenes Heim – gegenüber 59 Prozent im Jahr 1995.

In der Frühzeit der Sozialforschung wurden die Wiener Soziologen Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld mit einer Langzeitbeobachtung der «Arbeitslosen von Marienthal» berühmt. Sie protokollierten, wie sich das Leben der Menschen in einer österreichischen Arbeitersiedlung veränderte, nachdem 1930 die gros­se Textilfabrik in der Gemeinde geschlossen worden war. Ihr Werk wurde ein Klassiker und enttäuschte Linksrevolutionäre: Die Langzeitarbeitslosen waren für die Revolte nicht zu haben, vielmehr resignierten und verzweifelten sie. Allein schon an der Geschwindigkeit ihres 
Ganges konnte man im Lauf der Zeit erkennen, wie sie ihre Energie verloren.

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Heute gehört Marienthal zur Gemeinde Gramatneusiedl in der Nähe von Wien. Dort wählten sie im zweiten, ungültigen Wahlgang mit fast 54,9 Prozent der Stimmen den rechtsnationalen FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer.

Das heutige Trump-Land

In den USA erforschten Robert und Helen Lynd 1924 und 1935 das Alltags­leben in der Durchschnittsgemeinde Muncie im Bundesstaat Indiana. Sie nannten den Ort «Middletown». Auch ihre Studie ist ein Klassiker. Sie wurde aus der Wissenschaftsgemeinde kritisiert, weil sie erklärte, dass auch ein Diktator wie Adolf Hitler von der Wählerschaft des Städtchens unterstützt würde. Muncie wurde zum Inbegriff des gewöhnlichen Amerika, in dem sich in den kulturellen Grundzügen wenig ändert.

Heute gilt Muncie unter Demoskopen als Musterfall. Die Stadt mit 70 000 Einwohnern hat die beste Zeit hinter sich. Die grossen Zulieferfabriken der Automobilindustrie schlossen schon vor 35 Jahren, die letzten um die Jahrtausendwende. Werksgebäude stehen als Ruinen in der Landschaft. Gute Jobs gingen ins Ausland oder in den Süden, wo die Löhne niedriger waren. Doch neben den Quartieren der Verlierer, die oft schon wegen eines Drogentests bei der Einstellung scheitern, gibt es in Muncie auch das Quartier mit einer modernen Universität und global vernetzten Mitarbeitern, deren Ausbildungsprofile man auf Lin­kedIn studieren kann.

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Muncie und die verrosteten ­Fabrikruinen, das ist heute Trump-Land, und man kann es leicht verstehen. «Wer seinen Arbeitsplatz verliert, ist unglücklich und wütend, und in fortgeschrittenen ­Industrienationen haben Arbeitslose eine Stimme», bemerkte bereits 1998 der Wirtschaftshistoriker David Landes.

Die JAMs der Schweiz

Global reicher, lokal ärmer – diesen Effekt können auch Menschen in der Schweiz erleben. Die 300 Reichsten der Schweiz besitzen im Durchschnitt mehr als zwei Milliarden Franken. Das Reinvermögen betrug 2014 gemäss Nationalbank-­Daten pro Kopf 405'000 Franken, etwa 115'000 davon waren Pensionskassenvermögen. Die Schweizer besitzen Immobilien im Marktwert von 1815 Milliarden Franken, pro Haushalt im Schnitt rund 500'000 Franken. Das ist weltweit ein Spitzenwert.

Die dunkle Seite ist weniger sichtbar. Sie ist auf der Soll-Seite der Konti verbucht mit 794 Milliarden Franken, die Schweizer zumeist als Hypothekardarlehen geliehen haben – fast 120'000 pro Erwachsenen. Auch damit sind sie Weltspitze. Die Verteilung ist jedoch nicht durchschnittlich: Reiche haben viel mehr Vermögen, Arme im Verhältnis zum Vermögen viel mehr Schulden. Auch die nackte Armut ist im Alltag kaum sichtbar, aber es gibt sie: 2014 war jedes 20. Kind von Einkommens­armut betroffen und jedes sechste Kind armutsgefährdet, wie die Statistiker des Bundes sagen. Somit waren knapp 73'000 Kinder unter 18 Jahren einkommensarm und 234'000 Kinder armutsgefährdet.

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«Schweigen ist der einzige Schutz»

In Muncie scheiterten die JAMs nach dem Immobiliencrash. Viele verloren dramatisch. Die Mittelklasse sei in ganz Amerika abgerutscht, sagt John Della Volpe, der Umfrage-Chef an der Harvard University. Das stille Geheimnis der Durchschnittshaushalte, ob in Muncie, Miami oder Milwaukee: Die Hälfte von ihnen hat Schwierigkeiten, in einem Notfall auch nur 400 Dollar aufzutreiben, fand die Fed heraus.

Aber darüber redet man nicht. «Es ist wahrscheinlicher, dass Sie von Ihrem besten Freund erfahren, dass er Viagra nimmt, als dass er Ihnen von seinen Kreditkartenproblemen erzählt», sagt Brad Klontz, Finanzpsychologe an der Creighton University. In der Nation der Optimisten ist kein Platz für Hoffnungslosigkeit. In Amerika Finanzprobleme zu haben, sei wie sozialer Suizid, sagt der Reporter Neal Gabler, der seine eigene Geschichte im Magazin «The Atlantic» offenbarte. «Schweigen ist der einzige Schutz.»

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«Economic Voting»

Daher sollte es uns eigentlich nicht überraschen, dass die Regierung in ­Muncie und vielen anderen «Middletowns» abgestraft wurde. Denn das ist immer so, so wählen die JAMs dieser Welt, seit es Wahlen gibt: Wenn es wirtschaftlich gut läuft, wird die Regierung unterstützt. Wenn nicht, dann wird sie an der Urne abgestraft.

