Für einen Moment steht alles still. Dann schlägt er mit dem Hammer zu und schreibt Geschichte. Für total 17,75 Millionen US-Dollar hat Aurel Bacs soeben die legendäre Rolex des 2008 verstorbenen Rennfahrers und Schauspielers Paul Newman versteigert – «die ikonischste Armbanduhr des 20. Jahrhunderts», wie Bacs die Rarität anpreist.

Das Video der Auktion im Oktober 2017 in New York wurde schon millionenfach angeklickt. Der Zürcher gilt seither als Auktionator, der den höchsten je bezahlten Preis für eine Vintage-Armbanduhr herausgeholt hat. «Die Uhr war der Adam-und-Eva-Moment des Rolex-Daytona-Mythos», sagt Bacs nun am Telefon aus seinem Genfer Homeoffice.

Es war die erste in Sammlerkreisen wirklich begehrte Uhr. In den 1990er Jahren galt sie nämlich längst als verschollen, Newman hatte sie einige Jahre davor dem Freund seiner Tochter geschenkt. Im Frühsommer 2016 erhielt Bacs plötzlich einen Anruf aus Kalifornien: «Sie wissen nicht, wer ich bin, aber ich weiss, wer Sie sind», sagte ein Mann am Telefon. Er habe Paul Newmans Rolex. «Unmöglich», schoss es Bacs durch den Kopf.

Der Anruf kam jedoch, wie sich herausstellte, von James Cox, jenem Mann also, der die Uhr höchstpersönlich von Newman geschenkt bekommen hatte. Während eineinhalb Jahren bereitete Bacs schliesslich die Auktion vor, lernte Newmans Familie und Zeitgenossen kennen, einige kamen gar an die Versteigerung.

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Je knapper, desto besser

Gewiss, die begehrte Newman-Rolex ist ein Sonderfall. Allerdings zeigt er, welch gigantische Wertsteigerung Zeitmesser mitunter hinlegen. Und dafür muss es nicht einmal zwingend eine Rolex oder Patek Philippe sein – Brands, die unter Sammlern als Blue Chips gelten, weil Uhren dieser Manufakturen immer Käufer finden. Dass die Nachfrage das An­gebot übersteigt, kann mit jeder Uhr ­passieren. Sofern gewisse Voraussetzungen stimmen.

«Eine Sammleruhr muss ästhetisch und technisch interessant sein, sie muss in ­einem guten Originalzustand sein und eine historische Relevanz haben», sagt Bacs. Und sie sollte im Idealfall nicht mehr produziert werden. Je knapper das Gut, desto höher die Chance auf eine Wertsteigerung. Bacs nennt etwa die El Primero A386 von Zenith. 1969 kostete sie ein paar hundert Franken, in den Neunzigern um die 1000 Franken, und heute findet man sie kaum mehr für unter 20 000 Franken.

Begehrt: die Nautilus 3700A aus den 1970er und 1980er Jahren.

Begehrt: die Nautilus 3700A aus den 1970er und 1980er Jahren.

Quelle: Phillips / Phillips.com

Wenig Uhren, viele Sammler

Jedes Jahr um rund 1000 Franken zulegen würden etwa auch die älteren Versionen der Speedmaster «Moonwatch» von Omega oder die Navitimer von Breitling aus den 1960er und 1970er Jahren. Besonders gefragt sind ikonische Modelle, beispielsweise Designs des 2011 verstorbenen Genfers Gérald Genta, der die 1972 erschienene Royal Oak von Audemars Piguet und später die Nautilus von Patek Philippe zeichnete. Kostete die Nautilus 3700A in den Achtzigern um die 4000 Franken, sind es heute zwischen 80 000 und 150 000 Franken.

Als «Top of the Top» der Vintage-Uhren bezeichnet Bacs aber die Rolex-Modelle Moonphase 8171 oder Oyster 6062. Im November 2019 versteigerte er ein rares Oyster-Modell von 1952 für 1,9 Millionen Franken.

Dass der Wert mancher Uhren derart in die Höhe schoss, ist primär der wachsenden Fangemeinde geschuldet. «Als ich vor 30 Jahren mit dem Uhrenhandel begonnen habe, gab es weltweit einige hundert Sammler», sagt Bacs. Durch die Globali­sierung jedoch sind neue Liebhaber aus China, Südostasien, dem Mittleren Osten sowie aus Zentral- und Südamerika dazugekommen – eine Vertausendfachung an Interessenten, doch kaum eine Verhundertfachung an begehrten Uhren.

