Thomas Gloor hat eine Vision. Der diplomierte Yogalehrer und Betriebsökonom sieht seinen Sport als idealen Gegenpol zur hektischen Geschäftswelt. Geht es nach seinen Vorstellungen, sollen Yogaübungen zur zwischenzeitlichen Entspannung im Büro so selbstverständlich werden wie die Kaffeepause mit den Kollegen.

Deshalb gründete Gloor, der an der Yogaschule Sunanda in Cham unterrichtet, letztes Jahr die Organisation Swiss Business Yoga. Sie soll Yoga in Unternehmen salonfähig machen. Noch sind die Vorurteile gross – vor allem bei Managern. «Sie haben das Bild im Kopf von Menschen, die auf einer Matte komische Verrenkungen machen», so Gloor. Doch der Fachmann ist überzeugt vom Potenzial des Business Yoga und verweist auf Erfolge in Deutschland. «Es ist eine Frage der Zeit, bis sich Yoga auch in den Chefetagen etabliert.»

Er ist nicht der Einzige, der den ­Managern zu einem gesünderen Leben verhelfen will. Businessleute und Führungskräfte sind zur eigenständigen Zielgruppe im boomenden Wellnessmarkt geworden.

Beispiel Grand Resort Bad Ragaz: Im gut 5000 Quadratmeter grossen Well­nessbereich «To B.» des Luxusresorts sind seit kurzem nicht mehr nur Schwitzen, Schwimmen und Schönheitspflege angesagt, sondern auch Schlafen. Die Innovation namens «Napshell» wurde letztes Jahr installiert. Auf der formschön designten, überdachten Liege sollen müde Gäste in einen heilsamen Powernap verfallen. Das 20-minütige Schläfchen kostet 50 Franken. Im eigenen Bett wäre es gratis – doch für gestresste Manager ist die Schlaf­muschel eine attraktive Option. Im besten Fall kompensieren die abgekämpften ­Leader damit sechs Stunden Normalschlaf – ideal für Menschen, die permanent unter Zeitdruck stehen.

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Darauf spekuliert auch Peter Tschirky, CEO des Grand Resort Bad Ragaz. Er arbeitet daran, mehr Führungskräfte in ­seine beiden Nobelhäuser Grand Hotel Quellenhof & Spa Suites und Grand Hotel Hof Ragaz zu locken. «Für uns sind Geschäftsleute ein wichtiges Kundensegment», sagt Tschirky. Eine Zielgruppe, die inzwischen bewusst mit Angeboten zur Verbesserung der eigenen Gesundheit umworben wird. Erst vor kurzem wurde neu ein Programm zur Burnout-Prävention eingeführt. Es enthält eine psychotherapeutische Standortbestimmung, Biofeedback, Empfehlungen für Stressmanagement, Baden im Thermalwasser usw. Im Modul «Leistungssteigerung» wiederum werden die Manager von Experten des Swiss Olympic Medical Center auf ihre Fitness getestet. Genau diese Nähe zum zugehörigen medizinischen Zentrum Bad Ragaz sieht Tschirky als Vorteil im Kampf um die anspruchsvolle Klientel. «Wir haben eine langjährige ­Expertise in der Verbindung von Hotelbetrieb und ärztlichen Leistungen. Das ist unser Plus», so Tschirky.

Medical wellness. Tatsächlich richten auch andere Luxushotels ihre Wohlfühlzonen vermehrt auf ausgepowerte Führungskräfte aus. «Das ist eine Zielgruppe, die von den Fünfsternhäusern gezielt angegangen wird», weiss Catherine Zimpfer, Leiterin Produktekampagnen bei Schweiz Tourismus. Mit Entspannungsangeboten wie der «Jet Lag Re­covery» («Fairmont Montreux Palace», Montreux) oder einem «Cooldown for Managers» («Kempinski», St.  Moritz) soll den Führungskräften das Spa schmackhaft gemacht werden.

Einige Häuser gehen inzwischen aber weiter und bieten den Topshots konkrete medizinische Leistungen an – ganz im Sinne des Medical-Wellness-Trends, der in den letzten Jahren stark aufgekommen ist. Der «Kronenhof» in Pontresina etwa lancierte 2008 in Zusammenarbeit mit der Klinik Gut und Gut Training in St.  Moritz ein Anti-Burnout-Programm, «um das ­innere Gleichgewicht wiederzufinden». Wer die zwei- oder siebentägige Behandlung bucht, wird auf Herz und Nieren ­untersucht: Messung der Stresswerte der Teilnehmer, sport­medizinische Unter­suchung, Ernährungsberatung usw. Kostenpunkt pro Woche: 3130 Franken – Übernachtung exklusive. «Wir stellen fest, dass Führungskräfte zunehmend unter Druck sind und mehr Regenerationsbedarf haben. Unser Programm soll ihnen helfen, eine erhöhte Sensibilität für sich und dieses Thema zu entwickeln», erklärt die zuständige Fachfrau Viviane Schmitz. Angesprochen sind Menschen, die nicht schon ausgebrannt sind, aber deutliche Anzeichen dafür spüren. Damit das Ganze nachher in den Alltag transferiert werden kann, schickt das Team die Teilnehmer mit Anleitungen und Trainingsprogrammen nach Hause, bleibt für sie als Coach erreichbar und bietet Re-Checks an.

