Frauen haben ihre männlichen Zeitgenossen inzwischen weltweit in Bezug auf Bildung überholt. Haben die Frauen das eigentlich schon bemerkt? Dr. Monique R. Siegel, eine der schweizweit bekanntesten Wirtschaftsethikerinnen und Trendspezialistinnen, zeigt sich enttäuscht über den aktuellen Stand der Geschlechterdiskussion.

Sie beschreibt in ihrem 2014 erschienenen Buch «War’s das schon? Wie Frauen ihre Chancen verpassen» den Megatrend «Female Shift» als eine langsame, aber unaufhaltsame Verlagerung von Kompetenzen, Einflussnahme und Entscheidungsverantwortung von den Männern hin zu den Frauen.

Wie es die Frauen bereits in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts anvisiert hatten, plädiert Siegel für eine Systemveränderung. Die 68er-Revolutionäre und -Revolutionärinnen, so die Autorin, brachten leider kaum mehr als Lippenbekenntnisse in Sachen Gleichberechtigung hervor.

Wenig Zufriedenheit und noch weniger Stolz

Auch im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ist in der «gefühlten Realität» vieler Frauen wenig von Zufriedenheit und noch weniger Stolz auf das Erreichte zu spüren. Trendforscherin Siegel: «Stell dir vor, Frauen hätten schon so viel erreicht, und keine nimmt es wahr.»

Die Klagen über zu wenige Frauen in Positionen mit Macht sind unüberhörbar. Und immer noch mündet die Diskussion im Endlosthema, das die Sicht auf die Erfolge blickdicht vernebelt: die angebliche Unvereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie. Warum denn immer nur dieses hypnotisierte Starren auf Statistiken – als ob die weibliche Berufswelt nur aus Geschäftsleitungs- und Vorstandsmitgliedern bestünde! Und wieso stellt niemand die Frage, ob nicht vielleicht etwas mit dem System falsch sei?

«War’s das schon?» von Monique R. Siegel

«War’s das schon?», Monique R. Siegel, Orell Füssli 2014.

Quelle: ZVG
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Monique R. Siegel trifft den Punkt, wenn sie darauf hinweist, dass der Megatrend «FemaleShift» Männer durchaus miteinbezieht – entgegen dem, was der Begriff möglicherweise vermuten lässt. Denn für einen Kulturwandel braucht es auch die andere Hälfte der Menschheit, auch wenn sie mit 49 Prozent die «kleinere» ist.

Die Wirtschaftsethikerin beobachtet, dass Männer begonnen haben, den Sinn ihres Tuns, die heutigen Arbeitsanforderungen und die Art, wie die Wirtschaft mit dem Thema «Familie» umgeht, zu hinterfragen, und sie vermutet die Finanzkrise als eine Ursache für diese Bewusstseinsänderung. Der jüngste Entscheid des Schweizer Parlaments zugunsten eines Vaterschaftsurlaubs scheint ihre Beobachtung des Kulturwandels zu bestätigen.

Schluss mit «Yes, but»

Monique R. Siegels Buch ist prallvoll mit Beispielen, wie sich in den vergangenen vier bis fünf Jahrzehnten unsere Welt zugunsten der Chancengleichheit verändert hat. Sie legt unzählige Gründe dar, um auf Geschlechtsgenossinnen stolz zu sein, und motiviert die Frauen, diese Lebensgeschichten als Ansporn für sich und ihre Töchter zu verstehen, die sich ihnen bietenden Möglichkeiten beherzt zu ergreifen. Oder wie es die Autorin formuliert: Schluss mit «Yes, but», es lebe das «Why not!».

Die Stimme von MRS, ihr unermüdlicher Appell, sich nicht in Klage und Selbstmitleid zu verlieren, sondern sich von bisher erreichten Fortschritten in Sachen Chancengleichheit inspirieren und anspornen zu lassen, ist diesen Frühsommer, 80-jährig, für immer verstummt. Ihre Ermutigung, das Erreichen der eigenen Ziele niemals für unmöglich zu halten, lebt im Herzen ihres Publikums und ihrer zahlreichen Freundinnen und Freunde jeden Alters weiter! Danke, Monique!

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JACQUELINE JAKOB

Jacqueline Jakob ist Chefin der Energie-Agentur der Wirtschaft.

Quelle: ZVG