Eine Skidestination, zwei Eigenschaften. Kaum ein Feriengast, der auf das Stichwort St. Moritz nicht als Erstes das Exklusive herausstreicht. Ein «High-Society-Magnet ersten Ranges» sei der Ort, mit ­einer «urbanen Infrastruktur» und «glanzvollen Events rund um die Uhr», heisst es gerne. Doch dann werden, als Kontrast, vermehrt auch die «einzigartige Natur» und die Traumpisten ­erwähnt, dazu die ungezählten Möglichkeiten zum Winter­wandern, Langlaufen und gelassenen Geniessen wenige Schritte vom turbulenten Luxus-Lifestyle entfernt. Die differenzierte Wahrnehmung des schillernden Skiorts im Kopf der Feriengäste und der Einheimischen ist der cleveren Kommunikationsstrategie von Ariane Ehrat zu verdanken, die seit 2008 mit hoher Dynamik als CEO der Tourismusorganisa­tion Engadin St. Moritz agiert. Sie brachte eine neue Sichtweise ins Hochtal, indem sie sich von der Jagd auf Superlative und von der eindimensionalen Glamour-Positionierung vergangener Jahrzehnte löste und St.  Moritz mit dem Engadin (und umgekehrt) verknüpfte. «Das Engadin mit seiner archaischen Bergwelt und alpinen Seenlandschaft ist genauso wichtig wie die flirrend internationale Atmosphäre und das hochklassige Hotel- und Gastroangebot von St. Moritz», sagt Ehrat. Bei der Vermarktung von Engadin St. Moritz braucht Ehrat nichts Neues zu erfinden, sondern nur das Erlebnis in dem zu ­suchen, was schon da ist. Dass dies eine ganze Menge ist, zeigt der BILANZ-Vergleich der weltbesten Skidestinationen (siehe Tabelle im Anhang). Wortwörtlich «top of the world» ist St. Moritz zwar nur in drei von zehn Kategorien, doch die ­Engadiner kommen dafür in fast allen Disziplinen (ausser bei «Familienfreundlichkeit» und «Ortsbild») der Maximalpunktzahl sehr nah. Den Luxus der mondänen lebendigen Vielfalt wissen die Reichen und Erfolgreichen dieser Welt seit Jahrzehnten zu nutzen – allein in der «El Paradiso»-Hütte kann man auf Roger Federer, Jon Bon Jovi, George Clooney oder Liz Hurley stossen. Natürlich hat die glitzernde Winterluxuswelt ihren Preis: Ein genussfreudiges Ehepaar, das sich eine Woche Skiferien in einem Fünfsternehotel leistet, bezahlt in St. Moritz rund 35 Prozent mehr als im kanadischen Whistler (ohne Reisekosten) oder 17 Prozent mehr als in Zermatt. Dies zeigt eine Modellrechnung, die BILANZ für die Hochsaisonperiode vom kommenden Februar erstellt hat (siehe Tabelle im Anhang). Es gibt aber noch teurere Schneesportregionen: Lech am Arlberg übertrifft St. Moritz um rund zwei Prozent, und im französischen Jetset-Tummelplatz Courchevel sind die Gesetze von Preis und Leistung völlig ausser Kraft gesetzt. Hier beläuft sich der Preisunterschied auf 36 Prozent – zugunsten von St. Moritz. Angesichts des Wechselkurses, der ­Urlaubern aus dem Euroraum im Vergleich zum Vorjahr rund 13 Prozent teurere Winterferien in der Schweiz beschert, und der Preiserhöhungen von zwei bis fünf Prozent geht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) von einem leichten Rückgang der Hotelübernachtungen im Vergleich zum Winter des Vorjahrs aus. Die grosse Frage dieser Saison ist, ob die Schweizer – wie im vergangenen Winter – tendenziell im Land bleiben oder wegen der tiefen Euro- und Dollarkurse vermehrt auf den Geschmack von ausländischen Skiorten kommen. Pulverschnee in Übersee. «Die Nachfrage nach Skiferien in Kanada und den USA wächst bei Schweizern stetig und dieses Jahr verstärkt», sagt Kenny Prevost, Geschäftsleitungsmitglied des auf nord­amerikanische Snow Resorts spezialisierten Veranstalters Knecht Reisen. «Doch glücklicherweise ist das Winternischen­geschäft im Vergleich mit dem Sommertourismus kaum vom Wechselkurs bestimmt. Skiferien in Nordamerika sind etwas für Liebhaber, die einen hohen Spassfaktor im Schnee garantiert haben wollen und weite Dimensionen ohne Gedränge an den Liften und auf den Pisten suchen.» Hauptvorteil der Rockies von Colorado und Kanada: Von Anfang Dezember bis Mitte April muss hier niemand um Schnee bangen – neun Meter beträgt der langjährige Niederschlagsdurschschnitt. Der