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Auch der «Lenkerhof» im Berner Oberland setzt auf Nachbetreuung, wenn die Kundschaft zurück im hektischen Alltag ist. Das Fünfsternhaus verkauft sein 2009 lanciertes, philosophisch angehauchtes Wellnessprogramm für Führungskräfte unter dem Titel «Alpine Selfness». Wer sich dafür entscheidet, sinniert eine Woche lang über sich und die Eigenverantwortung im Umgang mit dem ­Körper. Das Versprechen: Mit Hilfe eines Coaches und massgeschneiderter Massnahmen wird die Work-Life-Balance wiederhergestellt. Laptop und Blackberry sollen während dieser Zeit schön im Schrank bleiben. Dafür gibt es als Lektüre Markus Marthalers Buch «Im Tal der ­Stille» mit aufs Zimmer mit Geschichten und Anregungen für die «innere Sammlung im Alltag».

Schwierige Zielgruppe. Auf den eigenen Körper hören, abschalten, innehalten – für ­solche Fähigkeiten sind die stets auf der Überholspur lebenden Manager nicht ­bekannt. Und jetzt sollen sie plötzlich zu einem gesünderen Leben bekehrt werden? Corinne Denzler bezweifelt, dass das funktioniert. «Führungskräfte sind ­eine schwierige Zielgruppe, deren Potenzial oft überschätzt wird. Am Ende wollen sie genau wie wir einfach entspannen und ­geniessen», sagt die Direktorin der Tschuggen Hotel Group («Tschuggen» und «Valsana» in Arosa, «Carlton» in St.  Moritz, «Eden Roc» in Ascona). Sie kennt das Wellnessgeschäft aus dem Effeff und hat im Verlaufe ihrer langen Karriere schon verschiedenste Packages für Manager inklusive Ernährungsberatung, Zeitmanagementkursen oder Personal Fitness Coaching konzipiert und ausprobiert – mit mässigem Erfolg. Denzler weiss, warum: «Den Geschäftsleuten fehlt die Zeit. Und wenn sie sich einmal Erholung ­gönnen, dann greifen viele halt lieber zum Buttergipfeli anstatt zum Vollkornbrot, auch wenn es ungesund ist.» Die Wellnessspezialistin ist zur Erkenntnis gelangt, dass sich die verführerische Atmosphäre eines Fünfsternhauses nur schwer mit dem Anspruch verträgt, den eigenen Körper zu disziplinieren oder gar die eigene Leistungsfähigkeit zu hinterfragen.

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In Pontresina rennen die Manager dem «Kronenhof» denn auch noch nicht die Türe ein. Die Nachfrage nach dem Anti-Burnout-Programm des Traditions­hotels ist zwar zufriedenstellend, aber noch relativ verhalten. «Es braucht viel ­Aufbauarbeit und Mundpropaganda», sagt die Programmverantwortliche, Viviane Schmitz. «Sich kurz vor einem Burnout zu fühlen, ist das eine. Sich dem auch zu stellen, etwas anderes.»

Arbeit am eigenen Körper heisst für die meisten Manager bis dato schlicht und einfach Sport. Sie rennen Marathons, ­golfen, quälen sich stundenlang auf dem Hometrainer ab. Aber Atemübungen? Meditation? Bewusste Auszeiten? Fehl­anzeige. «Gesundheitsprävention hat für Manager primär mit Fitness zu tun. Sie wollen eben auch da leisten und Ergebnisse sehen», beobachtet Thomas Mahler. Seine Firma Navalis mit Sitz in Zürich coacht Führungskräfte, die an Stress leiden, emotional aus der Balance geraten sind und ihre alte Power zurückgewinnen wollen. Mahler setzt dabei auf die von ihm entwickelte Behandlungsmethode «Heart­smart», die auf die Stärkung der emotionalen Kraft und Bewusstseinssteigerung zielt. Der HSG-Ökonom ist überzeugt, dass Manager künftig nur durch die Entwicklung einer «inneren Fitness» fähig sein werden, Topjobs mit extremen Belastungen zu bewältigen. Doch die meisten bräuchten erst einen Zusammenbruch, bis sie das realisierten. «Die Angst, in sich hineinzuhorchen, ist bei Führungskräften gross», beobachtet Mahler. Auch empfinde diese Zielgruppe das Training je nach Übung schnell einmal als «gespürig».

Schlank im Business. Eines haben die Führungskräfte inzwischen erkannt: Ein dicker Bauch ist schädlich – nicht nur für die Gesundheit, sondern auch fürs ­Geschäft. Peter Tschirky stellt fest: «Früher hatten übergewichtige Chefs keine Akzeptanzprobleme. Der Bauch war eine Art Statussymbol. Heute gilt das Schlankheitsideal auch für die Geschäftswelt.» Deshalb steige im Grand Resort Bad ­Ragaz die Nachfrage nach dem Modul «Gewichtsverlust» – auch bei den Herren im Anzug und mit Krawatte.

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