Daimler-Schnauzbart Dieter Zetsche geht schon lange ohne ins Büro. Novartis-Chef Vas Narasimhan oder SBB-Boss Andreas Meyer treten am liebsten schlipsfrei auf. Nestlé-ChefMark Schneider kommt mal mit, mal ohne. Bei den Bossen der Technologieriesen Apple, Microsoft, Dell oder Alphabet gehört Halsfreiheit grundsätzlich zum guten Ton, und selbst im konservativen Bankgeschäft hat die Krawatte ihren Unentbehrlichkeitsstatus eingebüsst: Jamie Dimon, Chef von J.P. Morgan, lässt sie häufig im Schrank hängen, während David Solomon von Goldman Sachs oder Citigroup-Chef Michael Corbat den Binder ganz verbannt haben. Der Trend kommt, wie immer, aus Amerika (wo auch Zetsche jahrelang arbeitete): Die Krawatte als Zeichen der Macht hat ausgedient.

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Ohne Krawatte und mit Sneakers: Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche. 

Quelle: Keystone

Auch Casual kann edel sein

Beruflichen Erfolg und Seriosität drückt der CEO heute nicht mehr durch das Tragen eines vollständigen Anzugs mit Hemd und Krawatte aus – was nicht bedeutet, dass er für sein Outfit weniger Aufwand betreibt. Die Attribute des Erfolgs sind einfach subtiler geworden.

Das edle Langarm-Polo des Chefs stammt vom Luxusdesigner, das ungefütterte Sakko ist massgeschneidert, und für die Patek Philippe am Handgelenk hat er die Hälfte eines durchschnittlichen Jahreslohnes hingeblättert. Je nach Branche outet sich der Vorgesetzte vielleicht aber auch als Nerd und ist mit Apple Watch, Jeans, Spruchshirts oder – wie Adidas-Chef Kasper Rorsted – Sneakers auf der Teppichetage unterwegs.

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Moderne CEOs wollen ihre Firmen nicht mehr dominieren, sondern sehen sich als Motivatoren, als ansprechbaren Teil des Ganzen, ohne Distanz zu ihren Mitarbeitern – und verzichten auch deshalb auf die Krawatte. Sie «brechen» den kompletten Anzug auf, der ja als Rüstung des Mannes der Neuzeit gilt, als Uniform, die Unterordnung und Hierarchie symbolisiert. Und tatsächlich stammt das seidene Accessoire ursprünglich aus dem Dreissigjährigen Krieg. Getragen von den besten Kriegern der damaligen Zeit, den Reitern aus Kroatien, fielen die Seidenbänder erstmals bei einer Präsentation vor Frankreichs König Ludwig XIV. auf. Worauf die Cravat (Croat) bald vom halben europäischen Adel getragen wurde – die Elite wollte Krieger spielen. Also: keine Uniform mehr für viele heutige Chefs.

«Selbst im konservativen Bankgeschäft hat die Krawatte ihren Status als notwendiges Accessoire eingebüsst.»

Uniform gibt Sicherheit

Aber was heisst das für die unteren Teile der Managerpyramide? Hier gilt: Vorsicht beim Nachmachen! Denn nur eine korrekte Uniform gibt Sicherheit. Eine Umfrage der britischen Luxusledermarke Maxwell-Scott im deutschsprachigen Raum ergab, dass sich drei Viertel der Männer durch professionelle Kleidung gestärkt und kompetent fühlen.

Und von aussen betrachtet gilt dasselbe: Mehr als jeder Zweite würde einen Bewerber, der in legerer Kleidung zum Vorstellungsgespräch erscheint, umgehend wieder nach Hause schicken. Das heisst: Was Jupiter, also dem CEO, erlaubt ist, ist dem Ochsen, also allen anderen, noch lange nicht erlaubt.

Keine Tiermuster, auf keinen Fall!

Deshalb hier einige Grundregeln für alle, die noch neu sind im Krawattenland: Finger weg von Tiermustern und Comics! Die Krawattenspitze endet oben auf der Gürtelschnalle, nicht erst im Schritt, wie bei Donald Trump, die Breite orientiert sich an der Breite des Anzugrevers. Wer farblich auf Nummer sicher gehen will, wählt Blau – wie die Briten-Prinzen William und Harry, wie auch Barack Obama. Klar, bequem sind Krawatten nicht.

Doch denken Sie immer daran: Man kleidet sich nicht für seinen aktuellen Job – sondern für den, den man haben möchte. Dressingdown können Sie immer noch praktizieren, wenn Sie selber CEO sind. Aber werfen Sie Ihre Binder nicht weg, denn bis Sie es nach obengeschafft haben, hat die Krawatte garantiert längst ihr Revival gefeiert. Dieses Accessoire ist in der Männergarderobe viel zu wichtig, als dass ein dauerhafter Niedergang droht.

ANA MARIA HALDIMANN ist Stylistin und Personal Shopper in Zürich (ana-style.ch). Davor war sie über 20 Jahre als Moderedaktorin für Zeitungen und Magazine tätig.