Diese Oyster wurde jüngst für 1,9 Millionen Franken versteigert.

Rare Rolex: Diese Oyster wurde jüngst für 1,9 Millionen Franken versteigert.

Quelle: Phillips / Phillips.com
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Dilemma mit Sachwerten

Vor diesem Hintergrund mag es verlockend erscheinen, sich ein heute populäres Exemplar zu sichern – und dann ab damit ins Bankschliessfach, um in einigen Jahren den grossen Reibach zu machen. Doch so einfach ist es nicht.

Während sich bei ­Aktien eher erahnen lässt, welche Unternehmen dank ihrer Produkte und Dienstleistungen über die Jahre im Wert steigen, ist das bei Uhren kaum möglich. Zumindest der 1999 verstorbene Börsenaltmeister André Kostolany, der auf allen möglichen Märkten spekulierte, hielt sich zurück mit Sachwerten, sind sie doch meist auch mit einem Dilemma behaftet. So schrieb er, dass ein Sammler nie von der Wertsteigerung profitiere, weil er sich von seinen Stücken nicht trennen könne. Der Spekulant, «der billig zu kaufen und teuer wieder zu verkaufen versucht, wird die Materie hingegen nie gut genug kennen, um langfristig Erfolg zu haben».

«Es ist gefährlich zu meinen, dass Uhren, die heute gesucht sind, auch in Zukunft die gefragten Modelle sind.»

Joachim Ziegler, CEO Les Ambassadeurs

Joachim Ziegler, Chef des Luxus-Uhrenhändlers Les Ambassadeurs, sagt: «Es ist gefährlich zu meinen, dass Uhren, die heute gesucht sind, auch in Zukunft die gefragten Modelle sind.» Mit jeder Generation ändert sich der Geschmack. Die heute begehrtesten Vintage-Uhren sind oft Sport- und Stahlmodelle, die früher wenig beliebt waren. Viele Exemplare wurden deshalb nicht aufbewahrt oder an die nächste Generation weitergegeben.

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«Die Rolex Daytona etwa war keine coole Uhr», sagt Ziegler. «Newman hat sie cool gemacht.» Und so geht er davon aus, dass eine Uhr künftig besonders gefragt sein könnte, von der es heute keiner erwartet.

Klar mache man mit einer Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet nichts falsch. Die nächste Paul Newman jedoch sei vielleicht eine Zenith oder eine Blancpain. Vielleicht auch eine Omega oder eine Longines, die gerade im chinesischen Markt populär sind. Und da der asiatische Markt grösser ist, wird vieles davon abhängen, nach welchen Modellen dortige Sammler künftig jagen. Eine Vorhersage ist schwierig. Hätte man vor 20 Jahren gewusst, dass Manager dereinst mit Sneakers herumlaufen, hätte man auch ahnen können, dass Sportuhren einst so beliebt werden.

Joachim Ziegler, CEO Les Ambassadeurs.

Luxushändler: Joachim Ziegler, CEO Les Ambassadeurs.

Quelle: Marvin Zilm

Das wichtigste Kriterium: Die Geschichte

Eine Uhr in der Hoffnung auf Wertsteigerung zu kaufen, sei der falsche Ansatz, sagt Ziegler. Dann investiere man besser in Aktien. «Die Uhr aber sollte einem vor ­allem gefallen. Und die Dividende ist dann die Freude am Tragen.» Steigt der Wert, ist das ein schöner Nebeneffekt.

Das wichtigste Kriterium, dass eine Uhr zum Sammlerobjekt avanciert, ist ihre Geschichte – jene des Modells und des Einzelstücks. Im Idealfall passt beides. Dass Liebhaber heute für alte Daytona-Modelle von Rolex sechsstellige Preise zahlen, hat viel damit zu tun – und weniger mit der Verarbeitung. Denn als Antrieb setzte Rolex damals auf Standardwerke des später von der Swatch Group übernommenen Herstellers Valjoux, die in vielen namenlosen Chronographen verbaut waren.

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Bei der von Newman getragenen Daytona kam jedoch alles zusammen, was sich ein Uhrenfanatiker erträumt: ein rares Modell, ein berühmter Träger und die Tatsache, dass die Uhr als verschollen galt. Die Krönung verlieh ihr dann eine Liebesbotschaft von Newmans Frau. «Fahr vorsichtig», liess sie in den Gehäuseboden gravieren.