legendäre «Champagne Powder» ist leichter, pulvriger und trockener als bei uns – und lässt sich wie Staub wegwischen, selbst wenn er bis über die Knie reicht. Weitere Highlights: Die Pisten sind bis zur Perfektion bearbeitet und weitaus grosszügiger angelegt als in den Alpen, ­sodass Genuss-Skifahrer keine Angst zu haben brauchen, von Adrenalin-Junkies umgefahren zu werden. Ausserdem wird grosser Wert auf Sicherheit gelegt: Ein Notruftelefon befindet sich stets in Sichtweite. An den Liften wartet man im schlimmsten Fall drei ­Minuten, den bei uns üblichen Nahkampf um Zentimeter kennt man schlicht nicht. Insgesamt fährt man pro Tag auf den Pisten doppelt so viel wie in der Schweiz. Und überall erwarten den Gast ein Lächeln und ein fröhliches «Have a great day!». Zum Beispiel im kanadischen Whistler. 1980 auf dem Reissbrett entstanden, bietet der überraschend charmante Retortenort schon bei der gut zweistündigen Anfahrt von Vancouver ein grossartiges Landschafts­erlebnis. Egal, ob die budgetbewusste Jungfamilie oder der Heliski-Abenteurer anreist: Die Leistungsträger vor Ort versuchen auf allen Ebenen, ihren Gästen mit echter Wertschätzung zu begegnen. Dass den Gastgebern der Winterolympiade 2010 auch sonst vieles bestens gelingt, zeigt die Quersumme der zehn Bewertungskriterien im BILANZ-Vergleich. Den Inbegriff amerikanischen Winterzaubers bietet Aspen. Wo Michael Douglas, Kevin Costner, Jack Nicholson, ­Arnold Schwarzenegger, Steven Spielberg, Cher, Cameron Diaz und halb Hollywood eine eigene Absteige haben, kann man ja nicht ganz falsch liegen. Über dem 1879 gegründeten, natürlich gewachsenen Silberminenstädtchen mit den hübschen viktorianischen Häusern und dem Wildwest-Flair liegen eine entspannte Atmosphäre und der amerikanische Sinn für «easy-going». Selbst in den Toprestaurants der Nobelherbergen «St. Regis» und «The Little Nell» heisst es: «Come as you are» – ein Kleiderzwang wie in manchen Schweizer Alpenpalästen ist hier ­undenkbar. Das Skigebiet verteilt sich auf vier nicht zusammenhängende Berge mit 50 Liften und 300 Pisten, rund die Hälfte davon moderate Genusshänge. Dazu viel Sonne und jede Menge Schnee der Sorte «extra dry». Verausgaben sollte man sich trotzdem nicht: Schliesslich ist auch ­Aspens Nightlife mit den Hotspots ­«J-Bar» und «Belly Up» legendär. Neben Aspen und St. Moritz zählt Zermatt zum Siegertrio im Gesamtvergleich. Der grosse Unterschied zwischen Zermatt und den andern Spitzenorten liegt in der Aura sympathischer Natürlichkeit und dem Versprechen auf ein sportliches ­Erlebnis inmitten atemberaubender, fast schon gefährlicher Berge. Mit authentisch alpinem Flair und familiärem Luxus führt das Matterhorndorf seine Besucher zu den Ursprüngen des Wintertourismus zurück und ist trotzdem am Puls der Zeit. Allein in den letzten acht Jahren sind zwölf trendige Hotels entstanden, darunter das ­puristisch-luxuriöse «Omnia» und das brandneue «Backstage@Vernissage» von Heinz Julen. Im gleichen Zeitraum wurde über eine halbe Milliarde Franken in die Bahn- und Pisteninfrastruktur am Berg investiert, dazu kommen dreistellige Millionenbeträge für Hotelrenovationen und Spa-Erweiterungen im Dorf. Die Folge ist, dass neben dem Skigebiet auch die Hotelwelt, die Restaurantszene und die Skihüttenkultur maximale Werte ­erreichen. Zudem punktet Zermatt bei ­Familien: Kinder bis zu neun Jahren fahren auf allen Bahnen gratis. Relaxte Promis. Einzig die Alternativen für Nichtskifahrer und für Schlechtwettertage sind dürftig: Das Shopping­angebot ist banal, eine öffentliche Therme sucht man vergeblich, und die topografische Steillage bietet Winterwanderern bloss ein beschränktes Wegnetz. Immerhin ist das Engagement des Medienunternehmers Thomas Sterchi bemerkenswert, der mit seinem viel beachteten Event «Zermatt Unplugged» auf dem Sprung in den Musikfestival-Olymp ist und im April zum vierten Mal für ein ­prickelndes ­Ereignis sorgen wird. Besser als in anderen Schweizer Top-Skiorten ist bei den meisten Zermattern das Bewusstsein verankert, dass die Gäste nicht