Dieses «Economic Voting» wurde in allen stabilen Demokratien gemessen, aber nicht in allen Ländern gleich stark. So zeigen empirische Untersuchungen der Wahlen in der Weimarer Republik, die Adolf Hitler an die Macht brachten, starke ökonomische Beweggründe beim dramatischen Wechsel von traditionellen Parteien zur Nazipartei NSDAP. Ein Wirtschaftshistoriker-Team mit dem Harvard-Professor Gary King fand heraus, dass verarmte Arbeiter entscheidend zum Erfolg der Nationalsozialisten beitrugen, während Arbeitslose mehrheitlich kommunistisch wählten.

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Hitler wurde von den Verlierern der Grossen Depression am deutlichsten gewählt. Das King-Team kam zum ernüchternden Ergebnis, dass Hitler durch Verhaltensweisen an die Macht kam, die wir weltweit von den allermeisten demokratischen Wahlen kennen. Eine neue Studie der Politikwissenschaftler Hanspeter Kriesi und Enrique Hernández wiederum zeigt, wie durch die jüngste Finanzkrise Mainstream-Parteien von radikalen Parteien verdrängt wurden und das Parteiensystem instabiler wurde. Die Regel: Je härter die Krise, umso drastischer die Eruption im Parteiensystem.

Warum gerade heute?

Aber im Fall der JAMs von Muncie stellt sich die Frage, warum sie die Regierung erst jetzt abstrafen, da ihre Fabriken doch schon vor gut 30 Jahren geschlossen wurden und sie nun schon jahrzehntelang unter der Wirtschaftsmisere leiden. Es muss eben doch mehr als nur die wirtschaftliche Lage gewesen sein.

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Der britische Journalist Gary Younge versuchte, Antworten auf diese Fragen zu bekommen. Vor und während der Trump-Wahl mietete er sich in Muncie für eine Langfrist-Reportage ein. Er meint, dass ein Mix verschiedener Faktoren die Trump-Wähler bewegt habe. Der Protest gegen den Freihandel zum Beispiel, weil sie gesehen haben, wie Jobs ins Ausland verloren gingen. Die Hoffnungslosigkeit, weil sie zwar einen Job haben, aber niemals wieder den Wohlstand erreichen können, den sie von ihren Müttern und Vätern kannten. Das Gefühl, dass ihnen niemand zuhört. Und nicht zuletzt die Rassenfrage, weil sie immer noch an den Mythos eines weissen, völkischen Amerika glauben, obwohl zwölf Prozent der Einwohner schwarz sind. «Rasse war ganz klar die Bruchlinie», sagt Younge: Trump bekam 60 Prozent der weissen Stimmen.

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Das beherrschende Motiv

Auch Eric Kaufmann, Professor an der University of London, fand, dass die Brexit- und Trump-Befürworter weniger signifikant durch ihr Einkommen als durch ihre Einstellungen bestimmt werden können. Er entdeckte bei dieser Gruppe dies- und jenseits des Atlantiks eine deutlich ­erkennbare rechtslastig-autoritäre Einstellung, die nach Ordnung und stabiler Führerschaft sucht. «Dies und nicht die Klasse» ist nach Kaufmann bei diesen Abstimmungen entscheidend gewesen. Und sowohl für Trump wie für den Brexit konnte er feststellen, dass die Immigration und nicht die Ungleichheit das beherrschende Motiv dieser Wählergruppen war.

Einige Forscher vertreten die These, dass eine White-Collar-Immigration von eher hoch qualifizierten Einwanderern bei den Inländern ein stärkeres Ressentiment erzeugt unter den Mittelschicht-Beschäftigten, die sich vor dieser Konkurrenz fürchten. Und entsprechend würde eine Blue-Collar-Einwanderung eine xenophobe Ein­stellung in der Arbeiterschicht motivieren.

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Sich von hochschulgebildeten Migranten bedroht ­fühlen

In der Schweiz zum Beispiel lassen die Vox-Daten zur SVP-Zuwanderungsinitiative den Schluss zu, dass sich Stimmbürger mit einer höheren Berufsbildung oder einem Mittelschulabschluss wie jene mit nur einer obligatorischen Schulbildung für einen Schweizer Vorrang am Arbeitsmarkt aussprechen. Man kann ­daraus ableiten, dass sie sich von jungen, hochschulgebildeten Migranten bedroht ­fühlen.

Ähnlich entdeckten auch Forscher der Friedrich-Ebert-Stiftung in Deutschland, dass Personen mit unterem und mittlerem Einkommen und geringerer bis mittlerer Bildung anfälliger für menschenfeindliche Meinungen sind. Während sich immer noch eine deutliche Bevölkerungsmehrheit (77 Prozent) hoffnungsvoll ­gegenüber den ins Land Geflüch­teten zeigt und sich nur ganz ­wenige durch Flüchtlinge in ihrer Lebensweise (6 Prozent) oder ­finanziell (7 Prozent) bedroht fühlen, radikalisiert sich hingegen eine «kleine, harte Minderheit» der AfD-Anhänger.

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«Die Haltungen und Gefühle gegenüber Geflüch­teten hängen weniger vom Einkommen oder anderen sozio­demografischen Merkmalen ab», schreiben die Studienautoren, «als vielmehr von der politischen Grundhaltung der Befragten.» Der Befund für die vergangenen zwei Jahre: Mit der Radikalisierung der AfD haben sich auch ihre Anhänger radikalisiert.

Sie wurden muslimfeindlicher, antisemitischer, rechtsextremer, verschwörungstheoretischer, völkischer, nationalistischer.