Wenn der Direktor der Wettbewerbskommission (Weko), Rafael Corazza (64), auftaucht, bedeutet das für die Firmen oft Ärger: Im besten Fall kommen sie mit viel Aufwand und ohne Strafe davon, im schlechtesten Fall droht ihnen eine saftige Busse oder ein Verbot, die geplante Übernahme zu tätigen. Der neuste Fall, den Corazza ­genauer anschauen will, ist das geplante Gemein­schafts­unter­nehmen im Werbemarkt von Swisscom, SRG und Ringier.

Als Corazza 2006 den Job als oberster Wettbewerbshüter antrat, galt er als Hoffnungsträger: Der Ökonom sollte die eingerostete Juristenbehörde aufmischen, zusätzliche Wettbewerbsschranken abbauen und die Hochpreisinsel Schweiz schleifen. Alle Erwartungen konnte er nicht erfüllen. «Die Verfahren sind deutlich komplexer geworden», erklärt Corazza. Aus Ressourcenüberlegungen setze er Prioritäten und strebe Leitentscheide an. Sein Motto: «Lieber ein klarer als ein riskanter Fall.»

Genug vom Job hat er aber noch lange nicht. Obwohl er im nächsten Jahr das ordentliche Pensionsalter erreicht, wird Corazza mit dem Segen des Bundesrats die Weko und ihre 75 Mitarbeiter noch bis 2018 weiterführen. «Es ist einfach zu früh, um mit der Arbeit aufzuhören», sagt Corazza und wird damit zum Vorbild für all jene, die für ein Rentenalter 67 kämpfen.

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Die Mitstreiter

Viele Freunde hat ein Kartelljäger in der Wirtschaft nicht. «Der Job verlangt Distanz», sagt Rafael Corazza. Als «sehr gut» lobt er die ­Zusammenarbeit mit dem Präsidenten der Wettbewerbskommis­sion, Vincent Martenet, der ihn auch bei seinem Entscheid unterstützt hat, über das Pensionsalter hinaus zu bleiben, und seinen Mitarbeitern im Weko-Sekretariat. Enge Kontakte pflegt Corazza mit dem Wirtschaftsdepartement, allen voran mit Eric Scheid­eg­ger, dem Chefökonomen im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), dem Generalsekretär Stefan Brupbacher und natürlich mit Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann.

Aber auch mit der früheren Crew verstand er sich gut: mit dem Seco-Chef Jean-Daniel Gerber, dessen Stellvertreter Aymo Brunetti, der heute Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern ist, dem langjährigen Generalsekretär Walter Thurnherr sowie mit Bundesrätin Doris Leuthard, die ihm immer Rückendeckung gegeben hat. Im Kampf gegen Wettbewerbsbarrieren kann Corazza auf die Hilfe von Preisüberwacher Stefan Meierhans zählen, auch wenn dieser bei vertikalen Preisabsprachen gerne mal einen angriffigeren Kurs fahren würde.

Regelmässig trifft sich Corazza mit Freunden aus seiner Studienzeit. Dazu gehören etwa Kurt Altermatt, der frühere Direktionspräsident der Solothurner Spitäler, oder Rudolf Gerber, der ehemalige Rektor der Berner Fachhochschule.

Die Gegenspieler

Mit der Swisscom hat Corazzas Behörde schon manchen Strauss ausgefochten. Jetzt muss ­Konzernchef Urs Schaeppi erneut antraben und seine mit SRG-Chef ­Roger de Weck und Ringier-Chef Marc Walder ausgeheckten Pläne erklären. Aber die Weko ­legte sich auch mit den Swisscom-Konkurrenten an: Sie verbot den Chefs von Sunrise und Orange, Christoph Brand und Thomas Sieber, ihre Firmen zu fusionieren. Was dem Chef der Kommunikationskommission, Marc Furrer, nicht passte. Weiter verknurrte sie Nick Hayeks Swatch Group dazu, der Konkurrenz weiterhin Komponenten zu liefern. Anderen Firmen brummte die Weko wegen Absprachen Bussen auf – zuletzt mehreren ­Sanitärgrosshändlern wie Sanitas Troesch unter der Leitung von Michael Schumacher oder der von Serge Olar geführten Musik Olar.

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Corazza hätte gerne eine schlanke Kartellgesetzrevision gehabt, die ihm unter anderem «international übliche und sachgerechte ­Prüftests» bei Fusionen ermöglicht hätte. Doch der Widerstand war gross – insbesondere bei der Gewerbeverbandsspitze um ­Direktor Hans-Ulrich Bigler und Präsident Jean-François Rime. Eine «Lex Nivea» hingegen, wie sie die Präsidentin der Konsumenten­stiftung und Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo mit Unterstützung des früheren Weko-Mitglieds Roger Zäch forderte, lehnt er ab – ganz zum Miss­fallen von Migros-Chef Herbert Bolliger.

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