nur zahlen, sondern auch eine ­Gegenleistung erwarten. Sowohl der Grad der Gastfreundschaft als auch das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugen. 75 Prozent der Gäste kommen wieder, darunter viele bekannte Persönlichkeiten. Man kann sich darauf gefasst machen, dass man in der Skihütte Sarah Ferguson trifft, mit Richard Branson oder Roman Abramowitsch die Kabinenbahn teilt oder sich WEF-Gründer Klaus Schwab am abendlichen Dessertbuffet hinter einem brav anstellt. Keine Extrawürste für die Promis, heisst die Devise, und diese ­geniessen es, dass sie in Zermatt einfach sie selber sein können. Auch Lech am Arlberg trotzt der ­globalisierten Welt und den schrillen, ­versnobten Wintersportorten mit edler Urigkeit, lässiger Tradition und familiärem Touch. Das Skifahren steht im Mittelpunkt, und die oftmals anwesenden europäischen und saudischen Könige werden eher selbstverständlich als aufgeregt zur Kenntnis genommen. Viele Hotels haben direkten Pistenanschluss. Die grossen Schneemengen, die mit schöner Regelmässigkeit über der Arlbergregion fallen, sorgen für überdurchschnittliches Pulverglück. Zur Exklusivität von Lech trägt auch bei, dass an Grossandrangs-Wochenenden die Tore für Tagesgäste geschlossen werden und zwei Gipfel zum Heliskiing angeflogen werden können. Ausserdem wird der Bau von Hotelburgen und Zweitwohnungen konsequenter als anderswo verhindert, und die klare Ausrichtung auf bewirtschaftete Betten hat Vorbildcharakter in den Alpen. Sämtliche Rekorde bezüglich verfügbarer Pistenkilometer bricht Courchevel / Trois Vallées mit 600 Kilometer Skivergnügen jedes Schwierigkeitsgrads plus Tiefschneevarianten. Zusammen mit einem Dutzend extravaganter Hotels, die fast ­alle mit den Ski direkt erreichbar sind (Ski-in-/Ski-out-Möglichkeit), und der ­vibrierenden Après-Ski-Szene ergibt das einen Mix, der bei französischen, englischen und russischen Gästen mit der ­nötigen Kaufkraft einschlägt. Gstaad, die einzige weltbekannte Schweizer Schneedestination ohne gravierende architektonische Missgriffe, glänzt trotz diskretem Understatement mit einer Promi-Dichte wie sonst nur ­Aspen – die Namen können spätestens an Weihnachten in der Boulevardpresse nachgelesen werden. Im Übrigen werden genussorientierte, sportlich entschleunigte Wintergäste angesprochen. Gut ein Drittel stammt aus dem Euroraum, weshalb Kurdirektor Roger Seifritz eine durchwachsene Saison 2010/11 erwartet. Zwar liegen die derzeitigen Buchungen der Hotels und Ferienwohnungen knapp auf Vorjahresstand, doch geht Seifritz ­davon aus, dass das Konsumverhalten merklich zurückhaltender sein wird. Schon im letzten Winter übte sich sowohl altes Geld wie lärmend neureiches in ­Zurückhaltung: Statt der Magnumflasche Champagner musste es eine übliche tun. Solider Gegenwert. Potenzial ­haben jene Skidestinationen, deren Preispolitik verhindert, dass ausschliesslich das Bankkonto über die Verbundenheit mit dem Ort entscheidet. Sonst kann aus ­Exklusivität schnell Blutarmut werden – besonders in Zeiten ungünstiger Wechselkurse und eines latenten Hangs zur ­Bescheidenheit auch in zahlungskräftigen Milieus. Daniel Luggen, Kurdirektor von Zermatt, hat diesen Aspekt im Blick. «Wir wollen Gäste mit verschiedenen Portemonnaies glücklich machen», sagt er. «Und vielleicht diese Wintersaison noch besser auslasten als im letzten Jahr.» Dank solidem Gegenwert und sorgfältig diversifizierten Märkten kann Zermatt nicht nur qualitativ, sondern auch betriebswirtschaftlich zu den Gewinnern gehören. Mehr Kopfzerbrechen als die Prognosen für die laufende Wintersaison oder der Vergleich mit der Konkurrenz bereitet den Tourismusdirektoren der allgemeine Rückgang der aktiven Schneesportler. ­Damit die zu Strandferien tendierende Entwicklung bei der New Generation gestoppt werden kann, müssen sich die Alpendestinationen vermehrt bemühen, jüngeren Gästen das unschlagbare ­Erlebnis von stiebendem Schnee, ­prickelnder Bergluft und wildromantischer Natur näher zu bringen.

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